Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Das kleine rote Buch

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Dies wird ein kleiner Text zu einem kleinen Buch. Das allerdings großartig ist – wie alles, was Nadine Redlich bislang publiziert hat. Viel umfasst diese Reihe noch gar nicht: Mit „Ambient Comics“ ging es 2014 los, 36 Seiten stark. Dann kam ein Jahr später dazu ein gleich starker zweiter Teil, noch einmal ein Jahre danach „Paniktotem“ mit immerhin mit 96 Seiten. Und nun, zwei Jahre danach, ist „I hate you, you just don’t know it yet“ erschienen, umfangmäßig mit 64 Seiten genau in der Mitte der Vorgängerbände. Insgesamt also keine zweihundertfünfzig Seiten, mit denen die junge Düsseldorfer Zeichnerin sich aber schon eine eigene Position im deutschsprachigen Comic erarbeitet hat: Nadine Redlichs Stil ist in der Tat unverkennbar.
Er ist auf den ersten Blick ganz einfach gehalten, skizzenartig reduziert (am besten schaut man sich das auf der Homepage der Künstlerin an: https://www.nadineredlich.de/), und bei „Ambient Comics“ geschah denn auch fast gar nichts: Das Erzählprinzip war eine jeweils ganzseitige Sequenz von schwarzweißen Bildern, die sich nur in winzigen Details voneinander unterschieden, so dass sie den Eindruck eines statischen Geschehens erweckten – analog zur bewusst lethargischen Ambient-Musik eben Ambient-Comics. Das ist viel schwerer als man glaubt und auch viel unterhaltsamer. Zumal es einen über die gängigen Comic-Definitionen nachdenken ließ. Ein Glück, dass der Titel beim Rotopol Verlag aus Kassel, dem Nadine Redlich weiterhin treu bleibt, nun endlich wieder lieferbar ist, wenn auch mit weniger aufwendig gedrucktem Umschlag als vordem, dafür aber als Komplettausgabe der Hefte 1 und 2.
„I hate you, you just don`t know it yet“ führt durch seinen Titel auch erst einmal auf die falsche Spur, aber schon das flammende Rot des Einbands und die rot gedruckten Zeichnungen im Inneren (hier zu sehen: https://www.rotopolpress.de/produkte/i-hate-you) lassen das eigentliche Thema des Bändchens erkennen: die Liebe. Ja, auch enttäuschte, und zwar gar nicht selten. Und auch das Spiel mit den sequentiellen Bedingungen des Comics ist wieder da. Hier vor allem verkörpert durch die Allegorie „Unsere Liebe ist wie eine wunderschöne Vase“. Dieser Satz wird sechs Mal im Laufe des Buchs in Bilder umgesetzt: zu Beginn tatsächlich als schwanenförmiges elegantes Gefäß, dann als großer Topf, aus dem ein ominöser Geruch aufsteigt, danach als griechischer Krater mit aufgemalter Kampfszene, hiernach als gesplitterte Vase, dann als Toilettenschüssel und schließlich – aber man darf ja nicht alle Pointen vorwegnehmen.
Dazwischen aber gibt es kurze Strichmännchengeschichten und Schemazeichnungen – alles ist wieder schlicht gehalten, während „Paniktotem“ auch Farbseiten geboten hatte. Manchmal gibt es auch nur kurze Textpassagen, durchweg englisch gehalten. Was der Sinn dieses Fremdsprachengebrauchs bei einem Verlag sein soll, der klein und deshalb nicht allzu international ausgerichtet ist, vermag ich nicht zu erkennen. Womöglich klingt es in Nadine Redlichs Ohren einfach besser, das wäre dann ja Grund genug. Schwierig zu verstehen ist jedenfalls nichts davon.
Mit diesem Buch ist die Zeichnerin weiterhin in den Fußstapfen von großen Cartoonisten wie Tex Rubinowitz oder Beck unterwegs, gerade was das Lapidar-Abstruse des Humors angeht. Aber auch Nicolas Mahler hat einen Narren an Redlichs Zeichnungen gefressen, und beide sind kürzlich gemeinsam aufgetreten: einer der derzeit erfolgreichsten deutschsprachigen Zeichner und die Kollegin, über die man bald hoffentlich Ähnliches wird sagen können.


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