Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Vor dem Horizont geht’s immer weiter

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Der italienische Illustrator Alessandro Sanna erzählt in „Der Fluss“ ohne jedes Wort vier kleine Geschichten – eine große Kunst, und ohne jede Effekthascherei.

In der letzten Woche pries ich Judith Vanistendael für ihre kongenial wortarme Erzählweise in „Als David seine Stimme verlor“. Nun aber liegt ein Comic vor mir, der ganz auf Worte verzichtet. Oder besser gesagt: der neben seinem Titel „Der Fluss“ nur noch vier weitere Worte bietet: Herbst, Winter, Frühling, Sommer. So heißen die Kapitel dieser Geschichte, und ihr Zeichner Alessandro Sanna schafft dazu eindringliche stumme Bilder. Man brauchte die explizite Bezeichnung der Jahreszeiten gar nicht.

Wobei das, was er erzählt, denkbar beredt ist. Ja, der titelgebende Fluss ist die Hauptfigur, denn er bringt all die Stimmungen hervor, die Sanna mit seinen impressionistischen Aquarellen heraufbeschwört – Reminiszenzen ans heimische Mantua in der Po-Ebene, deren Zauber der Künstler in einem kleinen Nachwort beschreibt (womit denn doch noch ein paar Sätze in diesem Buch zu lesen sind). Aber es sind dann doch Menschen, von denen Sanna in seinen vier Episoden erzählt: von einem Radfahrer im Herbst, einem Vater und seiner Tochter im Winter, einem Liebespaar im Frühling und einem Maler im Sommer. Wobei der eigentliche Held im letzten Kapitel der Tiger aus einem Zirkus ist, der durch ein heftiges Sommergewitter die Freiheit gewinnt und die Po-Ebene in eine exotische Landschaft verwandelt, die dem Maler ein neues erfolgreiches Sujet beschert.

Meist zeichnet Sanna die Figuren nur als Silhouetten, die vor den Lichtspektakeln der Jahreszeiten agieren wie auf einer Schattentheaterbühne. Alle Panels sind seitenbreit angelegt, und nur gelegentlich wird das strenge Schema von vier solcher scopeartigen Bilder pro Seite unterbrochen für ein größeres Motiv. Immer sind wir zudem auf Augenhöhe mit dem Horizont, und so kann Sanna sich auch leisten, bisweilen auf jede landschaftliche Ausgestaltung zu verzichten und allein auf seine Farben zu setzen, die er in der Nachfolge von William Turner in suggestive Formen bringt, denen wir Wolken, Wasserläufe, Wälder ablesen können, aber nicht müssen. Die diffusen Nebeltage der norditalienischen Ebene erfahren hier ihre adäquate Umsetzung.

Auch die Geschichten sind unbestimmt. Mag sein, dass der Radfahrer vor allem Held einer Rettungsgeschichte bei Hochwasser ist. Möglich, dass in der Winter-Episode die Überlegenheit von unmittelbarer Anschauung über abstraktes Schulwissen thematisiert wird. Aber man wird Alessandro Sanna eher gerecht, wenn man seine vier Geschichten selbst auch als Stimmungsphänomene betrachtet, die zu den saisonal bedingten Farben- und Formenwechseln die passenden Emotionen wecken: von den Unwirtlichkeiten des Winters abgetrotztem Leben bis zum Überschwang des Sommers. Dass das Finale mit der heißen Saison bestritten wird, löst Sannas Buch zusätzlich aus allen gängigen Mustern der allegorischen Deutung des Jahreslaufs als Lebensabbild , wie sie etwa bei Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ üblich sind.

Im 2013 in Italien erschienenen Original heißt dieses Buch übrigens „Fiume lento“ – der langsame Fluss. Beim Peter Hammer Verlag hat man sich fürs noch Allgemeinere entschieden, womit allerdings die Gegeneinandersetzung der Ruhe des Flusses und der doch eher hektischen Aktivitäten der Menschen (mit Ausnahme des Malers) verlorengeht. Dagegen hat man erfreulicherweise auf den viel zu einengenden Untertitel der Originalausgabe verzichtet: „Un viaggio lungo il Po“. Das kann man auch so bemerken, und je weniger Worte man darum macht, desto besser. Sanna hat übrigens auch eine teilanimierte Kurzversion hergestellt, die man sich dan ansehen kann, wenn man einen Eindruck von der Bildsprache bekommen möchte (https://www.alessandrosanna.com/wp-content/uploads/2013/08/Fiume-Lento-vers.-corta.1.mpeg). Sonst aber ist das Buch ungleich viel besser, schon des Breitwandformats der Bilder wegen. Leider bietet der deutsche Verlag keine Beispielseiten.

Was wohltut ist der Verzicht auf die Bezeichnung „Graphic Novel“, die hier nahegelegen hätte, weil ja mittlerweile alles, was sequentiell erzählt wird, mit diesem Verkaufssiegel versehen wird. Der im Bilderbuchbereich seit Jahrzehnten etablierte Wuppertaler Peter Hammer Verlag lässt das Genre offen. Und das passt wunderbar zur freien Haltung, die diese Geschichte auszeichnet.


1 Lesermeinung

  1. Toter Link, hier kommt der richtige
    https://www.alessandrosanna.com/wp-content/uploads/2013/08/Fiume-Lento-vers.-corta.1.mpeg
    Viel Spass damit…

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