Comic

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Betagt, aber oho!

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Eine der erfolgreichsten jüngeren Comicserien auf dem konkurrenzintensiven französischen Comicmarkt ist „Les vieux forneaux“, auf Deutsch „Die alten Knacker“. Darin lässt der keineswegs alte Wilfrid Lupano (Jahrgang 1971) ein betagtes Freundestrio in dessen Heimatdorf in Südfrankreich reichlich abgedrehte Abenteuer erleben. Abgedreht deshalb, weil sich die drei Senioren im Stil französischer Filmkomödien von keiner Autorität einschüchtern lassen und vehement eine privat begründete Fehde mit dem lokalen Großunternehmen Baran-Servier ausfechten – dessen Eigentümer nicht jünger ist als sie, worauf die privaten Probleme auch zurückgehen. Das bewährte David-Goliath-Thema sorgt verlässlich für Unterhaltung, und Paul Cauuet (Noch jünger: Jahrgang 1980) hat dazu lichte und leichte Bilder gezeichnet, die in der Tradition eines karikaturesk angehauchten Realismus stehen (Leseprobe hier: https://www.splitter-verlag.de/die-alten-knacker-bd-4.html). Boucq ist wohl der Zeichner, der da am ehesten als Vorbild erscheint.

Was begeistert die Franzosen (und offenbar auch das deutsche Publikum, denn alle vier Bände sind schleunigst von Tanja Krämling für den Splitter Verlag übersetzt worden) an den „Alten Knackern“? Gewiss vor allem die politische Inkorrektheit, mit der die munteren Greise durchs Leben gehen. Dann die der Geschichte inhärente Globalisierungsskepsis und schließlich der Schuss Erotik, der durch die Enkelin eines der Knacker ins Spiel kommt. Diese junge Dame betreibt ein Marionettentheater namens „Der Wolf im Slip“, das nach der Hauptfigur der Vorführung benannt ist. Und wie erfolgreich die „Alten Knacker“ sind, zeigt sich nicht nur daran, dass der 2014 erschienene Debütband der Serie, „Die übrig bleiben“, einen Preis auf dem Comicfestival von Angoulême einheimste, sondern auch an einem bereits fertigen Spin-off: einem Bilderbuch, der die Geschichte des Puppenstücks erzählt. Auch dieser Band, wieder geschrieben von Lupano (Nomen est omen beim Thema Wolf), aber statt von Cauuet von der bilderbucherfahrenen Mayana Itoiz gezeichnet (wobei Cauuet dann doch noch bei einem zweiseitigen Appendix in Comicform zum Zuge kam), ist gerade bei Splitter erschienen.

Im neuen Band („Die Zauberin“ betitelt, nach einer seltenen Insektensorte, die es zu schützen gilt) wird der nie erlahmende Kampf zwischen dem Konzern und den alten Knackern fortgeschrieben, obwohl strenggenommen nur noch einer von ihnen im Dorf wohnt. Doch im Laufe der Handlung kommen die beiden Freunde aus Paris und Schottland angereist: der eine, um sich in den Kampf um ein von der Expansion des Unternehmens bedrohtes Stück Land einzumischen, der andere, um eine alte Liebe zu bezirzen. Wenn man sagt, dass nur einer reüssieren wird, dürfte die Prognose, wer es ist, nicht schwer fallen.

Allerdings sind die Rollen diesmal weniger klar verteilt als in den ersten drei Bänden, denn der ortsansässige Knacker ist durchaus willig, die Zerstörung der Landschaft durch eine neue Fabrik hinzunehmen, wenn dadurch im Gegenzug Jobs geschaffen werden, die das Ausbluten der Region verhindern. Doch nun kommt der Revoluzzer in Konflikt mit einer jüngeren ökologisch orientierten Generation, und es spricht für Lupano, dass er die Zwiespältigkeiten der politischen Gegenwart durch diese Konfrontation deutlich macht, ohne dabei ein verbissenes Szenario zu schreiben, das für eine der beiden Seiten Partei nähme. Wobei ihn diesmal ohnehin die Enkelin viel mehr interessiert, die sich in einen der angereisten Demonstranten verguckst, der sich aber schließlich als gar nicht so angereist erweist.

Der Mikrokosmos des kleinen südfranzösischen Dorfs wird also gar nicht einmal angekratzt, und natürlich liegt auch in der Reminiszenz an das andere widerständige Dorf in der französischen Comicgeschichte ein Reiz des Zyklus. Wobei der Slapstick mittlerweile doch arg die Oberhand gewinnt, worunter die Satire leidet. Aber für einen Mainstream-Comic sind „Die alten Knacker“ doch verblüffend schlau. Sowohl die Macher wie ihre Figuren.

 

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