Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Lakonischer Traum in Pastellfarben

Im Leipziger Stadtmagazin „Kreuzer“ gibt es seit etwa zwei Jahren einen Comic-Strip namens „Gilbert“. Man kann darüber streiten, ob es eine gute Idee ist, kurze Episoden (jeweils nur drei oder viel Bilder) in Monatsabständen zu publizieren, weil sich das Publikum bei jeder neuen Folge mutmaßlich nur schwer an die geschlossene Welt des Strips erinnern kann – Fortsetzungsserien dieser knapsten aller Comicformen leben gerade von der möglichst dichten Erscheinungsfrequenz. Nicht streiten kann man aber darüber, ob „Gilbert“ ein bemerkenswerter Comic-Strip ist. Das ist er zweifellos. So skurril wird in Deutschland sonst nicht gezeichnet und erzählt.

Die Autorin dieses Strips heißt Anna Haifisch. Nein, so heißt sie natürlich nicht; so nennt sie sich bloß, aber ihr richtiger Name tut nichts zur Sache, denn es geht hier ja um ihren Comics. Sie isit 29 Jahre alt, Leipzigerin und Absolventin der dortigen Hochschule für Graphik und Buchkunst inklusive Meisterschülerstudium. Aus solchen Kreisen kommen normalerweise keine Comiczeichner. Doch Anna Haifisch zeichnete sich schon während Ihrer Hochschulzeit dadurch aus, dass sie neben Siebdrucken von allem Comics zu ihrem bevorzugten Ausdrucksmittel machte. Und das gegen alle Widerstände, die eine solche Außenseiterform (ästhetisch wie erzählerisch) an einer Kunsthochschule bedeutet.

Dabei hat sich Anna Haifisch erst spät für Comics begeistert, nach der Kindheit, schon im Studium, als sie ein Jahr in den Vereinigten Staaten verbrachte, wo sie eine wirkliche Comic-Kultur kennenlernte. Ihre Liebe zu den klassischen amerikanischen Comic-Strips und speziell zu den Geschichten von Walt Disney unterscheidet sie allerdings gravierend von vielen anderen an Comics interessierten jungen Künstlern, die sich vor allem für die Avantgarde oder für Graphic Novels interessieren. Haifisch dagegen treibt dieselbe Faszination an wie ehedem Roy Lichtenstein oder Andy Warhol bei deren Adaption von Comic-Panels: Sie reizt das Populäre.

Für Anna Haifisch aber muss es auch noch mit Qualität verbunden sein. Deshalb gehören zu ihren großen Helden neben Disney (der ja weniger als Zeichner, denn als Erzähler und  noch mehr als Organisator glänzte) auch Saul Steinberg und Tomi Ungerer. Der gebürtige Rumäne Steinberg kam im zweiten Weltkrieg in die Vereinigten Staaten und wurde zum größten Illustrator der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts; der „New Yorker“ war praktisch das Schaufenster für seine Kunst. Ungerer wiederum, gebürtiger Elsässer, siedelte Ende der fünfziger Jahre nach New York um, reüssiert doch gleichermaßen, hielt das repressive gesellschaftliche Klima aber nur anderthalb Jahrzehnte aus und ging dann erst nach Kanada und dann nach Irland, wo er heute noch lebt. Deshalb gilt er als das große europäische Pendant zu Steinberg. Es dürfte kaum eine künstlerische Idee geben, die diese beiden Künstler nicht schon gehabt und vor allem auch umgesetzt haben.

Von solchem Einfallsreichtum lässt man sich gerne inspirieren, wobei Anna Haifisch von Disney das Erfolgsrezept anthropomorpher Tiere, von Steinberg die graphische Strenge und von Ungerer die Respektlosigkeit übernommen hat. Und von allen drei die Namen für das Personal ihres ersten langen Comics, der jetzt unter dem Titel „Von Spatz“ bei dem famosen Kasseler Verlag Rotopolpress erschienen ist (gleichzeitig auch in Frankreich als „Clinique von Spatz“ bei Misma; welcher deutsche Zeichner kann so etwas schon von seinem Debütband sagen). Neben dem Trio, das sich als Patienten in einer kalifornischen Rehabilitationsklinik für Prominente trifft, tritt noch die Titelfigur auf: Magarete von Spatz, die Leiterin der Klinik. In kurzen Episoden werden allerlei Fragen von künstlerischem Talent und künstlerischer Verstörung  thematisiert, voller Anspielungen inhaltlicher wie graphischer Natur auf das Werk der jeweils wegen Burnout behandelten prominenten Patienten. Und dazu sieht „Von Spatz“ grandios aus, weil Anna Haifisch sich einer Siebdruckoptik bedient, die auf die Farben Gelb, Rosa, Orange, Lila und Himmelblau setzt – die Seiten flirren vor pastellener Hitze (ansehen kann man sich das auf der Homepage der Künstlerin, https://www.hai-life.com/, oder bei Rotopolpress: https://www.rotopolpress.de/produkte/von-spatz).

Der Humor dieser Kurzgeschichten, die trotzdem zusammen einen geschlossenen Erzählzyklus bilden, beruht einerseits auf ihrem Anspielungsreichtum, andererseits auf ihrer Lakonie. Das hat sie gemeinsam mit ortsansässigen Kollegen wie James Turek, Max Baitinger und Phillip Janta, die auch alle wie Anna Haifisch im „Millionaire’s Club“ organsiert sind, einer Zeichnergruppe, die jeweils parallel zur Leipziger Buchmesse ein Independent-Comicfestival veranstaltet. Gegenüber den vielfältigen Aktivitäten von Anna Haifisch ist ihr Buch „Von Spatz“  geradezu meditativ: Es passiert darin nichts Spektakuläres, die Konstellation ist das Entscheidende. Das bezieht Seitenarchitektur und Handlungsort mit ein: Erst das Gesamtgebilde erzeugt den spezifischen Witz dieses Comics, der ähnlich verrätselt-beiläufig wie „Gilbert“ daherkommt, aber eben in einem Guss gelesen werden kann. Und bei jeder neuen Lektüre – lange braucht man nicht dafür – wird „Von Spatz“ amüsanter.