Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Dekonstruktion eines Architekten

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Der Comic-Strip ist eine aussterbende Gattung, zumindest auf seinem klassischen Terrain, der Zeitung. Nicht nur, dass die aufwendige Arbeit daran und die drucktechnischen Vorläufe das genuine Bedürfnis einer Zeitung nach Aktualität konterkarieren (es sei denn, man ist Volker Reiche, der fast zehn Jahre lang „Strizz“ als tagesaktuellen Strip produziert hat), es mangelt überdies an Platz und Geld, um sich den schönen Luxus eins Fortsetzungscomics noch leisten zu können. Deshalb ist der Comic-Strip mit wenigen Ausnahmen heute zum Netzphänomen geworden. Und wenn man Glück hat, erscheint irgendwann einmal ein Sammelband, damit man die Folgen endlich auch einmal in der Form lesen kann, wie es dem Genre angemessen ist: auf Papier.

Um einen solchen Band soll es hier gehen. Er heißt „The Life of an Architect …“ und ist ungeachtet seines englischen Titelsund der gleichfalls englischen Texte bei einem deutsche Verlag erschienen: DOM Publishers, einem in Berlin residierenden Spezialisten für Architekturbücher mit durchaus beachtlichem Ausstoß. Diese Publikation aber ist der erste Comic des Verlags, und natürlich hat er es nur deshalb ins Programm geschafft, weil Protagonist des Strips ein Architekt ist: Archibald. Der entwirft ambitionierte Häuser und hat sich den lieben langen Tag mit seinen Kunden, Kollegen und Bauarbeitern herumzuschlagen – ganz zu schweifen von der eigenen Familie (Frau und Sohn, Letzterer selbst kindlicher Architekt in spe). Jeder Architekt dürfte sich darin wiederfinden.

Und das macht den Erfolg des Strips aus, der weltweit bereits in zehn Sprachen zu lesen ist. Denn überall auf der Welt wird gebaut, und überall auf der Welt leiden Architekten unter mangelndem Respekt für ihr Genie. Das weiß auch der Belgier Mike Hermans, der unter dem Pseudonym Maaik „The Life of an Architect …“ zeichnet, denn der 1971 geborene Herr ist selbst Architekt und weiß also um die Geltungssucht in seinem Gewerbe. Wie sich das allerdings mit der Tatsache vereinbaren lässt, dass Hermans‘ Name bis zur letzten Seite im Buch verschwiegen wird, wäre interessant zu ergründen. Vielleicht kann er gerade deshalb so drastisch über Architekten witzeln, weil er sich selbst doch nicht so ernst nimmt. Es wäre zu hoffen.

„The Life of an Architect …“ ist ein Gagstrip, und wer wissen will, wie dessen Humor funktioniert, der kann sich unter https://www.dom-publishers.com/products/en/Architecture-and-Design/The-Life-of-an-Architect.html ein paar Probefolgen ansehen. Nicht die besten, würde ich sagen. Ich mochte etwa die, in der Archibald auf seinen ständigen Auftraggeber trifft, der sich bei dem Architekten beklagt: „Ich habe Sie die ganze Woche lang angerufen, aber Sie gehen nie ans Telefon!“ Archibalds Antwort: „Ich habe mich eben mit Ihrem Gebäude beschäftigt statt mit Ihnen ..“ „Aber ich bin der Kunde!“ „Und ich bin ein nachhaltiger Architekt ..“ „Was hat denn das damit zu tun?!“ „Gebäude leben länger als Kunden …“

Immer wieder ist es diese Mischung aus Zynismus, Arroganz und Witz, die Archibald als Figur auszeichnet. Man möchte nicht mit ihm befreundet sein, geschweige denn ihn als Architekten engagieren. Im Mikrokosmos des Büros mit fünf Mitarbeitern aber werden die menschlichen Schwächen zu humoristischen Stärken, und wenn Archibald mit Gott persönlich als größtem aller Baumeister hadert, wird der Größenwahn so überdreht, wie man es sonst selbst aus Comic-Strips kaum kennt.

