Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Kleine Freiheit der Nummer Eins

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Der stille Star des deutschen Comics hat wieder einmal zugeschlagen: Isabel Kreitz, seit Jahrzehnten an der Spitze ihrer Zunft, aber zugleich eine der ganz Unaufgeregten dabei, bietet uns in diesem Jahr den nächsten dickleibigen Band, diesmal 300 Seiten. Ihre Kollegen mögen sich fragen, wie das geht: regelmäßig derart umfangreiche Bücher und das bei dem akribischen Zeichenstil der Hamburgerin. Aber als Antwort muss man wohl einfach auf die Stoffe ihrer Comic schauen: Es sind Herzensanliegen, und für die setzt man sich gerne ein.

Diesmal ist das Thema die eigene Heimatstadt (und die Verlagsstadt, denn auch Carlsen hat da seinen Sitz): Hamburg, und noch dazu jener Teil der Stadt, in dem Isabel Kreitz arbeitet. Konrad Lorenz (nicht der berühmte, sondern ein 1942 geborener Hamburger Schriftsteller) erzählt in seinem 2011 erschienenen autobiographischen Roman „Rohrkrepierer“ vom St. Pauli der Nachkriegszeit. In Kalle, neben seinem Freund Uwe einer der beiden Protagonisten der Geschichte, kann man unschwer Lorenz selbst erkennen; als alles beginnt, sind beide noch Kinder, die aber im Hafen- und Rotlichtviertel mehr vom Leben mitbekommen, als man das in diesem Alter erwarten würde. Kalles Vater ist im Krieg vermisst, taucht jedoch eines Tages schwer mitgenommen wieder auf; bis dahin haben sich Mutter und Großmutter väterlicherseits in steter Kabbelei die Erziehung des Einzelkinds geteilt.

Ein grandioser Ausgangspunkt für Isabel Kreitz, die „Rohrkrepierer“ zur Vorlage ihres gleichnamigen Comics gewählt hat: das tiefvertraute Hamburg und die Szenerie aus einer Epoche, der sie sich in „Die Sache mit Sorge“ oder ihren Erich-Kästner-Adaptionen schon mehrfach angenommen hat. Gegenüber Krieg und Vorkrieg ist allerdings die Nachkriegszeit undankbarer, was spektakuläre und vor allem auch vertraut-attraktive Dekors angeht. Hamburg in den vierziger und fünfziger Jahren war eine schwer zerstörte Stadt, und St. Pauli im Speziellen zählte nie zu deren schönsten Teilen. Aber die Hafennähe sorgt für ein Milieu, das nirgends sonst eine Parallele hat, und wie dieses Buch recherchiert ist – nicht nur betreffs der Hintergründe, sondern gerade auch hinsichtlich der Psychologie der Figuren –, macht die wahre Leistung der Zeichnerin aus (Leseprobe: https://www.carlsen.de/hardcover/rohrkrepierer/38844).

Wobei dazu noch beiträgt, dass es im Comic einen Zeitsprung gibt: Aus Kindern werden Jugendliche, aus den vierziger die fünfziger Jahre, und damit kommen plötzliche neue Themen und neue graphische Herausforderungen auf. Liebe ist natürlich eine davon, und es ist schon bemerkenswert, wie die bei diesem Thema in ihren bisherigen Werken eher spröde Isabel Kreitz hier zur sehr genauen Beobachterin von Imponiergehabe und Begehren wird. Explizite Sexualität aber ist ihre Sache als Zeichnerin immer noch nicht; selbst der Besuch einer Gruppe Halbwüchsiger in der berüchtigten Herbertstraße wird eher zur Komödie, in der eine rheinische Hure die Hauptrolle spielt, von der nichts Unzüchtiges zu sehen, dafür allerdings einiges zu hören ist.

Es entsteht über diese Zurückhaltung der eigenartige Eindruck einer kongenialen Schilderung auch der typischen Verdruckstheit der fünfziger Jahre, doch ob das eine gewollte Strategie von Isabel Kreitz ist, möchte ich bezweifeln. Ihr Gespür für historische Stimmungen ist seit ihrer für die „Frankfurter Rundschau“ 2009 entstandenen Reihe zur deutsch-deutschen Geschichte (die 2011 gesammelt als „Deutschland – Ein Bilderbuch“ erschienen ist) bestens bekannt. In den Adaptionen, die einen wichtigen Teil ihres Werks ausmachen, seitdem sie 1996 Uwe Timms Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ in einen Comic überführte, und den eigenen Stoffen aber ist ihre Freiheit noch nicht groß genug, um sich auch Themen anzunehmen, die ihrem Beuteschema nicht entsprechen, und damit zu überraschen. Aber wir klagen auf sehr hohem Niveau, und wenn denn aus der mittlerweile über anderthalb Jahrzehnte verfolgten (und durch Rechteverweigerung immer wieder verhinderten) „Buddenbrooks“-Adaption mal etwas werden sollte, dürfte Isabel Kreitz darin eine Vorlage finden, die das vermeidet, was sie nicht zeichnen mag, und dennoch höchsten Ansprüchen genügt.

„Rohrkrepierer“ hat Konrad Lorenz seinem Vater gewidmet. Der Vater von Kalle ist denn auch die wichtigste Figur neben den beiden Jungen. Es ist ein Männerbuch durch und durch, so interessant die beiden Frauenfiguren von Mutter und Großmutter auch sind. Dass Isabel Kreitz daraus einen höchst interessanten und zudem tief einfühlsamen Comic gemacht hat, zeigt einmal mehr ihre Sonderrolle als Zeichnerin, die mit spezifischen (oder als solchen betrachteten) Frauenthemen weitaus weniger anfangen kann als mit Genreliteratur oder eben solchen Inhalten, die gemeinhin als Männersache betrachtet würden. Und gerade dabei beweist sie ihre Extraklasse.

 


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