Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

O, Fallada, der du da prangest

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Warum habe ich dieses Buch nicht schon gelobt, als es vor vier Monaten erschien? Weil sofort nach Erscheinen der Verlag, Metrolit, in Insolvenz ging und ich dachte: Das darf nicht wahr sein! Da zeichnet jemand wie Jakob Hinrichs, einer der begabtesten und eigensinnigsten deutschen Comicerzähler, anderthalb Jahre vor sich hin, erschafft ein großartiges Werk, und dann wird dessen Vertrieb durch ein ökonomisches Missgeschick verhindert.  Einer der besten deutschen Comics der letzten Jahre findet nicht zum Publikum.

Dann sah ich, dass die Büchergilde Gutenberg, bei der Hinrichs‘ letztes Buch, die Adaption von Schnitzlers „Traumnovelle“ vor ein paar Jahren erschienen ist – auch das schon eine bemerkenswerte Arbeit –, das neue Werk in ihr Lizenzprogramm genommen hatte, und plötzlich konnte ich also doch wieder darüber schreiben. Um dann festzustellen, dass zumindest im Netz problemlos Bestellungen des Titels möglich sind, und für das Sortimentsgeschäft bestätigte mir das Gleiche dann auch meine Buchhändlerin. Und so bliebe mir eigentlich hier nur noch ein Satz zu sagen übrig: Kaufen Sie „Der Trinker“ von Hans Fallada in der gezeichneten Version von Jakob Hinrichs. Nein, doch noch ein zweiter Satz: Sie werden Ihren Augen nicht trauen.

Auch Ihren Fingern übrigens nicht, denn dieses Buch liegt so leicht in der Hand, als hätte sich die darin erzählte Auflösung der Person Hans Falladas in seine Literatur auch ganz konkret ereignet, als wäre er verweht, und die letzte Spur seiner Existenz fände sich in den federleichten Seiten dieses Comics. Das ist natürlich Unsinn: Fallada findet man überall, seine Werke sind populär wie nie zuvor, Dutzende sind greifbar, sind verfilmt, sind übersetzt, in England ist man verrückt nach diesem Autor. Der halbe Aufbau-Verlag lebt heute vom Erfolg der 1947 Verstorbenen. Für Metroilit hat dieser Ruhm leider nicht gereicht, aber das, was da verlegt wird,  ist ja auch nicht reiner Fallada, sondern eine Adaption. Nein, eine Biographie. Nein, eine Interpretation.

Es ist jedenfalls alles, was man über Fallada wissen möchte. Hinrichs hatte zunächst den 1944 im Gefängnis (Fallada war nach einem auf seine Frau abgegebenen Pistolenschuss verhaftet worden) geschriebenen Roman „Der Trinker“ adaptieren sollen. Der gefiel ihm nicht gut genug, doch ihn faszinierten bestimmte Passagen, Intensitäten, Töne, in denen er autobiographische Einflüsse spürte. Und so las sich Hinrichs, Jahrgang 1977, in das Leben von Rudolf Ditzen alias Hans Fallada, geboren 1893, hinein. Und dann verband er beides, Werk und Leben, brachte noch ein paar andere Fallada-Texte hinzu, vor allem den 1925 verfassten „Sachlichen Bericht über das Glück, ein Morphinist zu sein“ und den 1945 geschriebenen persönlichen Nachruf auf den im Jahr zuvor durch Freitod in Untersuchungshaft gestorbenen Comiczeichner Erich Ohser alias e.o. plauen (beide Texte sind brillant konzipierte, stilistisch wagemutige Einschübe in die sonstige Handlung von Hinrichs‘ „Trinker“-Buch geworden), und „schon“ war ein Comic fertig, den man lange nicht vergessen wird. Da der Verlag keine Leseprobe anbietet, soll hier ein Fernsehbeitrag über das Buch verlinkt werden: https://www.ardmediathek.de/tv/Stilbruch/Graphic-Novel-Der-Trinker/rbb-Fernsehen/Video?documentId=31002352&bcastId=3914800.

Er ist aus der Zeit gefallen, auch wenn Hinrichs sich an den Farben der dreißiger und vierziger Jahre orientiert, an den Stimmungen der Neuen Sachlichkeit, der Palette von Walter Trier. Doch zugleich ist die Geschichte gegenwärtig: McDonald’s-Tüten tauchen auf und manch andere Accessoires, die zum Handlungszeitpunkt des „Trinker“-Romans in der ersten Jahrhunderthälfte nicht existiert haben. Die Ebenen zwischen Fiktion und Realität durchdringen sich, wenn Hinrichs das Penthouse des Unternehmers Erwin Sommer, dem Protagonisten des „Trinkers“, so aussehen lässt wie Falladas Haus in Carwitz, wo der Schriftsteller die NS-Zeit überlebte. Und einige Schilderungen aus dem erst postum, nämlich 1950 erschienenen  Roman gehen subtil in biographische Fallada-Episoden über; selbst für den berüchtigten, nie in seiner Ursache geklärten Schuss auf die Gattin wird hier eine Erklärung gefunden – fiktiv natürlich, denn situativ aus dem „Trinker“ hergeleitet.

So wird der Comic zum großen Spielfeld für den Zusammenklang von Leben und Schaffen. Keine Rede mehr von einer Trennung zwischen Autor und Erzähler, zwischen Künstler und Kunstwerk. Der Comic von Hinrichs könnte Seminarstoff bieten für die Diskussion solcher Verhältnisse, aber ein Comic wird an den Universitäten immer noch nicht ernst genommen. Bei diesem wäre es überfällig.

Einzelne Kapitel werden durch Tierdarstellungen im Stile eines Nachschlagewerks eingeleitet, und jedes dieser Tiere spielt danach eine kleine Rolle, wie auch in den Originaltexten von Fallada – allein schon diese Details als erzählerische Eigenart des Autors zu entdecken und dann als Konstruktionsgerüst fürs eigene Buch zu wählen, löst Hinrichs‘ Adaption von Falladas Vorbild und macht es zur ganz eigenen Leistung, ohne die Ursprünge zu verleugnen. Der Zeichner erzählt über Fallada hinaus, und dabei werden so viele graphische Kunstgriffe eingesetzt, dass es den Rahmen selbst eines Netzbeitrags sprengen würde, sie aufzulisten. Noch einmal also dieser eine Satz: Kaufen Sie dieses Buch. Und noch einmal der zweite: Sie werden Ihren Augen nicht trauen.


2 Lesermeinungen

  1. Titel eingeben
    Nur wegen dieses Artikels habe ich mir das oben vorgestellte Buch gekauft, was einfach aber doch erstaunlich umständlich war, in Zeiten in denen man 1-click Bestellungen auf Amazon gewöhnt ist.

    Keine Frage, „Der Trinker“ ist lesenswert. Allerdings musste ich feststellen, dass die Verwebung von Leben und Werk dermaßen gut gelungen ist, dass jemand der sich mit beidem schlecht auskennt die Zusammenfügung nur begrenzt erkennen kann.

    Sprich, ohne Vorwissen erliegt die Faszination der Überflutung an Eindrücken.
    Wundervoll hingegen, die Episode über e.o. plauen.
    Danke für den schönen Hinweis auf dieses Werk.

  2. Gut
    Gut

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