Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Comic von der großartigen Gestalt

Erinnern Sie sich noch an die Comicserie „Don Quijote“, die Flix 2012 fürs Feuilleton der F.A.Z. gezeichnet hat und die dann später gesammelt als Band bei Carlsen erschienen ist? Das war eine wunderbare Aktualisierung des Klassikers, die die Abenteuer des Ritters von der traurigen Gestalt aus der spanischen Mancha des sechzehnten Jahrhunderts ins moderne Mecklenburg-Vorpommern unserer Gegenwart verlegte, und plötzlich kämpfte der Held, ein demenzkranker alter Herr, nicht gegen Windmühlen, sondern gegen Growiane – aber buchstäblich, denn er zog gegen die Landschaftsverschandelung ins Feld. Sein Sancho Pansa war ein kleiner Junge im Batman-Kostüm, und überhaupt passte alles großartig in das alte Muster von Cervantes. Auch so kann man die zeitlose Qualität eines Buchs bestätigt finden.

Nun flattert mir ein neuer Don-Quichote-Comic (ja, diesmal mit „ch“ statt mit „j“) auf den Tisch – oder besser: Er knallt darauf, denn das Buch ist 300 Seiten stark und trotz Graphic-Novel-Format schwergewichtig, weil der Egmont-Verlag den Käufern etwas fürs Geld bieten will. Ich war fest entschlossen, ihn ganz schrecklich zu finden, denn „Don Quichote“ einfach zu adaptieren, ohne große Abweichung, das schien mir – gelinde gesagt – wenig vielversprechend. Wie man sich täuschen kann!

Der Zeichner Rob David, der sowohl das Szenario wie die Bilder verantwortet, kannte ich nicht. Er ist Engländer, und zwar einer jener Landsleute im Comicgeschäft, die ihr Geld wirklich noch daheim verdienen und nicht bei den amerikanischen Superheldenverlagen. Wobei „Judge Dredd“- oder „Doctor-Who“-Comics auch nicht unbedingt als Empfehlung taugen. Aber sein „Don Quichote“ ist toll.

Woran liegt das? Erstaunlicherweise daran, dass er so nahe an der Vorlage bleibt. Keine Aktualisierung, alles ganz wie im Buch, vom ersten, noch einsamen Ausritt bis zur gemeinsamen Abenteuertour mit Sancho Pansa. Sogar die Erzählfiktion wird übernommen – mit einer Ausnahme: Davis lässt den Autor Cervantes aus einem vergitterten Fenster heraus zum Leser sprechen und zieht damit noch eine Fiktionalitätsebene mehr ein, die aber weder aufgesetzt noch banal ist.

Ansonsten überzeugt dieser Comic vor allem durch das Geschick, mit dem Davis seinen Stil wandelt. Für die Geschichten in der Geschichte (beispielsweise Erzählungen von Menschen, auf die Don Quichote trifft) benutzt er andere zeichnerische Mittel, um die entsprechenden Passagen als Fiktion in der Fiktion zu kennzeichnen. Da wird es wahlweise graphisch historisch oder bilderbuchgemäß, kindlich schlicht oder fantasymäßig opulent, jeweils eben so, wie es zum Tonfall der Episoden passt. Das einzige, was ich bemängele, ist eine durchweg etwas zu blasse Kolorierung.

Aber was soll’s, wenn man so viel Spaß an der Lektüre hat und sich vor allem beim Lesen tatsächlich vor allem an die früheren Erlebnisse mit dem Original erinnert (Leseprobe unter https://www.egmont-graphic-novel.de/graphic-novel/don-quixote/). Dieser Comic frischt alles wieder auf, und wer den „Don Quichote“ tatsächlich noch nicht gelesen haben sollte, der bekommt hier wirklich einmal das geboten, was bei Literaturadaptionen so gern behauptet und so selten eingelöst wird: eine lusterregende Hinführung zum Buch.