Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Erklär mir einer diese Gelbe Seiten

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Ein Geständnis vorab: Ich liebe Eiskunstlauf. Schon als Kind war das so. Und als das Eistanzen dramaturgisch spektakulär wurde (mit Jean Torvill und Christopher Dean, aber in meinen Augen noch mehr dank Natalja Bestemjanowa und Andrej Bukin) habe ich mir ganze Tage oder Nächte – je nach Austragungsort und Zeitzonen von Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften – vor dem Fernseher um die Ohren geschlagen. Aber selbst Schlittschuh gelaufen bin ich nie. Dafür waren die Winter im Rheinland einfach nicht kalt genug. Und die große Tradition des Eisschnelllaufs unserer niederländischen Nachbarn war faszinierend, aber doch nicht ansteckend genug.Der richtige Platz beim Eiskunstlauf ist für mich also der Sessel.

Nun bringt es die nicht gar so große Popularität dieses Sports mit sich, das man nur selten zuschauen kann. Was tun während der Durststrecken? Nun, dachte ich, vielleicht „Pirouetten“ lesen, den meines Wissens nach ersten Comic über Eiskunstlauf, satte vierhundert Seiten stark, geschrieben und gezeichnet von einer gerade mal zweiundzwanzigjährigen Amerikanerin, Tillie Walden, und in deren Heimatland schon 2017 erschienen und vielgelobt. Erfreulicherweise hat der Reprodukt Verlag ihn übersetzen lassen. Zur Leseprobe geht es hier: https://www.reprodukt.com/produkt/graphicnovels/pirouetten/.

Und? Schon darin gelesen? Dann werden Sie verstehen, dass ich bezweifele, ob die Publikation aus Begeisterung für den Sport geschah. Vielmehr dürfte die derzeit grassierende Gier der Verlage nach weiblichen Emanzipationsgeschichten den entscheidende Antrieb gewesen sein, hier zudem verstärkt durch eine Coming-of-Age-Geschichte (geht immer) und ein lesbisches Coming-Out (geht neuerdings immer besser). Tillie Walden hat gleich zwei Fallen vermieden: Es geht nicht um Erotihk auf dem Eis – sie versteht es meisterhaft, die knappen Röckchen der Eiskunstläuferinnen nicht ungebührlich hochfliegen zu lassen und hat auch einige gute Gründe dafür im text untergebracht. Und es geht auch nicht um die Schönheit des Sports – denn die junge Tillie, die von Kindesbeinen an bis zum Alter von siebzehn täglich trainiert hat (meist gar zweimal: frühmorgens fürs Einzel, nachmittags nach der Schule fürs Gruppenlaufen der Mädchen), hat das Eislaufen nie geliebt. Das Gewinnen schon, doch nicht die Eleganz des Laufens an sich. Seltsam, aber so steht es gezeichnet.

Andererseits kann man es einer Jugendlichen nicht verdenken, die jeden Morgen um vier Uhr aufstehen muss, um in die nächste Eishalle gebracht zu werden und dort zu trainieren. Dass die Eltern, die das Fahren übernahmen, dabei mitspielten, spricht von großem Ehrgeiz, aber der wird nie thematisiert. Überhaupt ist zur Familienkonstellation nicht viel mehr zu erfahren, als dass es neben einem älteren noch einen Zwillingsbruder von Tillie gibt, der ihr sehr viel bedeutet. Aber abgesehen von einer winzigen Irritation bei ihrem lesbischen Coming-Out werden keine Probleme kolportiert.

Warum glaube ich der Autorin diese Harmonie nicht? Weil ihre geschilderten Selbstzweifel viel zu tief sind, als dass sie bei intakter Umgebung glaubwürdig wären. Und nirgendwo gibt es einen Hinweis darauf, dass nicht alles autobiographisch wäre, was „Pirouetten“ erzählt.Der Comic ist denn auch viel mehr psychologische Selbststudie als Ereignisgeschichte, und würde nicht jedes der zehn Kapitel durch die Darstellung und Einordnung einer Eislauffigur eingeleitet, bliebe beim Sportthema nahezu alles ausgeklammert, was die Ausübung angeht. Und damit fehlt auch weitgehend die Begründung fürs Dabeibleiben der jungen Tillie.

Diese Lücke hat mir die Lektüre vergällt. Klar, ich hatte auch etwas anderes erwartet, eine Hommage, gerne auch kritisch, an einen von mir geschätzten Sport. Die bietet „Pirouetten“ nicht; der Titel ist auch eher metaphorisch zu verstehen (im Original lautet er „Spinning“), um das ständige Um-sich-Drehen der Handlung und das Nicht-vom-Fleck-Kommen Tillies zu beschreiben. Aber derartige Comics hat es schon häufiger gegeben, und da waren die Probleme meist nachvollziehbarer.

Bis auf die homosexuelle Neigung der Ich-Erzählerin. Die sie schon als kleines Mädchen verspürte, weshalb es eines als traumatisch erlebten Übergriffversuchs durch den Nachhilfelehrer später gar nicht mehr bedurfte, um in Liebe zu Frauen zu entbrennen. Die Hilflosigkeit eines gerade nicht desorientierten Teenagers, der aber nicht nach den Erwartungen leben und lieben will, die seine Schul- und Sportkameradinnen haben, kann Tillie Walden wunderbar ausdrücken. Dass sie etwas zu häufig melodramatische wird, mag ihrem jungen Alter und mangelnder Erfahrung als Autorin zuzuschreiben sein. Oder doch dem Leben, das ja meistens viel pathetischer ausfällt, als wir es von Literatur erwarten? Andererseits hält eine normale Karriere auf lokaler Ebene dann doch keine so großen Dramen wie etwa das zwischen Tonya Harding und Nancy Kerrigan parat. Erfreulicherweise.

Leicht unbeholfen wirkt übrigens der Einsatz einer nur selten, dann aber arg aggressiv eingesetzten gelben Schmuckfarbe im ansonsten dunkellilaweiß statt schwarzweiß gedruckten Comic. Meist soll das Gelb Lichteinfälle zeigen, aber dann gibt es plötzlich auch eine gelb hinterlegte Doppelseite mit technischen Erläuterungen zu einer Eiskunstlauffigur, und wozu diese gelben Seiten dienen, was sie ausdrücken sollen, bleibt rätselhaft. Tillie Walden hat erkennbar ihre neue Kunst noch nicht im Griff. Aber womöglich wird das besser, wenn sie sich nach dem Erfolg ihres autobiographischen Debüts ans fiktive Erzählen begeben wird. Das wäre dann die Kür. Bis dahin hoffe ich auf genug Eiskunstlaufübertragungen.


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