Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Der Russe ist einer, der Blut liebt

Jerome Charyn ist Ende siebzig alt, aber unermüdlich. Der amerikanische Schriftsteller hat nicht einmal mit den eigenen Krimis genug, er betätigt sich auch als Szenarist, besonders gern europäische Zeichner (denn wie sollte in den Vereinigten Staaten ein literarischer Genrecomic Platz am Markt finden?). Für den Schweizer Andreas Gefe hat er schon einmal geschrieben und für Francois Boucq gleich mehrfach, denn diesem 1955 geborenen Franzosen verbindet Charyn die Vorliebe für Hardboiled-Stories. Ihr jüngstes, mittlerweile schon drittes gemeinsames Werk heißt „Little Tulip“. Gerade ist es bei Splitter erschienen.

Es beginnt in New York, Charyns Heimatstadt, die er so gut kennt und immer wieder gern zum Schauplatz seiner Geschichten macht. Diesmal sielt das Geschehen 1979, und Boucq rekonstruiert mit sichtbarer Freude eine Metropole, die damals in ihrer schwersten Krise steckte: Gewaltexzesse, wirtschaftlicher Niedergang, Mafia. Boucq war schon immer ein Künstler des Extremen, seine Figuren sind nie schön, oft ein wenig grotesk, regelmäßig skrupellos. Der Mittvierziger Paul, ein Tätowierer, passt allerdings nur teilweise in dieses Schema.

Paul ist das Kind amerikanischer Kommunisten, die in den späten dreißiger Jahren in die Sowjetunion emigriert sind. Ein  Fehler, denn im Kalten Krieg fallen sie Stalins Misstrauen zum Opfer, und die dreiköpfige Familie wird in den GULag verschleppt. Dort wird der mittlerweile Halbwüchsige von den Eltern getrennt, die beide im Lager den Tod finden. Paul aber überlebt, weil er ein großes Zeichnertalent besitzt und bei einer Häftlingsbande als deren Nachwuchstätowierer reüssiert.

Es ist üblich bei Charyn, dass er als Szenarist die spezifischen Interessen seiner Comiczeichner bedient – hier das Zeichnen selbst zum zentralen Motiv macht. Zugleich wird die physische Drastik, die Bouc zu seinem Markenzeichnen gemacht hat, mit einer Lagergeschichte aus dem hohen sowjetischen Norden besonders herausgefordert. Da wird nach Strich und Faden gemordet, gequält, verstümmelt und ausgebeutet. Die Häftlinge sind sich gegenseitig die schlimmsten Feinde – oder besser: Die Ukrainer im Lager treiben es besonders schlimm. Und ein Vierteljahrhundert später wird Paul seine einstigen Peiniger in New York wiedertreffen.

Die Handlung wechselt zwischen der Sowjetunion der vierziger und fünfziger Jahren und dem New York der Siebziger hin und her. Das amerikanischen Geschehen dreht sich um einen Serienmörder, der als Weihnachtsmann verkleidet Frauen abmeuchelt. Auch im Land der Freien geht es übel zu, aber welche Überraschung: Es gibt auch über die Untaten eine Verbindung zu Pauls russischer Vergangenheit. Mehr sei besser nicht verraten.

Boucq steht in der realistischen Tradition von Jean Giraud und Hermann. Das ist erst einmal gut. Seine Dekors sind akribisch, seine Farben geschickt eingesetzt, seine Seitenarchitekturen abwechslungsreich, aber niemals effekthascherisch (zwölf Probeseiten finden sich unter https://www.splitter-verlag.eu/little-tulip.html). Sehr solider Mainstream also, aber das muss man ja auch erst einmal hinbekommen. Wenige Zeichner sind handwerklich so sicher wie Francois Boucq.

Überraschungen darf man seit etwa zehn Jahren aber auch nicht mehr von ihm erwarten. Er galt einmal als großer Satiriker, das ist vorbei. „Little Tulip“ ist bierernst. Und Charyn nutzt für seine Erzählung alle Klischees über sowjetische Gewalttätigkeit, die man kennt: Willkür, Grausamkeit, Verrat, Heimtücke. Dass die besonders bösen Figuren gerade Ukrainer sind, dürfte keine politische Absicht sein, ist allerdings doch extrem auffällig. Wobei Charyn sich auf die historischen Lagererzählungen stützen kann, die oft von ukrainischen Häftlingsgruppen berichten, die ihren Leidensgenossen das Leben noch mehr zu Hölle machten.

Warum der Band „Little Tulip“ heißt, obwohl das Tätowiermotiv der kleinen Tulpe nie englisch bezeichnet wird, ist rätselhaft – mutmaßlich glaubten französischer und deutscher Verlag, dass es besser klingt. Und warum ganz am Schluss alles noch ins Mystische abdriftet, würde man gern von Charyn erfahren. Vermutlich hält er Russen für so irrational wie nur möglich. Des ungeachtet, liest sich der Band gut, sofern man sich an hardboiled-typischen Grausamkeiten verschiedenster Provenienz nicht allzu sehr stört. Die Lösung des New Yorker Kriminalfalls allerdings ist enttäuschend. Die Vergangenheit von Paul ist weitaus interessanter zu lesen als seine amerikanische Lebensphase.