Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Con as Con can

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Seit Monty Pythons „Leben des Brian“  wissen wir um die zentrale Wichtigkeit von Unterscheidungen wie der  zwischen Judäischer Volksfront und der Volksfront von Judäa, und das  fanden wir komisch. Also amüsierte uns auch die nahezu gleichzeitige Ankündigung der German Comic Con und der Comic Con Germany: die eine in Dortmund (5. und 6. Dezember 2015), die andere in Stuttgart (25. und 26. Juni 2016), und beide natürlich „zum ersten Mal“, als hätte Deutschland nur darauf gewartet, endlich Con-Gebiet zu werden. Aber vielleicht ist das ja sogar so, wenn gleich zwei verschiedene Veranstalter auf dieselbe Idee und fast den gleichen Namen kommen. Was wäre eigentlich geschehen, wenn beide denselben Titel gewählt hätten?

Wobei nun gesagt werden muss, dass womöglich auch beide einfach Epigonen sind. Denn noch etwas früher (sowohl bei der Verkündigung wie beim Terminansatz) war schon die Vienna Comic Con aufgetreten. Diese Veranstaltung wird bereits am 21. und 22. November in Wien stattfinden. Bei ihr ist also die Stadt Programm, nicht das Land  – und Hand aufs Herz: Mit Dortmund würden wir abseits der Fußballwelt auch nicht werben wollen, da klingt „German Comic Con“ deutlich besser. Über Stuttgart hätte man eher nachdenken können, aber gegen den Nimbus von Wien ist das ebenfalls aussichtslos. Aber wie dem auch sei, als neue Regel gilt offenbar: Con as Con can.

Was ist eine Comic Con? Der Name verdankt sich einer Veranstaltung, die 1970 im kalifornischen San Diego begründet wurde: Comic Con für Comic Convention, also Comicversammlung. Die erste große Con (der allerdings bereits eine ähnliche Kleinveranstaltung zum Fundraising vorangegangen war) fand an drei Tagen im August statt, und unter den Stargästen waren mit dem Comiczeichner Jack Kirby und dem Science-Fiction-Autor Ray Bradbury zwei Großmeister ihrer jeweiligen Genres. Ergänzt um Fantasy ist damit auch das Kernprogramm aller Comic Cons seither beschrieben: populäre phantastische Erzählformen. Wahrscheinlich hatte sich „Comic“ im Titel nur durchgesetzt, weil es besser klingt als SF Con oder Fantasy Con

In den neunziger Jahren entwickelte sich die Comic Con in Las Vegas zum Marketing-Phänomen. Die geographische Nähe zu Hollywood führte dazu, dass immer mehr Filmkonzerne dort aufwendige und entsprechend publikumsträchtige Werbeveranstaltungen für ihre neuen Großproduktionen durchführten, erst recht, als dann der Boom der Superheldenverfilmungen einsetzte. Das passte einfach perfekt zusammen, und nach San Diego pilgerten fortan Jahr für Jahr Hunderttausende. Dieses Erfolgsrezept übernahmen andere Veranstalter – und die ungeschützte Bezeichnung Comic Con gleich mit. In New York etwa wurde 2006 eine genauso strukturierte Con ins Leben gerufen, und das gleiche Veranstaltungsunternehmen rief dann auch noch in Paris einen Ableger ins Leben, nachdem in London bereits ein weiterer Konkurrent aktiv geworden war. Alle drei haben sich mittlerweile als Großveranstaltungen etabliert; San Diego ist allerdings immer noch unerreicht.

Der Weg ins deutsche Sprachgebiet war angesichts dieser Erfolge überfällig, und als Erster wagte ihn der New-York- und Paris-Con-Veranstalter. Wien war da eine logische Wahl: So reiht sich Weltstadt an Weltstadt an Weltstadt, und der Traum der Organisatoren ist, irgendwann dieselben Stars nacheinander nach New York, Paris und Wien zu bringen. Diesbezüglich haben die weniger international etablierten Ausrichter in Dortmund und Stuttgart wohl weniger Chancen. Das hinderte sie nicht, kurz nach Bekanntgabe der Vienna Comic Con ihre eigenen Absichten kundzutun und zeitlich so schnell wie möglich nachzuziehen. Dortmund liegt nun gar nur drei Wochen nach Wien. Da hat man offenbar wenig Angst.

Andererseits kommt dieses massive Engagement im deutschsprachigen Raum zu einer Zeit, in der sich in Amerika gerade einige Großkonzerne wieder von den Cons verabschieden, weil sie eigene Veranstaltungen dieser Art auf die Beine stellen wollen. Prominentestes Beispiel ist Disney, das im Sommer erstmals in San Diego fehlte und seine geballte Starpower aus dem Marvel-Universum und dem kommenden Star-Wars-Hype lieber selbständig nutzte. Wobei das in den Vereinigten Staaten recht leicht zu leisten ist, während man eine entsprechende Infrastruktur in Europa – mit der Ausnahme Euro-Disneylands als möglicher Ort einer Disney Con – erst einmal schaffen müsste. Also sprich viel dafür, dass man sich seitens der Großunternehmen der Unterhaltungsbranche hier weiterhin der ja ohnehin stattfindenden Cons bedienen wird.

