Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Starke Frauen, im Comic noch kämpferischer

In der letzten Woche ist „Suffragette“ in die deutschen Kinos gekommen (https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/video-filmkritiken/kritik-zu-sarah-gavrons-film-suffragette-mit-meryl-streep-14048492.html), eine britische Produktion mit – beim Thema dankenswerterweise – überwiegend weiblicher Starbesetzung, die aber in Amerika merkwürdig erfolglos blieb, obwohl dort doch Filme über Bürgerrechtsbewegungen aller Art in den letzten Jahren sichere Erfolgsgaranten zu sein schienen. Aber vielleicht ist die Geschlechteremanzipation ja gegenüber der Genderemanzipation schon zu sehr Nebenthema geworden. Dann aber ist die Chance versäumt worden, eine dramatische Geschichte über die Entzweiung einer Gruppe von  Idealistinnen  zu erzählen.

Denn der Film „Suffragette“ erzählt lieber davon, wie Einigkeit stark macht und dadurch die Frauen den Politikern kurz vor dem Ersten Weltkrieg die Hölle heiß machen. Dabei war die damals auf dem Höhepunkt ihrer Wirkung stehende englische Suffragettenbewegung seit 1912 gespalten: Die Leitfigur der Kämpferinnen fürs Frauenstimmrecht, Emmiline Pankhurst,  hatte ihre enge Mitstreiterin Emmeline Pethick-Lawrence samt deren Gatten aus der Women’s Social and Political Union (WSPU) geworfen, obwohl beide mehrfach für ihr Engagement ins Gefängnis geworfen worden waren. Aber das Machtstreben von Emmeline Pankhurst (die noch häufiger inhaftiert war und sich oft  im französischen Exil aufhalten musste) ließ keine Rivalin zu – und schon gar keinen Rivalen. Die wohlhabenden Pethick-Lawrences führten daraufhin  den Kampf uns Frauenstimmrecht in eigener Initiative und vor allem mit der Förderung von Zeitschriften und sonstigen Publikationen fort. Und sie blieben der Sache auch nach dem Kriegsausbruch treu, als Emmeline Pankhurst alle emanzipatorischen Aktionen einstellen ließ, weil sie den nationalen Zusammenhalt in Gefahr sah.

Bis zum Krieg geht der Film nicht, aber der Comic „Votes for Women“ (der Schlachtruf der Suffragetten) tut es. Gerade ist er auf Deutsch bei Egmont erschienen – im Original ist er nach seiner Protagonistin benannt: „Sally Heathcote, Suffragette“, aber das mag zu unbekannt geklungen haben, wobei man sich fragt, warum es dann ein gewiss hierzulande auch nicht allzu bekannter englischer Schlachtruf werden musste. Mary M. Talbot hat gemeinsam mit Kate Charlesworth die Geschichte der politischen Bewegung recherchiert und eine Geschichte um ein schlichtes Dienstmädchen erzählt, die unversehens in den Mittelpunkt des Geschehens kommt. Genauso machte es der Film „Suffragette“ auch mit einer Wäscherin – wahrscheinlich ist es zu verführerisch, die großen Geschehnisse aus der Sicht einer besonders benachteiligten Frau zu erzählen. Der Comic macht es nur viel besser, weil er weitaus komplexer geraten ist.

Gezeichnet hat ihn ein Mann, Brian Talbot, der Mann von Mary M. Talbot. Er ist ein seit Jahren etablierter britischer Comiczeichner, der in Deutschland vor allem durch seinen Band „Die Geschichte von einer bösen Ratte“ bekannt geworden ist, die sich dem Thema Kindesmissbrauch widmet. Gemeinsam mit seiner Frau publizierte er 2012 den Comic „Dotter of Her Father’s Eye“ über die Tochter von James Joyce, der mit dem renommierten englischen Costa-Preis in der Sparte Biographien ausgezeichnet wurde.

Hier also jetzt eine fiktive Biographie jener Sally Heathcote, die  alle Höhen und Tiefen der Suffragettenbewegung der Jahre 1908 bis 1915 miterlebt. Zu Beginn und am Ende sehen wir sie als greise Frau im Krankenhaus oder Altersheim, und man könnte denken, dass man es in dem Buch mit den Erinnerungen einer Sterbenden zu tun hat. Doch zu den Überraschungen zählt auch, dass sich die alte Dame am Schluss  als noch quicklebendig und am Leben interessiert erweist – eine Erfolgsgeschichte geht da langsam ihrem Ende zu, aber vorbei ist sie eben noch nicht.

Vor dieser Folie ist es auch gar keine Missachtung der Berechtigung der Frauenstimmrechtsinitiative, wenn man auch ihre internen Probleme benennt. Im Gegenteil schärfen die Talbots und Charlesworth unseren Blick auf die damalige gesellschaftliche und politische Situation, ohne falsche Heroisierungen vorzunehmen. Es gibt unendlich viele Fakten in diesem Comic zu erfahren (und etliche ausführliche Kommentare im Anhang zu den 165 Seiten der eigentlichen Geschichte vertiefen das noch). Dass von Bryan Talbot keine besonders innovative Graphik (Leseprobe unter https://www.egmont-graphic-novel.de/graphic-novel/votes-for-women/) zu erwarten ist, war klar, aber sein sachlicher Stil passt perfekt zur historiographisch-unaufgeregten Haltung, die sich nicht dem Schwung der durchaus revolutionären und auch gewalttätigen Bewegung ergibt, sondern kühl die Ereignisse schildert. Mit dieser Lektüre investiert man einige Stunden in einen echten Schatz: historisches Wissen.