Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Zwanzig Seiten Einblick in ein Flüchtlingslager

| 3 Lesermeinungen

Ende 2013 reiste der Berliner Comiczeichner Reinhard Kleist in den Nord-Irak. Was er dort sah und hörte, hat er für Arte aufgezeichnet, die diese Reportage jetzt ins Netz gestellt hat.

Am 6. November 2014 beschloss Reinhard Kleist eine kleine Ära: Mit der letzten Folge seines Fortsetzungscomics „Der Traum von Olympia“ endete nach dreizehn Jahren die Tradition des werktäglichen Comic-Strips im Feuilleton der F.A.Z. Dass Kleist als letzter Zeichner zum Zuge kommen würde, war nicht abzusehen gewesen, als er im vergangenen Juli mit seiner Serie begann, aber sie war ein würdiger Abschluss, denn dieses Flüchtlingsdrama nach der wahren Geschichte einer somalischen Läuferin, die auf dem Weg zu den Olympischen Spielen von London 2012 im Mittelmeer ertrunken ist, fand bei den Zeitungslesern große Aufmerksamkeit – wie auch schon Kleists Comic „Der Boxer“, der zwei Jahre zuvor in der F.A.Z. erschienen war und die Lebensgeschichte von Herzko Haft erzählte, der als jüdischer KZ-Häftling durch seinen Kampfesmut überlebt hatte und dann Profiboxer in Amerika geworden war. Auch das eine wahre Geschichte.

Reinhard Kleist ist einer der wenigen deutschen Comiczeichner, die mit solchen Biographien, aber auch mit Reportagen neue Felder für ihr Fach erschließen. Eine Reise nach Kuba, die er vor Jahren zur Vorbereitung seiner Fidel-Castro-Comicbiographie unternahm, ergab ein prachtvolles Buch namens „Havanna“, einen Zwitter zwischen Comic und Bildband. Und eben eine Reportage. Seitdem hat Kleist diese Gattung intensiviert.

Vor einem Jahr, Ende November, Anfang Dezember 2013 fuhr Kleist auf Einladung des Fernsehsenders Arte nach Kawergorsk. Was wie der Name einer ostukrainischen Separatistenhochburg klingt, ist in Wirklichkeit ein Zeltlager im Nord-Irak für syrische Bürgerkriegsflüchtlinge. Dort verbrachte Kleist mehrere Tage, schlief mit in den Zelten, sprach mittels eines übersetzenden Lagerinsassen mit den Menschen, zeichnete auf, was er sah und hörte – und ließ zeichnen.

Denn Kleist führte in Kawergorsk auch kleine Workshops mit den dort lebenden Kindern durch, und er bat sie, ihre Sicht aufs Lager zu zeichnen. Etliche dieser Kinderbilder sind mit in die zwanzig Comicseiten, die Kleists Reportage „Kawergorsk – 5 Sterne“ nun umfasst (https://info.arte.tv/de/kawergosk-5-sterne-eine-comicreportage-von-reinhard-kleist), eingegangen, und es ist verblüffend, wie leicht verständlich diese Zeichnungen sind. Kinder finden überall auf der Welt dieselben Ausdrucksmittel für ihre Ängste und Faszinationen.

Das ist einer der beiden besonders interessanten Aspekte von Kleists Netzcomic. Der andere ist die Montage seiner eigenen Lagerskizzen. Immer wieder sind diese ursprünglichen Zeichnungen integriert, erkennbar am bloßen Schwarzweiß und der Simulation kleiner Papierstücke als Bildträger, während die später ausgefertigten Panels farbig angelegt sind, in warmen Aquarelltönen, die ein Wüstenlicht über die Seiten werfen, das in einem Touristenort höchst reizvoll wäre. Doch hier scheint die Sonne über einem elenden Camp.