Darauf setzt jedenfalls in Wien, wo man von den beiden anderen Aktivitäten in Deutschland erst anlässlich deren Verkündigung erfuhr. Aber da hatte man schon einen kleinen Vorsprung, und was an den beiden Tagen im November aufgeboten wird, ist für ein Debüt nicht übel (zu überprüfen auf https://www.viecc.com). Auf dem Gelände der Messe Wien am Prater werden unter anderen Giancarlo Esposito aus „Breaking Bad“, Gemma Whelan und Finn Jones aus „Game of Thrones“ und Neve McIntosh aus „Dr. Who“ auflaufen – der Schwerpunkt liegt also klar auf englischsprachigen Fernsehserien. Aber auch der amerikanische Comiczeichner Jae Lee wird da sein, und aus der österreichischen Comicszene hat neben weniger bekannten Kollegen Nicolas Mahler zugesagt, der zweifellos bedeutendste Zeichner, den das Land bisher hervorgebracht hat. Das er mit seinen Literatur-Adaptionen, Genrevariationen und Grotesken keine breite Masse anspricht, ist den Veranstaltern bewusst. Sie wollen aber auch den einheimischen Comicfreunden etwas bieten, und zwar sowohl den Lesern als auch den Künstlern.

Vor allem aber wird Cosplay eine wichtige Rolle spielen, denn aus den kostümierten Zwetschgen (wie Donald Duck Menschen in Verkleidung nennt) rekrutiert sich zuverlässig das Gros des Publikums europäischer Cons oder auch von Veranstaltungen wie der Manga Comic Convention im Rahmen der Leipziger Buchmesse, die einige Ideen des Con-Gedankens übernommen hat, ohne aber deren Starprinzip zu folgen. In diesem Jahr hat Leipzig trotzdem fast 100.000 Besucher an vier Tagen angezogen. Wien wird in seinen beiden Tagen Laufzeit Platz für etwa 15.000 Besucher bieten – und die Tickets für den Samstag sowie die Wochenendkarten für die ganze Con sind schon restlos ausverkauft. Es dürfte voll werden in Messehalle 1.

Zwei Bühnen, eine für fünfhundert Zuschauer, eine für zweihundert, werden in Wien aufgeboten, auf denen während der ganzen Öffnungszeit laufend Programm im Stundenrhythmus stattfindet. Die erforderliche Logistik, in den jeweils nur fünfzehn Minuten währenden Pausen zwischen den Star-Auftritten die Auditorien zu räumen und neu zu besetzen, dürfte die größte Herausforderung sein. Insgesamt werden an die achtzig Mitarbeiter für den reibungslosen Einlass und die Organisation des Besucherflusses auf dem Messegelände sorgen. Ob’s gelingt, dürfte entscheidend dafür sein, wie die Sache weitergeht. Der November 2016 ist in Wien zwar schon als nächster Termin gebucht, aber natürlich ist das Ziel, dann auch schon die Hallenkapazitäten auszuweiten. Platz ist genug da; man wollte das finanzielle Risiko zu Beginn aber nicht strapazieren.

Denn ein Zuschussgeschäft wird es erst einmal werden. Man hofft auf die Etablierung als Zuschauermagnet; dann wird man über Standeinnahmen das Geld einspielen, was durch Besucher allein nicht gedeckt werden kann. Die Eintrittspreise liegen selbst an der Tageskasse bei unter dreißig Euro, und als Vorabbucher ist man noch günstiger dran. Das ergibt selbst sich bei Maximalauslastung von 15.000 Personen keine atemraubende Summe. Mehr Hallen für mehr Aussteller hießen aber auch mehr Platz für Besucher. Und die Option auf einen dritten Con-Tag gibt es in Wien auch noch.

Mehrkosten muss man als Besucher aber einkalkulieren, denn erst einmal werden natürlich Produkte verkauft, und dann ist es nach amerikanischem Vorbild üblich, auch für Autogramme eine Gebühr zu erheben. In Wien wird man aber bei Comiczeichnern Ausnahmen machen, denn das europäische Publikum ist von den Comicsalons gewöhnt, die Signaturen oder Zeichnungen umsonst zu erhalten. Wenn allerdings die Zeichner darauf bestehen, wird auch da kassiert. Für die österreichischen Gäste ist das aber kaum zu befürchten.

Wie sieht es mit der Prominenzkonkurrenz aus? Die Comic Con Germany Stuttgart ist noch lange hin; dennoch sind schon einige Stars benannt (https://www.comiccon.de/), darunter der frühere Kinderhauptdarsteller aus der Fernsehserie „Lassie“, Jon Provost, und zwei Nebendarsteller aus den „Star Trek“- und „X-Men“-Verfilmungen. Gegen Wien wirkt das eher schal, aber es ist ja noch Zeit. Die German Comic Con in Dortmund (https://www.germancomiccon.com/de ) wird im Dezember unter anderen James Marsters aus „Buffy“, Laurie Holden aus „The Walking Dead“, Rory McCann und Nathalie Emmanuel aus „Game of Thrones“ und den Comiczeichner Felix Mertikat („Steam Noir“) präsentieren – das läuft personell derzeit auf ein Unentschieden im Vergleich mit Wien hinaus.

Vom Einzugsbereich kommen sich die drei nicht in die Quere. Wien setzt dezidiert auch auf die Nachbarstaaten – und darüber hinaus, bis hin nach Polen, wo man das große Cosplay-Reservoir zur Reise an die Donau verlocken will. Mag also sein, dass das Trio komplett fortbesteht. Dann sollten sich allerdings individuelle Profile herausbilden, die sich besondere Schwerpunkte im Phantastischen suchen. Jetzt aber setzen alle erstmal aufs bewährte Con-Rezept. Der Vergleich, wer’s unter Gleichen am Besten macht, wird interessant.


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