Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Gott trägt gern Streifen

Vor fünf Jahren erschien im Zwerchfellverlag, einem jener deutschen Comicverlage, die vor allem durch Selbstausbeutung die Publikation schöner Bücher ermöglichen, einen kleinen Band namens „Die Zeit und Gott“. Ich habe ihn damals gelesen und beiseite gelegt. Das war dumm. Jetzt ist er neu aufgelegt worden, und zugleich ist ein weiterer Comic namens „Das Nichts und Gott“ erschienen. Ich habe beide gelesen und bin begeistert. Denn sie sind klug.

Geschrieben und gezeichnet sind sie von Aike Arndt, einem nach fünf Jahren Wartezeit auf Renegatenleser nicht mehr ganz so jungen Künstler (mittlerweile fünfunddreißig) aus Münster, der im biographischen Hinweis des zweiten Bandes über sich selbst sagt: „Er gilt als der beste deutschsprachige Comiczeichner in seiner ganzen WG.“ Er ist aber auch, wie man auf seiner Website http://www.aikearndt.de/ lernt, ein wunderbarer Trickfilmzeichner, dessen auch schon neun Jahre alte Animation „Styx“ zum Komischsten gehört, was dieses Metier in Deutschland hervorgebracht hat.

Seine beiden Comics allerdings sind noch komischer. Warum ich das nicht schon vor fünf Jahren gemerkt habe, ist rätselhaft. Ich könnte mich damit herausreden, dass „Die Zeit und Gott“ wirklich Zeit brauchte, um zu wirken, aber das ist albern (was Aike Arndts Comics nie sind), denn beim zweiten Versuch zündete der Humor sofort, auch beim zweiten Band. Es sind großartig witzige Comics, wie sie in Frankreich jemand wie Lewis Trondheim oder Manu Larcenet in seinen guten Momenten zustande bringt. Und in Deutschland derzeit fast niemand sonst.

Schon die Schöpfungsgeschichte auf der ersten Seite! Weil es zunächst nichts gab (oder besser geschrieben: Nichts), machte niemand dem DHL-Boten die Tür auf. Daraufhin stellte er das mitgebrachte Paket ab, und erst als der darin verpackte kleine Elefant zu trompeten anfängt, erwachte das Universum. Anders möchte man sich die Entstehung des Seins künftig nicht mehr vorstellen.

Wobei wir alles natürlich Gott verdanken. Den zeichnet Arndt als eher pummelige Gestalt mit kleinem Kopf und immergleichem gestreiften Pullover – mit einem Wort: Arndt lässt Gott einen guten Mann sein (bisweilen auch eine Frau). Der/die auch Humor beweist. So zum Beispiel, wenn er von seinen Autofahrten durch Südeuropa berichtet, wo die Leute ihm beim Aussteigen immer zurufen: „Deus ex macchina“. Nun, das ist wohl doch etwas albern. Aber eben auch sehr komisch.

Vor allem, weil Aike Arndt die Kunst der reduzierten Zeichnung beherrscht: Mit wenigen Linien wird ausdrucksstark erzählt. Immer schwarzweiß, bisweilen auf grau getönten Seiten, wie man es früher mal bei den wunderbaren Mose-Comics des Münchners Steffen Haas sehen konnte, die überhaupt das Einzige sind, was hierzulande einen Vergleich mit Aike Arndts göttlichen Komödien aushält. Aber Arndts Gott treiben im Gegensatz zur vor allem trinkfreudigen Maus Mose gravierende Themen um wie die Frage, warum die Sonne nicht scheint (weil der Christopher gestern seinen Teller nicht leer gegessen hat), wie man querulatorische Menschen loswird (man droht ihnen die Streichung von Kapitalismus, Eigentum, Privatvermögen und Schweizer Konten an) oder wie er auf die Cloud gekommen ist (ein Hacker-Pastor hat ihn runtergeladen und dort gespeichert).

Der Charme der Sache ergibt sich aus der Scheinnaivität Gottes und anderen höherer Wesen sowie der echten Naivität der Menschen, bei denen Aike Arndt meist selbst als Figur auftritt. Es wimmelt vor reizenden Details wie etwa dem leisen Spott über in Wirklichkeit viel erfolgreichere Comicverlage als Zwerchfell, die aber hier vor Neid erblassen, wenn sie den Erfolg der Gottescomics von Arndt sehen. Ach, wäre es doch so! Im dritten Teil, der hoffentlich nicht wieder fünf Jahre auf sich warten lassen möge und mit einiger Wahrscheinlichkeit „Das Sein und Gott“ heißen wird, sollte sich Arndts Gott die Theodizeefrage stellen: Wie kann eine göttliche Schöpfung (diese Comics) derart ihren Zweck verfehlen (erfolgreich zu sein)? Oder wir leben dann doch in der besten aller möglichen Welten, in der diese Comics die verdiente Beachtung finden.

0