Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Männer, die in Gummi randalieren

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Der schnellste, der witzigste, der derzeit im Ausland erfolgreichste deutschsprachige Comiczeichner? Ja, schon wieder eine Kette von Superlativen nur eine Woche nach dem Blogeintrag über Émile Bravos Auftaktband zu „Spirou oder: die Hoffnung“. Aber wenn die Antwort auf die Eingangsfrage Nicolas Mahler lautet, ist alles darin formulierte auch wahr.

Der Schnellste: Darüber muss man gar nichts sagen; nur Mahler mit seinem ebenso typischen wie unnachahmlichen Stil schafft in ein paar Wochen mehr als hundertseitige Geschichten wie die Literaturadaption von Thomas Bernhards „Alte Meister“ (immer noch mein Lieblingswerk von ihm) oder Prousts „Recherche“. Der witzigste: Man lese nur etwas „Alte Meister“, und wenn man Thomas Bernhards Vorlage kennt, ist es noch witziger, aber das muss man nicht einmal. Oder „Kunsttheorie versus Frau Goldgruber“. Der im Ausland erfolgreichste: Mahler dürfte mehr übersetzte Publikationen haben als sonst jemand aus unserem Sprachraum. Er dürfte auch generell mehr Veröffentlichungen habe als alle seine hiesigen Kollegen, aber man liebt ihn in Frankreich besonders. Beim kommenden Comicfestival von Angoulême ist die Übersetzung seines Bandes „Alice in Sussex“ in der Endauswahl der besten Comics, die in diesem Jahr in Frankreich erschienen sind. Hierzulande erschien diese Geschichte genau vor sechs Jahren, zum ersten Mal übrigens in der F.A.Z., weil Suhrkamp der Sache erst einmal nicht traute. Ach ja: „deutschsprachig“. Mahler ist Österreicher, ja sogar Wiener, und das merkt man. Weltschmerz ist bei ihm omnipräsent, vor allem im Gespräch. Weltwissen und Weltoffenheit aber auch, vor allem in den Comics.

Sein neuester Streich – diesmal bei Reprodukt erschienen, denn Mahler macht zu viel für einen einzelnen Verlag, weshalb er bei Suhrkamp, Luftschacht und eben Reprodukt gleich drei feste Heimaten hat (und die Edition Moderne kriegt manchmal auch noch etwas ab) – heißt „Das Ritual“ und ist eine Liebeserklärung an den japanischen Monsterfilm der fünfziger und sechziger Jahre, also Godzilla und Co. (auf Mahlers Homepage ist das Plakat zur noch bevorstehenden Wiener Buchpremiere am 6. Januar zu sehen – sehenswert: https://www.mahlermuseum.com/; bitte runterscrollen, der Mann macht so viel). Wer nun aber denkt, der Band erzähle selbst eine Monstergeschichte, kennt Mahler schlecht. Ihm ist die Metaebene immer wichtiger als das Eigentliche – für das gibt es ja genug andere (Proust, Bernhard oder ein Filmgenie wie Ishiro Honda, der 1954 den ersten Godzilla-Regisseur drehte). Und so erzählt er in „Das Ritual“ von den Dreharbeiten, genauer: von einem namenlosen Trickspezialisten, der dafür sorgt, dass die Monster auf der Leinwand überlebensgroß daherkommen, auch wenn sich dahinter nur Männer in Gummikostümen verbergen.

„Ich komme ja eigentlich vom Modellbau“, hebt die Erzählstimme des unverkennbar à la Mahler abstrahierten Protagonisten (Hut, Sonnenbrille, langer Mantel), für Kenner des Genres leicht als Eiji Tsubaraya zu identifizieren, jener 1970 gestorbene Trickspezialist, dem zahlreiche japanische Science-Fictions oder Horrorfilme ihre Spezialeffekte verdanken. Aber das muss man nicht wissen, denn wie auch bei der „Alte Meister“-Adaption steht die Hauptfigur für viel mehr nur als für das, worauf sie sich bezieht. Mahler betreibt so etwas wie Comicsemiotik, eine Zeichenkunde der populären Künste inklusive des Comics selbst. Jedes seiner Alben ist auch eine Reflexion über das eigene Erzählen in Bildern; darin hat er nur im Franzosen Jochen Gerner einen ebenbürtigen Kollegen.

Gerner aber betreibt mit seinen Geschichten vor allem Comictheorie, bei Mahler wird sie lediglich subkutan mitvermittelt. Deshalb machen seine Geschichten so viel Spaß: Sie sind an der Oberfläche komisch, und dann kommt der Tiefgang noch dazu. „Das Ritual“ setzt denn auch mit einer aberwitzigen außerirdischen Invasion ein, wie sie schon Tim Burton in seinem Spielfilm „Mars Attacks!“ ähnlich geistvoll zitiert und parodiert hat, doch dann werden die prachtvoll knalligen Farben durch eher mahlertypisches Schwarzweiß ersetzt (mit der von ihm geliebten blassen Zusatzfarbe, diesmal ein Olivgrau; damit beginnt übrigens die siebenseitige Leseprobe des Verlag: https://www.reprodukt.com/produkt/comics/das-ritual/), und so sind fortan alle Szenen angelegt, die sich dem Trickspezialisten und seiner Arbeit widmen. Schon die Umkehrung der historischen Erscheinungsformen (farbig war die Realität, schwarzweiß das japanische Kino bis weit in die sechziger Jahre hinein) ist reizvoll, aber noch schöner ist die an der eigenen Aufgabe verzweifelnde Suada des Erzählers, der nicht etwa den Anforderungen der von ihm ausgestatteten Filme nicht gewachsen wäre, sondern am Leben an sich verzweifelt: „Natürlich war alles ziemlich sinnlos. Aber was wäre das nicht?“

„Bitte nennen Sie keine Namen“, sagt er zum Schluss, als wäre die Grundlage für Mahlers erzählten Essay ein reales Interview. Diesem Wunsch der Figur habe ich hier im Blog nicht entsprochen, aber in „Das Ritual“ selbst gibt es keinen einzigen verbalen Hinweis auf die Vorbilder außer der Erwähnung von Tokyo als häufiger Handlungsort und Japan als Herkunftsland der Filme. Und trotzdem weiß man von Beginn an, um was es geht, weil es Mahler gelingt, so etwas wie Archetypen der Akteure zu zeichnen. Und wer wäre nicht schon mal irgendwann einem dieser längst legendären Monsterfilme begegnet? Wer bislang noch keinem Comic von Mahler begegnet sein sollte, der findet mit „Das Ritual“ einen der allerbesten. Er hat selbst das Zeug zur Legende.


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