Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ein Comicfestival, das ganz Charlie sein wird

Dieser Eintrag wird in Tours geschrieben, einer französischen Stadt 210 Kilometer vor Angoulême, wo von morgen (Donnerstag) an vier Tage lang zum 42. Mal das größte europäische Comicfestival ausgerichtet wird. Natürlich steht es ganz im Schatten des Attentats auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ vom 7. Januar in Paris. Einer der dabei ermordeten fünf Zeichner war Georges Wolinski, der 2005 in Angoulême den Großen Preis der Stadt zuerkannt bekommen hatte und deshalb im Folgejahr Präsident des Festivals war. An ihn und an seine mit ihm gestorbenen Kollegen Jean Cabut, Stéphane Charbonnier, Philippe Honoré und Bernard Verlhac erinnert man sich in diesem Jahr in Angoulême besonders.

Die Preisträgerkollegen von Wolinski haben eine eigene Stellungnahme zu dem Attentat verfasst, und das Festival hat auf Facebook ein eigenes Hommage-Album angelegt (https://www.bdangouleme.com/648,le-dessin-et-ses-dessinateurs-sont-eternels), auf dem Zeichner ihre Arbeiten zu dem Pariser Massaker einstellen können. Und keine Geringere als „la fauve“, jene Katze, die Lewis Trondheim (Grand-Prix-Gewinner im Jahr nach Wolinski) als Maskottchen des Festivals gezeichnet hat, trägt das Schild „Je suis Charlie“.

Trondheim hat auch das erste Comic-Meisterwerk des neuen Jahres vorgelegt, das ich heute Nachmittag in einem Comicladen in Tours gekauft habe: „Capharnaum“, verlegt bei L’Association, dem Verlag, den der Zeichner selbst Anfang der neunziger Jahre mitbegründet hatte und den er mit fünf weiteren Kollegen vor drei Jahren vor der Pleite bewahrte. „Capharnaum“ ist das erste neue Trondheim-Werk, was seitdem dort erschienen ist, wobei es so neu gar nicht ist. „Récit inachevé“ (unvollendete Erzählung) steht auf dem Cover, denn die 275 jetzt publizierten Seiten sind der Torso einer ursprünglich angeblich auf fünftausend Seiten angelegten Geschichte, die Trondheim 2003 begann und 2005 abbrach. Damals begann just der Ärger um L’Association, der ihn für einige Jahre aus dem Verlag vertrieb.

Der Titel ist der Name einer fiktiven Stadt, in der sich eine aberwitzige Geschichte um eine Mörderbande abspielt. Sie wird von einer Spezialeinheit gejagt, die vor allem als Comic-Helden berühmt sind. Einer ihrer größten Fans ist Herr Hase, der unfreiwillig in die ganze Sache hineingezogen wird. Trondheim vermengt hier wieder etliche Genres, und wer das Ganze vor der Folie der „Charlie Hebdo“-Morde lesen will, der kann das tun, auch wenn alles schon vor zehn Jahren gezeichnet wurde.

Seitdem aber haben einige Vertrauenspersonen die in Notizbüchern gezeichneten Seiten von „Carphaneum“ gesehen und Trondheim zur Veröffentlichung geraten. Zu Recht. Es taucht darin nämlich das klassische Personal seiner Erfolgsserie „Lapinot“ (auf Deutsch: „Herrn Hases haarsträubende Abenteuer“) auf, und „Capharnaum“ ist überdies nicht weniger als die Fortsetzung jenes fünfhundertseitigen Albums „Lapinot et les carottes de Patagonie“, das Trondheim 1992 den Durchbruch beschert hatte. Zwar nicht die inhaltliche Fortsetzung, aber immerhin eine strukturell-ästhetische – „Capharnaum“ ist ein ähnlich frei erzähltes Abenteuer, auch wieder schwarzweiß gezeichnet und mit langen wortlosen Passagen.

Mit L’Association begann vor einem Vierteljahrhundert die Erneuerung des französischen Comics. Kein Wunder, dass der erfolgreichste französische Comic des vergangenen Jahres, „L’Arabe du futur“, von einem Zeichner stammt, der mit den Comics von Trondheim und Co. aufgewachsen ist und dann selbst bei L’Association publizierte: Riad Sattouf. Er ist mit seinem Bestsellercomic der heiße Kandidat für den Hauptpreis des besten Albums auf dem diesjährigen Festival, aber er käme auch als neuer Gewinner der Grand Prix in Frage, denn die Jury, die diese Auszeichnung verleiht (die früheren Preisträgern und Vertreter der Stadt), trifft sich erst auf dem Festival selbst. Und was könnte man sich als stärkere Reaktion auf die Pariser Morde vorstellen als die Auszeichnung eines Mitarbeiters von „Charlie Hebdo“?

Das ist Riad Sattouf. In der Ausgabe des Nachrichtenmagazins „Novel Observateur“ von letzter Woche erzählt er auf zwei Seiten in einem kurzen Comic, wie er zu den „Charlies“ stieß. Er war 2004 wegen der Publikation seines Albums „La circoncision“ (Die Beschneidung) vor eine französische Kontrollkommission geladen worden, die über Verbote von Büchern entscheidet. Konkret machte man Sattouf den Vorwurf, mit seinem Vater (einem Syrer, der den Sohn gemäß muslimischen Regeln beschneiden ließ) in dem Buch zu respektlos umgesprungen zu sein. Der Zeichner suchte Beistand von Kollegen, die Erfahrungen mit dieser Kommission hatten, und wo hätte er diesbezüglich kenntnisreichere Leute treffen können als bei „Charlie Hebdo“, einem Magazin, dem bekanntlich nichts heilig ist? Man half ihm, und Sattouf wurde danach zum regelmäßigen Mitarbeiter, der im Heft wöchentlich seine Serie „La vie secrète des jeunes“ (Das geheime Leben der Jugend) veröffentlichte. Da er Redaktionssitzungen hasst, war er glücklicherweise am 7. Januar nicht dabei, als das Magazin ausgelöscht werden sollte.

Spannung ist also garantiert auf diesem Festival: Wie wird Angoulême der Toten gedenken, wie die Überlebenden feiern? Niemand konnte ahnen, wie brisant die diesjährige Veranstaltung werden würde. Ich selbst hatte sofort nach dem letztjährigen Festival nach mehrjähriger Pause wieder mal eines der raren Hotelzimmer gebucht, denn der Gewinner des Großen Preises 2014 und damit der Präsident des Festivals von 2015 heißt Bill Watterson. Mit „Calvin & Hobbes“ wurde der Amerikaner zu einem der berühmtesten Comiczeichner aller Zeiten, doch niemand kennt ihn persönlich, weil Watterson seit mehr als zwanzig Jahren völlig zurückgezogen lebt, keine Interviews gibt und keine Fotos von sich publizieren lässt. Traditionell wird dem letztjährigen Preisträger in Angoulême eine Sonderausstellung ausgerichtet, und schon das lohnt den Weg in den Südwesten Frankreichs. Und vielleicht wird Watterson ja wirklich da sein. Wobei ihn dann ja niemand erkennen würde. Aber allein die Hoffnung, dieser Legende einmal nahezukommen, sorgt für weitere Spannung. In den nächsten vier Tagen werde ich berichten, was in Angoulême geschieht.