Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ganz nahe mit dabei am Rande der Gesellschaft

Christopher Burgholz macht in seinem Comic „Penner“ einen Obdachlosen zum Protagonisten, und er tut das ohne falsche Dramatik so eindrucksvoll, als hätte er eine Reportage gezeichnet.

Immer wenn ich frühmorgens meine Laufstrecke im Frankfurter Grüneburg-Park absolviere, fällt mir ein Mann auf, der neben einer Tischtennisplatte schläft – daneben, weil die Tischtennisplatte großzügig überdacht ist. Es ist eine seltsame Welt, die für Sportgeräte bessere Nutzungsbedingungen schafft als für die Gescheiterten. Aber immerhin kommt dieser Luxus den Gescheiterten dann als Wetterschutz zugute.

Wobei die Frage offenbleiben muss, ob der Mann im Park sich überhaupt als gescheitert empfindet. Obdachlosigkeit – oder im Behördendeutsch: Nichtsesshaftigkeit – ist häufig freiwillig gewählt, wobei man bezweifeln darf, ob die von den Kommunen oder wohltätigen Organisationen angebotenen Asyle als Alternative überhaupt plausibel wären. In ihnen herrscht nicht immer Frieden, und natürlich gelten dort Benimmregeln, die für etliche Menschen, die auf der Straße leben, schwer akzeptabel sind; so etwa ein striktes Alkoholverbot.

Walter ist ein solcher Mann auf der Straße, er dürfte Mitte vierzig sein, sein früheres Leben hat er buchstäblich durch einen selbstverschuldeten Unfall an die Wand gefahren, der Job war danach weg, und Frau und Tochter haben ihn verlassen. Nun lebt er mit einem Rucksack für seine spärlichen Besitztümer auf den Straßen einer nicht allzu großen Stadt, schlägt sich mittels der Essensabfälle in den örtlichen Mülleimern durch und verdient sich mit dem Aufsammeln weggeworfener Pfandflaschen ein wenig Geld, das sofort in billigen Fusel umgesetzt wird. Bisweilen nutzt Walter Hilfseinrichtungen und den Beistand des Sozialarbeiters Erik, doch am liebsten will er in Ruhe gelassen werden. Schmerz – seelischer wie körperlicher – wird für ihn durch nichts so zuverlässig betäubt wie durch Alkohol.

Walter ist eine fiktive Figur, aber der Münsteraner Comiczeichner Christopher Burgholz (Jahrgang 1988) hat ihn so nahe bei der Wirklichkeit verankert wie nur möglich. Auch dadurch, dass die großen Dramen, die sich während der sechzigseitigen Geschichte anzudeuten scheinen, nicht eintreten (oder zumindest nicht explizit auserzählt werden). Gerade durch den Verzicht auf spektakuläre Widrigkeiten werden aber die kleinen Schwierigkeiten und Demütigungen, mit denen Walter konfrontiert ist, umso bedrückender, denn hier gibt es keinen bequemen Trost durch den Rückzug aufs erkennbar Fiktionale. Wenn Walter etwa den ihm angebotenen Platz in einer Notunterkunft ablehnt, weil er mit den anderen Insassen nicht zurechtkommt, versteht man noch etwas besser, was Menschen auf die Straße treibt.

Die Beschränkung auf nur eine Zusatzfarbe – ein mattes Rosagrau – trägt zusätzlich zur beklemmenden Stimmung dieses Comics bei, und selbst die sparsam gewählten seitenarchitektonischen Finessen reißen bei der Lektüre nie aus der dokumentarischen Grundstimmung heraus (eine Leseprobe findet sich hier: https://www.jajaverlag.com/penner.html). Der 1988 geborene Burgholz erweist sich mit diesem Debüt als ein überaus geschickter Zeichner, der das Mittel der Reduktion dort anwendet, wo es nötig ist. Hier gilt es für die ganze Geschichte. Solche graphische Zurücknahme im Dienste des Erzählten ist im so gern durch Opulenz blendenden Comic-Gewerbe alles andere als selbstverständlich. Man kann dem relativ jungen Jaja-Verlag aus Berlin nur zu dieser Entdeckung gratulieren.