Selbstverständlich gibt es ein Vorbild für den berufsspezifischen Comic von Hermans: „Dilbert“,die seit 1993 laufende amerikanische Gagserie von Scott Adams über einen Büroangestellten. Die gibt es nun och mehr als Architekten, deshalb hat es „Dilbert“ in die großen Publikumszeitschriften geschafft, „The Life of an Architect …“ dagegen nur in fachspezifische Publikationen. Mit Hermans‘ Stil kann ich aber weitaus besser leben, weil er sich am traditionellen Cartoon orientiert, während „Dilbert“ konsequent auf die reduzierte Graphik von Computern getrimmt ist. Zudem wagt Hermans bisweilen genreimmanenten Humor, wie die besten Comic-Strips ihn immer wieder gepflegt haben: als Spiel mit den räumlichen Begrenzungen eines Comics etwa oder – besonders passend für Architekten – mit der Illusion von Linien und Konturen. Es handelt sich nicht um einen Meilenstein der Comicgeschichte, aber ein Mosaiksteinchen im bunten Bild der Möglichkeiten einer Erzählform, die nach Lesergruppen ausdifferenziert werden kann. Wenn Architektenwitze erfolgreich sind, warum dann nicht auch Juristen- oder Journalistenwitze? Wahrscheinlich gibt es dazu auch längst Comic-Strips, die aber nicht auf normalem Wege sichtbar werden. Und damit sind wir wieder beim Anfangsproblem.


1 Lesermeinung

  1. "Gebäude leben länger als Kunden" - manchmal. Wunderbarer Titel übrigens - und so
    zutreffend! Der Trend zu kurzlebigen Gebäuden wohl auch ein exponentiell wachsender. Oder noch anders: Die Bauherrn, haben das Bauen, die Architekten, das ganze überaus sinnlose, angestrengene Aussuchen aus irgendeiner – welcher auch immer, und wäre es PM – Formensprache längst überhaupt satt, „so unendlich satt“, wie es gefühlt schon mal den Endkapiteln der Zbg. am Vorabend von WKI entspräche. (Nein, niemand sieht einen Krieg kommen).

    Und weil sie es so satt haben, kaufen sie Autos. Unbedingt „Designer-Autos“ wie einen CLA45AMG zwar, aber doch immerhin Autos, weil dann dem Unterbewusstsein ein narz. triumph über das Objekt gegeben wäre: Du bist zwar das überlegene Design, aber ich werde dich trotzdem überleben!“

    Und wir brauchen doch sowie so keine Erinnerungsspeicher mehr, weder digital noch auf Papier, man sehe die Bücherflohmärkte oder Medimops. Die Historie bündelt sich im digitalen Augenblick, die Zeit verkürzt sich ständig mehr, aus Wachstum wurde Eruption – aber welches Digitalereignis könnte noch so, lange warten, wie eine Eruption dauerte?

    Sagen es seid längerem: Demnächst machen wir als Menschheit full take der gesamten Erdoberfläche mit diesen elektromagneitschen Archäologieverfahren und finden und graben ales aus, was überall auf der ganzen Welt vom früheren Menschen im Boden steckt. Und danach der nächste Zivilisationsgroßzusammenbruch. Und ausgegraben werden in 2000 Jahren unsere Autobahnkreuze zu tausenden, aber nicht die in alle Museumswinde verstreuten egozentrischen Totalaneignungswünsche dieses Jetzt – und auch nicht die Papiercomics dieses jetzt, noch weniger aber unsere Festplatten, die, oder dren techn. Nachfolger schon gar nicht. Auch nicht mit Comics drauf.

    Hatten wir zusagen, wir „ordneten die Erstellung und fortlaufende Erfassung eines global multiplying/copying index an“: Die Anzahl digitaler Kopiervorgänge, jetzt und in jeder Sekunde global über alles zu kennen wäre nebenbei noch so interessant (auch für die Spitzen der NSA). „Denn die Welt lebt nur im Augenblick der Reproduktion“.

    Und selbstverständlich wäre der Messwert über den Tag, die Woche, den Monat, das Jahr, die Jahre stark amplituden- u. phasenmoduliert. Wie ein Hormonspiegel im Blute.

    Zeichnen ist leben. Wir schöpfen langsam.

    (Nachtrag, man fühlte sich evtl. versucht Thomas Mann nachzulesen, über Goethe, in der Wortwahl Manns „dessen pflanzengleiches, langsam-mäanderndes Seelen- und Persönlichkeitswachstum – von Goethe eben als reflektierter Prozess im Selbstumgang des großen Mannes mit sich selbst so gesucht und gewollt“ – höchst modern, jaja … .) (Und seid wann mäandern Pflanzen? Aber sei es drum)

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