Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Geistreiches über Geisterarmut

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Habe ich dieses Heft in Erlangen auf dem Comicsalon gekauft? Wurde es mir geschickt? Ich weiß es nicht mehr, aber dass es irgendwie herum- und schließlich zu mir hereingegeistert ist, passt zu seinem Titel: „Geister“. Geschrieben und gezeichnet hat es Janna Marie Dauer; auch über sie weiß ich nichts. Der Rückseite kann man entnehmen, dass das schöne rosafarbene mit den zwei zueinander kopfstehenden Frauenköpfen in der Risowerkstatt der Kunsthochschule Kassel hergestellt worden ist, schon vor einem Jahr. Frau Dauer wird also wohl bei Hendrik Dorgathen studiert haben, und aus dieser Schule kommen seit Jahren zuverlässig neue Talente.

Natürlich fördert das Netz sofort mehr zur Autorin zutage: https://www.jannemariedauer.com/, und wenn man sich kontinuierlich durchklickt, landet man irgendwann auch bei einer kleinen Leseprobe zu „Geister“. Um es einfach zu machen: https://www.jannemariedauer.com/comics/cleo-und-luise/. Daraus erfährt man mehr, als der Comic zunächst selbst verrät, denn im Netz ist gleich von Luise und Cleo, den beiden Protagonistinnen aus „Geister“, als von „besten Freundinnen“ die Rede. Derart explizit wird das im Heft nie gesagt, aber die Geschichte gibt sich ohnehin erst einmal wortkarg: Dialoge setzen erst auf Seite 8 (von insgesamt 42) ein. Bis dahin folgen wir der blonden Luise ins Schwimmbad und der dunkelhaarigen Cleo ins Badezimmer. Keine Orte, an denen man gemeinhin Geister vermuten würde.

Das ändert sich, als sich die Handlung in Luises WG verlagert, in der sie derzeit allein lebt und etliche Dinge verändert vorfindet. Da sie dafür keine Erklärung hat, ruft sie Cleo an, die eh mit ihr reden wollte. Denn Cleo wurde gerade von ihrem Freund verlassen, aber das interessiert die aufgeregte Luise kein bisschen. Darüber wiederum ist Cleo schwer enttäuscht, du so wird die Freundschaft auf eine Probe gestellt. Und das ist eigentlich auch schon die ganze Geschichte.

Klingt nach nicht viel. Zumal es nie eine Erklärung für die Veränderungen in der Wohnung geben wird. Ziemlich geistarm also. Aber wie geistreich Janne Marie Dauer dieses Nichts an Geschehen erzählt, das macht den Reiz aus: schwarzweiß mit sehr schnell wechselnden Perspektiven, einer parallelen Handlungsführung, als Cleo sich an einen gemeinsam als Jugendliche verbrachten Urlaub im Zeltlager erinnert, während Luise versucht, ihre Mitbewohner zu erreichen, und einer geschickt verschachtelten Seitenarchitektur, die durch das meist dichtgedrängte Arrangement die Bedrängnis der beiden jungen Frauen sichtbar macht. So kann man auch aus nichts viel machen. Und wer nun wissen will, wo man das Heft bekommt, der muss sich selbst auf die Suche machen, denn ich weiß ja nicht, wie mir die Sache zugegangen ist. Gespenstisch.


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