Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Herzlichen Glückwunsch dem fünfundneunzigjährigen Geburtstagskind

Als ich vor etwas mehr als sieben Jahren dieses Blog begann, galt die erste Folge – wie konnte es anders sein? – der F.A.Z.-Comicserie „Strizz“ von Volker Reiche. Die ist nun leider Geschichte. Die zweite galt einem anderen Comic-Strip, der 1918 begonnenen Serie „Gasoline Alley“ von Frank KIng, und die gibt es immer noch (wie auch den damaligen Blog-Beitrag: https://blogs.faz.net/comic/wp-admin/post.php?post=2&action=edit).  Seinerzeit war ein überformatiger, prächtiger Nachdruck der farbigen  Sonntagsseiten erschienen, herausgegeben von dem amerikanischen Comicwissenschaftler Jeet Heer und dem berühmten Comiczeichner Chris Ware, dem größten Verehrer von Kings „Gasoline Alley“. Beide zusammen geben beim Verlag Drawn and Quarterly auch eine wunderschön gestaltete querformatige Nachdruckreihe der Werktagsstrips heraus, die damals, Ende 2008,  beim zweiten Band angekommen war. Heute sind sieben erschienen, und  die Abstände zwischen den Einzelbänden werden immer größer. Dennoch lohnt sich das Warten immer.

Und wie lange habe ich darauf gewartet! Wochen brauchte das Buch aus den Vereinigten Staaten, doch im Gegensatz zum Dezember 2008, als ich dann auch noch das Paket beim Postamt abholen musste, was weitere Verzögerung bedeutete, trat ich am vergangenen Donnerstag gerade auf dem Weg ins Büro aus der Haustür, als zu denkbar unwahrscheinlich früher Zeit gerade der Paketbote  davorstand. Entgegennehmen, auspacken und in der U-Bahn gleich anfangen zu lesen, war eins. Zumal der Band (https://www.drawnandquarterly.com/blog/2016/02/walt-and-skeezix-1931%E2%80%931932) zum bestmöglichen Zeitpunkt kam, drei Tage vor dem 95. Geburtstag seiner Hauptperson, jenem Skeezix, der am Valentinstag 1921, also dem 14. Februar, als Baby vor der Haustür des Junggesellen Walt Wallet ausgesetzt wurde. Wallet adoptierte den neugeborenen Knaben, und von diesem Tag an zeichnete Frank King den Lebensweg von Skeezix in Echtzeit nach: Die Leser begleiteten ihn Tag für Tag beim Aufwachsen bis ins Erwachsenenalter und zur Familiengründung, dann seine Kinder, deren Kinder und so weiter bis heute, eben einen Tag nach dem 95. Geburtstag von Skeezix.

Glückwunsch also ihm, und Glückwunsch den Herren Ware und Heer zum neuen Band. Er deckt die Episoden der Jahre 1931 und 1932 ab, und da darin am 14. Februar 1931 der zehnte Geburtstag von Skeezix lag, ließ King damals den Strip vom 14. Februar 1921 mit der Auffindung des Babys noch einmal abdrucken – eine einmalige Aktion in der Comicgeschichte. Nicht, dass nicht auch andere Serie Nachdrucke alter Folgen veranstalten würden – „Calvin and Hobbes“ von Bill Watterson besteht seit mehr als zwanzig Jahren nur aus immer wiederholten Nachdrucken der von 1985 bis 1995 erschienenen Folgen, und die „Peanuts“ sind nicht mit dem Tod ihres Zeichners Charles Schulz gestorben, sondern auch da werden ständig alte Episoden wiederholt.

King aber baute die Wiederholung der zehn Jahre alten Folge in seine fortlaufende Handlung ein: Am 13. Februar 1931 ließ er Walt Wallet dem da gerade noch neunjährigen Skeezix ein Fotoalbum zeigen, in dem die ersten gemeinsamen Bilder zu sehen seien. Den Lesern wurde für den Folgetag, den Geburtstag, versprochen, dass sie diese Fotos dann auch sehen würden. Und so geschah es am Geburtstag selbst: mit den alten Bildern. Das war ein Meisterstück des augenzwinkernden Spiels von King mit Fiktion und Realität.