Man merkt „Kawergorsk – 5 Sterne“ die Kenntnis der Comicreportagen von Joe Sacco an. Wie könnte Kleist daran auch vorbeigehen? Die Einbeziehung des Zeichners selbst in die Geschichte und der Beginn mit frontal erzählten Erlebnissen durch seine Gesprächspartner sind Methoden, die Sacco zu Markenzeichen einer Comicreportage gemacht hat. Kleist nutzt sie konsequent, auch wenn das, was Farhan und seine syrische Familie zum Auftakt berichten, erst einmal nichts über die Reportagekonstellation verrät. Sie kommt später ins Spiel, wenn Kleist sich selbst im Auto auf dem Weg nach Kawergorsk zeichnet und auf Seite 4 ein großes Splash-Panel den Blick auf das Lager zeigt.

Formal ist sehr interessant, dass Kleist ungeachtet des Publikationsforums im Netz die klassische Seitenstruktur beibehält – sogar derart streng, dass es eine erste Aufschlagseite und danach jeweils Doppelseiten gibt, eh wieder eine einzelne die Reportage beschließt. Das ist ästhetisch bedauerlich, aber von Kleists Standpunkt eines traditionellen Zeichners aus verständlich. Zumal bei etwaiger späterer Buchpublikation keine gravierende Ummontierung erforderlich wäre.

Was jedoch einmal mehr die Grenzen von Comicreportagen deutlich macht, ist der seit dem Besuch verstrichene Zeitraum. In dem Jahr seit Kleists Besuch hat sich die Lage im Irak und in Syrien gewandelt; von der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ war seinerzeit noch gar keine Rede. In Kawergorsk dürfte ihr Vormarsch als Bedrohung wahrgenommen worden sein, doch all das kann keine Rolle spielen in einer Geschichte, die vor einem Jahr erlebt und danach mit einem Aufwand gezeichnet wurde, der eben monatelange Arbeit erforderte. Da haben es Schriftsteller, Kameraleute oder Fotografen einfacher.

Das ist Comiczeichnern bewusst, und dadurch gibt es für sie andere Herausforderungen als den schnellen Scoop. Eine Comicreportage muss das auf Dauer Wahrhaftige und Exemplarische in den Mittelpunkt stellen, wollte sie nicht bereits im Moment ihres Erscheinens überholt wirken. Bei Kleist ist es diese zeitlose Wahrheit: die Reaktion der Menschen auf die bedrückenden Umstände ihres Lagerdaseins. Und egal, wohin sie sich mittlerweile – hoffentlich – gerettet haben, diese Konstellation werden sie leider überall im Nahen Osten der gegenwärtigen Völkerfluchtwanderungen wiederfinden.


3 Lesermeinungen

  1. Lieber Herr Platthaus,
    Ihre Aufforderung „Diskutieren Sie mit!“ ist ein Witz, wenn Sie keinerlei fragende/kritische Leserbeitraege freischalten, selbst wenn sie in einem fairen Ton verfasst sind!! Dann halten Sie es doch bitte gleich wie Herr Gumbrecht, der ebenfalls an Leserkritik nicht interessiert ist, aber wenigstens die Kommentarfunktion aller seiner Artikel gleich ausschaltet. Das ist weit ehrlicher als das, was Sie hier betreiben! Sehr „donaldistisch“ ist Ihr Herrschaftsgehabe ueberhaupt nicht. Sie scheinen eine eigenartige Idee von einem Blog als Einbahnstrasse zu besitzen. Nun, gefahren Sie damit wohl. Etwas mehr Ehrlichkeit im Diskurs haette ich mir gewuenscht, bin aber damit bei Ihnen offenbar voellig an der falschen Adresse.

  2. Nichts Neues von Volker Reiche?
    In der Einleitung Ihres Blogeintrags schreiben Sie, dass es nun keine werktaeglichen Comics in der FAZ mehr geben wird. Warum denn?? Hatte Volker Reiche keine Lust mehr seine angekuendigte Fortsetzung zu Strizz/Zukunftscafe zu zeichnen?? Gibt es keine Ersatz ausser Streichen? Sehr, sehr schade!!!

  3. Buchstäblich Kund tun wie dieser Künstler ,einer der "Gerechten",
    hütet die Ereignisse von vielen.
    Alle Achtung und Dank.

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