Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Das große Finale

Manu Larcenet bringt mit dem vierten Band von „Blast“ eine Geschichte zu Ende, die etwas völlig Neues versucht. Es gelingt ihr auf großartige, aber auch brutale Weise.

Fast drei Jahre ist es her, dass ich an dieser Stelle über Manu Larcenets Serie „Blast“ geschrieben habe, damals anlässlich des zweiten Bandes, der meine durch den ersten Teil bereits hohen Erwartungen noch übertroffen hatte (https://blogs.faz.net/comic/2011/07/18/kuk-in-die-tiefe-des-graus-und-des-grauens-178/). Damals hieß es noch, die Geschichte werde mit dem dritten Band abgeschlossen, aber Larcenet hat doch noch einen vierten und damit insgesamt 800 Seiten gebraucht. Jetzt ist der Comic endlich komplett in Frankreich erschienen (im Verlag Dargaud), und dank Reprodukt wird er in etwa einem halben Jahr auch in Deutschland herauskommen.

Aber so lange darf ich nicht warten, um meine Begeisterung für diese Arbeit auszudrücken, denn ich stehe noch ganz im Bann der Lektüre des Abschlusses. Kurz zur Erinnerung: „Blast“ setzte ein mit der Vernehmung von Polza Mancini, einem übergewichtigen Landstreicher, dem die schwere Verletzung einer jungen Frau zur Last gelegt wurde. Doch über diese Tat erfuhren wir erst mal nicht mehr als den Vorwurf; stattdessen begann Polza, den beiden ihn verhörenden Polizisten seine Geschichte zu erzählen: wie er nach dem Krebstod seines Vaters in die Wälder ging und dort unter Drogeneinfluss die Befreiung von aller irdischen Last im Blast, einem visionären Ausnahmezustand, kennenlernte. Larcenet, einer der wagemutigsten Comicautoren Frankreichs, ließ die Bilder, die Polza während dieser Blasts zeigten, von seinen Kindern in knallbunten Farben zeichnen.

Der Comic wählte also bereits ungewöhnliche Mittel, noch bizarrer allerdings ist seine Geschichte. Recht bald merkte man, dass in Polzas Erinnerungen Lücken klaffen, und was ihm im Wald widerfährt, ist von einer Grausamkeit, die keinen Leser kaltlassen wird, einige geradezu verstört hat. Trotz dem von Larcenet durchaus bewusst geweckten Ekel vor der Physiognomie des vogelgesichtigen fetten Vagabunds und etlichen seiner bedenkenlosen Taten wird man unaufhaltsam auf Polzas Seite gezogen: Das Mitleid triumphiert. So bleiben Signale, dass sich die Sache auch anders verhalten könnte, als von Polza geschildert, unbemerkt, obwohl die einzelnen Alben immer wieder durch entsprechende Nachfragen der Polizisten unterbrochen werden.

Das ist auch im vierten und letzten Band so (die Anfangsseiten sind hier zu finden: https://www.dargaud.com/bd-en-ligne/blast-tome-4,6589), nur dass nun endlich die Geschichte des überfallenen Mädchens erzählt wird und am Schluss ein dreißigseitiger Epilog steht, in dem nun die beiden Polizisten Jahre nach den Geschehnissen einem Dokumentarfilmer Auskunft geben, so dass endlich auch die Lücken gefüllt werden, die Polzas verschiedene Blasts in die Handlung gerissen haben. Plötzlich wird klar, dass die Ausblendung des Geschehens im Rausch das zentrale Motiv der ganzen Geschichte war, und aus dem Rückblick erzählt sich alles noch einmal anders – nicht neu, aber schrecklicher.

Dadurch wird erst klar, wie geschickt Larcenet von Beginn an Details eingesetzt hat, zum Beispiel die Vorliebe Polzas für Schokoriegel. Selten ist ein Comic komplexer erzählt worden als „Blast“, die psychologische Dichte und der Spannungsaufbau sind grandios. Dazu tritt Larcenets tiefdunkle Graphik, die gar nichts von jenen Serien hat, mit denen er berühmt geworden ist (zum Beispiel „Der alltägliche Kampf“). Dadurch, dass mittlerweile Originalzeichnungen zu „Blast“ auf den Markt gekommen sind, weiß man, dass er jedes Panel als Einzelbild angelegt hat – eine Methode, die Enki Bilal populär machte. In den Originalen gibt es keine Textelemente, es sind Stimmungszeichnungen, die dann erst von Larcenet zu Seiten arrangiert, mit Text versehen und meist auch noch einmal am Computer überarbeitet worden sind.

Der vierte Band allerdings ist klassischer konzipiert als seine drei Vorgänger insofern, als dass Larcenet hier die Panels scharf voneinander abgrenzt und kaum noch auf spektakuläre ganzseitige Zeichnungen setzt. Es ist, als werde es immer enger um Polza Mancini, und das entspricht auch genau der Handlung – bis hin zur Entscheidung, die der Beschuldigte schließlich zu treffen hat. Mehr auch als die Vorgängerbände ist „Blast 4“ (der den auch im Kontext von Larcenets Werk sehr anspielungsreichen Untertitel „Angenommen, die Buddhisten irrten sich“ trägt) nach Krimi-Schema aufgebaut, vor allem natürlich durch die Auflösung am Schluss, aber gleichsam vorher schon setzt Larcenet eher auf Suspense als auf Atmosphäre. Das verschafft dem ganzen Mammutprojekt aber zum Finale zusätzlichen Schub: Man folgt den Ereignissen atem- und fassungslos. Larcenet ist der Comiczeichner, der Dürrenmatts Feststellung, eine Geschichte sei erst dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat, am konsequentesten umsetzt.

Dass dann noch Larcenets Freund und gelegentlicher Szenarist Jean-Yves Ferri (der neue Autor von „Asterix“) ein paar eigens gezeichnete Folgen eines lustigen Comic-Strips in „Blast“ einrücken kann, die von Polza in der Zeitung gelesen werden, ist ein zusätzliches Schmankerl. Denn nicht nur ist dieser Gag-Strip um einen depressiven Eisbär, der auf seiner kleinen Eisscholle von einem Pinguin psychoanalytisch behandelt wird, eine subtile Spiegelung der sonstigen Ereignisse, nein, bisweilen verschwimmen in Polzas Vorstellungen auch die Grenzen zwischen seiner Comic-Lektüre und dem eigenen Leben. Diese wenigen Momente eines comic relief (im doppeldeutigen Sinne) zeigen Larcenet einmal mehr als den großen Humoristen, der er auch ist.

Schule machen aber wird er mit der Gewalt (wörtlich wie ästhetisch gemeint) seiner Bilder, die diesmal neben dem aquarellierten Grau der Haupthandlung und der knalligen Farbigkeit der Blasts auch noch im Epilog eine Ultramarin-Tönung bei Rückblenden als weitere Ebene zu bieten haben. Wieder einmal hat ein Comic-Künstler damit Neuland betreten. Auch für die Abgründe der Conditio humana hält diese Erzählform nun ein exemplarisches Werk bereit.