Wie perfekt Frank King es beherrschte, zeigt dieser Band vielfach. Nur noch ein Beispiel: Jedes Jahr findet in der Firma, in der Walt Wallet als leitender Angestellter arbeitet, ein Bankett für deren Vertreter statt. 1931 war es am 26. Februar so weit. Vor ein paar Jahren habe ich das Original der entsprechenden Folge von 1956 erworben, weil ich so bemerkenswert fand, wie King da auf einem extrem querformatigen Panel ein Panorama des Festsaals darstellte, das an den Rändern graphisch so verzerrt war, als wäre es mit einem Weitwinkelobjektiv aufgenommen. Er imitierte da ersichtlich die in den fünfziger Jahren aufgekommene Cinemascope-Breitwandtechnik des Kinos, die zur Projektion eine gekrümmte Leinwand verlangte, um die optische Illusion herzustellen. Und tatsächlich: Wenn man Kings querformatiges Bild  auch derart nach vorne krümmt, stimmen die Proportionen wieder. So etwas hatte ich noch nie gesehen.

Denn ich kannte damals die entsprechende Folge von 1931 nicht. Nach dem Bankett, in der Folge vom 27. Februar, zeigt Walt seiner Ehefrau Phyllis (die er ein paar Jahre nach der Adoption von Skeezix geheiratet hatte, denn ein ordentlicher amerikanischer Junge brauchte doch eine Mutter im Haus) ein Foto des gestrigen Abends. Das sieht man als letztes Panel der Folge, und auch hier ist der Schnappschuss an den Rändern in die Breite verzerrt. Allerdings soll das da noch die Unfähigkeit des Fotografen dokumentieren. Doch King zeigt hier schon, dass er die Prinzipien der fotografischen Manipulation beherrscht und zeichnerisch zu adaptieren versteht. Und als besonderen Witz hat er unter seine in jeder Episode enthaltene Signatur „King“ diesmal das Wort  „Photo“ geschrieben.

Es sind solche Feinheiten, die „Gasoline Alley“ zur interessantesten Comicserie überhaupt werden lassen. Dass sie ein Gesellschaftsbild der Vereinigten Statten über viele Jahrzehnte hinweg liefert, ist ein anderer Aspekt, der sie immens bedeutend macht. In den Jahren 1931 und 1932 wird die Depressionszeit im Geschehen der Serie immer spürbarer, und Jeet Heer widmet sein gewohnt kluges Vorwort vor allem diesem neuen pessimistischeren Zug des Strips. Dabei hatte King selbst gar nicht zu leiden, denn „Gasoline Alley“ war immens erfolgreich, und der zuvor in einer Kleinstadt in Illinois lebende Zeichner hatte sich just 1931 ein riesiges Anwesen im sonnigen  Florida gekauft, wohin er mit seiner Familie (Gattin Delia und der gemeinsame Sohn Robert, das Vorbild für Skeezix) umzog.

Damit verließ der Zeichner, der für seine Serie immer akribische Recherchen durchgeführt hatte, deren Schauplatz, denn die Familie Wallet lebte in einer ungenannten Kleinstadt nicht allzu weit von Chicago entfernt, wo der Comic erschien (in der „Chicago Tribune“). Fortan, das betonen Ware und Heer, wandelte sich die Erzählweise: Es wurde abenteuerlicher, mehr allgemeine Probleme hielten Einzug, und das passte eben nicht nur dazu, dass Frank King die Lebenswelt seiner Protagonisten nicht mehr unmittelbar vor Augen hatte, sondern eben auch zu der Erkenntnis, dass die Krisenjahre in den Vereinigten Staaten anhalten würden. Wieder einmal erweist sich „Gasoline Alley“ als der treueste Spiegel der amerikanischen Gesellschaft.

So wie damals die Leser mit ihrer Serie und deren Protagonisten alterten, so tue ich es dank der großen Abstände zwischen den Nachdruckbänden heute auch wieder. Aber jeder „Walt and Skeezix“-Band (wie die Buchreihe aus rechtlichen Gründen heißen muss) führt nicht nur in jüngere Jahre der Comicgeschichte zurück, sondern belegt auch in immer größere erzählerische und zeichnerische Weisheit. Mit diesem Comic möchte man gern alt werden.