Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Das furiose Doppelspiel des Königs

Als Ralf König vom Attentat auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ erfuhr, machte ihn das sprachlos. Er, der wie kein zweiter prominenter deutscher Comicautor in Wort und vor allem Bild für die Meinungsfreiheit eingetreten ist, flüchtete sich in die Arbeit und gab keinen Kommentar zum Ereignis ab. Mit  „Prototyp“, „Archetyp“ und „Antityp“, seiner Comictrilogie nach Bibelmotiven, hat König erfahren müssen, was für einer Kritik man sich in religiösen Kreisen aussetzt, wenn man die Kraft des Lachens gegen die des Glaubens setzt. Dass solche Kritik in Mord umschlagen kann, hat König nicht überrascht; das Ausmaß des Massakers schon.

Aber er hat es auch satt, sich von Fanatikern das Leben und die Kunst vergällen zu lassen. Nach dem religiösen Furor hatte König sich deshalb zuletzt wieder auf seine langlebigsten Figuren, auf die seit 1989 immer wieder von ihm gezeichneten (und seit 1993 als eigene Comicalbenreihe veröffentlichten) Konrad und Paul, zurückgezogen. Und das diesmal gleich mit einer doppelten Publikation: Im vergangenen Frühjahr erschien bei Rowohlt, Königs Stammverlag fürs Populäre, der Band „Raumstation Sehnsucht“, jetzt legte König noch nach mit „Barry Hoden – Im Weltall hört dich keiner grunzen“, einem homoerotisch expliziteren, oder sagen wir besser: drastischeren Comic, der deshalb seinen Platz im einschlägigen Männerschwarm-Verlag gefunden hat.

Zwei Comics innerhalb eines Jahres, das ist bei König nichts Ungewöhnliches. Eine Besonderheit aber ist die Verknüpfung der beiden Bände, denn „Barry Hoden“ ist die Fortsetzung von „Raumstation Sehnsucht“, allerdings nicht vorrangig  in dem Sinne, dass darin etwas zu Ende gebracht würde, das der Vorgängerband  offen gelassen hätte. Vielmehr wechselt König die Schwerpunkte aus: Im Rowohlt-Band (Leseprobe unter http://www.rowohlt.de/fm90/131/Koenig_Konrad_Paul_Raumstation_Sehnsucht.pdf) steht Paul im Mittelpunkt, der gerade an einem schwulen Science-Fiction-Epos schreibt, dann aber wegen familiärer Probleme aus Köln zu seiner schwangeren Schwester nach Frankfurt am Main reist und dort seinen Schwager trifft, der, gelinde gesagt, Pauls sexuellem Beuteschema entspricht. Gleichzeitig verliebt sich der in Köln zurückgelassene Konrad in seinen schüchternen Klavierschüler. Und zwischen all diesen Irrungen und Verwirrungen sind Kapitel aus Pauls Weltraum-Roman eingeschoben, dessen Held den Namen Barry Hoden trägt.

Man kann sich also denken, was sich nun in dem nach dieser Figur benannten Band (zu dem es leider keine Leseprobe gibt) ändert: Hier steht das Raumfahrtabenteuer im Mittelpunkt, während die Liebes- und Schreibprobleme von Konrad und Paul die Funktion von Intermezzi annehmen. Hatte König in „Raumstation Sehnsucht“ die Barry-Hoden-Kapitel meist  noch in Prosa erzählt und zunächst nur durch Einzelillustrationen ergänzt, die zudem schwarzweiß gehalten waren, wird das Ganze nun zum durchweg farbigen Comic, was die bisherigen Genregrenze innerhalb der Handlung einreißt. Das allerdings wr im ersten Teil schon dadurch angelegt, dass auch hier der gezeichnete Anteil am „fiktiven“ Erzählen immer größer wurde. Subtiler also war „Raumstation Sehnsucht“, schon allein deshalb, weil der Titel des Buchs nicht einfach eine Persiflage auf das Theaterstück „Endstation Sehnsucht“ ist, sondern tatsächlich einige Strukturen des Geschehens ihren Ursprung in Tennessee Williams‘ Drama haben.

Dafür ist „Barry Hoden“ lustiger, weil Ralf König hier seiner Phantasie (und nicht nur der sexuellen) freien Lauf lässt. Auch dieser Titel persifliert: die deutsche Science-Fiction-Serie „Perry Rhodan“, doch mit diesem Vorbild hat die Handlung im zweiten Buch nichts gemein. Der Paul nicht ganz zufällig sehr ähnlich sehende Barry Hoden wird durch ein Schlurchloch in einen weit entfernten Teil der Galaxis verfrachtet, in dem eine seltsam entsexualisierte Gesellschaft lebt, die ihm den Wissenschaftler Gon Rath als Betreuer zuteilt, der ebenfalls nicht ganz zufällig wie Konrad klingt und aussieht (wenn auch ohne Brustwarzen und Testikel). Was im ersten Teil mangels zahlreicher Bilder noch rein durch Text vermittelt wurde – die Überführung von Pauls und Konrads Eheproblemen in den Science-Fiction-Roman des Ersteren –, das ist hier Auslöser einer wilden Parodie, in die jetzt das ganze Personal aus der „realen“ Welt miteinbezogen wird, also auch Konrads alte Freundin Brigitte, Pauls Schwester und der angebetete Schwager sowieso.

König zeigt sich auf der Höhe seines erzählerischen Könnens – und im Verteilen der beiden Bücher auf die jeweils passenden Verlage auch auf der Höhe seiner strategischen Werkplanung. „Barry Hoden“ dürfte er Rowohlt gar nicht erst angeboten haben, und so kommt Männerschwarm (als gleichfalls langjähriger König-Verlag) auch noch zum dickeren der beiden Teile (223 vs. 155 Seiten). Was sich in „Raumstation Sehnsucht“, aber auch in „Archetyp“ schon andeutete – die Einbeziehung von Fotos in die Hintergründe der Panels –, hat König hier vor allem bei Planetenansichten ebenso rigoros wie virtuos gehandhabt: So bekommen seine Himmelskörper durchaus anzügliche Oberflächen. Es dürfte dem Zeichner einen Heidenspaß gemacht zu haben, sich die geeigneten Partien dafür auszusuchen.

Großartig auch der Bogen, den die Handlung bei allen Unterschieden im Aufbau über die beiden Bände hinweg schlägt. Viele Leitmotive der Figurenkonstellationen kehren wieder, werden zart (soweit dieses Wort bei König angebracht ist) variiert und münden am Schluss von „Barry Hoden“  in einem Finale, das so wunderbar konstruiert ist, dass man endgültig bestätigt sieht, was König ja schon immer behauptet hat: dass in Paul wie auch in Konrad vor allem er selbst steckt. Also sind beide trotz allen Kapriolen ihrer Partnerschaft untrennbar. Und ihnen folgen wir tatsächlich noch lieber als auch dem schärften politischen Kommentar ihres Schöpfers. Denn der wäre nicht überraschend. Das Leben von Konrad und Paul dagegen ist es.