Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Finnen unterm Hakenkreuz

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Unschuld muss leiden: Petteri Tikkanen erzählt von einer Jugend in der Provinz, die Liebeswirren, Musikbegeisterung und Geschmacksverirrung noch zusätzlich erschweren.

Wer es zuvor noch nicht wusste, dem hat die diesjährige Frankfurter Buchmesse leicht gemacht, es nun zu lernen: Finnland ist eine Comicnation. Und dafür, dass einige Comics von dort jetzt auch auf Deutsch zu lesen sind, hat sich die finnische Ehrengastrolle schon gelohnt. Vor allem für die von Reprodukt verlegte Anthologie „Comic Atlas Finnland“, die bereits im Frühjahr erschienen ist, mitkuratiert von dem deutschen Zeichner Sascha Hommer.

Petteri Tikkanen war nicht darin vertreten. Das überrascht wenig, wenn man sich nun sein mehr als 260 Seiten starkes Opus „Blitzkrieg der Liebe“ ansieht, das nun der Avant Verlag publiziert hat (Leseprobe hier: https://www.avant-verlag.de/comic/blitzkrieg_der_liebe). Avantgardistisch ist da nichts, also ist es auch nicht attraktiv für Vertreter eines experimentellen Comicbegriffs wie Hommer (der sich allerdings mit seinem Album „Insekt“ in großer emotionaler Nähe zum bereits 2009 erschienenen „Blitzkrieg der Liebe“ bewegt). Der Amerikaner James Kochalka ist der wohl wichtigste Einfluss auf den 1975 geborenen Tikkanen, jedenfalls sprechen Strich und Prinzipien der Seitenarchitektur ebenso dafür wie die Liebe des finnischen Zeichners zu Zusatzfarben. Ich bin kein Fan von Kochalka, also bin ich auch keiner von Tikkanen geworden.

Aber seine Geschichte über den Jungen Eero, der in der finnischen Provinz aufwächst und das Liebesleid der Pubertät damit kompensiert, dass er eine Punkband gründet, die sich mit Accessoires der Wehrmacht schmückt, hat einen unschuldigen Charme, der bisweilen bezaubert. Dann aber auch wieder durch manche Banalität und übermächtigen Willen zur Symbolik abschreckt. Vogelflug und Nestbau – geht’s noch schlichter?

Dagegen ist die Familie von Eero grandios charakterisiert: der trinkende Vater, der den Sohn vorm Alkohol bewahren will, oder der Großvater, der im Zweiten Weltkrieg mit den Nazis zusammen gegen die Sowjets gekämpft hat, nun aber den Enkel vor dem Wehrdienst warnt. Die Authentizität dieser Konstellation wird durch ein doppelseitiges Bild auf Vor- und Nachsatzpapier bestätigt, das den damals siebzehnjährigen Tikkanen mit seiner Fahrradgang zeigt: auf einem Bonanza-Rad mit Elchgeweih am Lenker und Chopper-Rahmen, dazu ein Stahlhelm mit Hakenkreuz. So genau wollten wir es zwar gar nicht wissen, aber damit glaubt man der Figur Eero ihre Naivität, was martialische Symbole angeht, eher.

Im Regelfall hat jede Seite nur zwei Bilder, weshalb sich der dicke Band im Tempo eines Manga in weniger als einer Dreiviertelstunde lesen lässt. Und ganz zum Schluss, wenn Eero seine ersten Tage als Rekrut in der Kaserne verbringen muss, gelingen Tikkanen auch höchst einfallsreiche Sequenzen, die zeigen, dass da jemand erzählt, der die Grammatik des Comics beherrscht. Das hat man zuvor leider nicht bemerkt; die Monotonie des nur selten durch ganzseitige Bilder (einmal, beim Debütkonzert von Eeros Band „Mad Caps“, gibt es gar ein doppelseitiges) aufgelockerten Rhythmus der Seitenabfolge hat nie – wie etwa beim ähnlich arbeitenden Nicolas Mahler – ihr Gegenstück in einer schwerelosen Graphik. Vielmehr sind Tikkanens Figuren unnötig grobflächig gezeichnet – und auch das ist just in der Kasernenepisode dann einmal anders. So würde man Petteri Tikkanen gern weiterzeichnen sehen. Aber dann ist bald schon Schluss mit „Blitzkrieg der Liebe“. Eero ist erwachsen.


1 Lesermeinung

  1. Tschuess, Herr Platthaus!
    Da Sie offensichtlich den Sinn Ihres Blogs als eine unidirektionale Selbstdarstellung sehen, und aufgeforderte Diskussionsbeitraege schlicht nicht freischalten, verabschiede ich mich heute als Lesender Ihres Blogs. Sie koennen weiter als Kleindespot agieren und, ungleich des viel ehrlicheren Herrn Gumbrecht, der von vornherein keine Diskussionsbeitrag zu seinen literarischen Erguessen gestattet, ihre hypokritische Einladung „Diskutieren Sie mit!“ weiter am Ende ihrer Eintraege darstellen. Zu ihren letzten fuenf Blogs gibt es auch jeweils nur 0 Lesermeinungen, die Sie in Ihrer herrschaftlichen Art freizuschalten geduenkt haetten. Sie sind KEIN Donaldist, werter Herr Platthaus, selbst Scrooge McDuck ist selbstbewusster und toleranter als Sie. Geniessen Sie ihre Dominanz ueber Ihren Blog – aber dieser Lesende verabschiedet sich von Ihnen. Tschuess!!

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