Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ist das die Karikatur vom „Kleinen Nick“?

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Vor mehr als anderthalb Jahrzehnten stieß ich in einer Pariser Galerie auf eine alte Sempé-Zeichnung. Eine sehr alte offensichtlich, denn außer der Signatur sah nicht allzu viel nach Sempé aus. Es war ein klassischer Cartoon im Stil der fünfziger Jahre, ein Witzblatt, auf dem ein Mann auf der Straße sich irritiert nach zwei Sportfechtern umschaut, die es im Eifer des – ja: hier wörtlich – Gefechts mit gekreuzten Klingen aus ihrem Vereinslokal auf den Bürgersteig hinaustreibt. Der Aberwitz der Situation ist schon ganz Sempé-artig, aber die Figuren haben spitze Nasen, sind gezeichnet, als kämen sie von Bosc, und vor allem ist noch nichts zu sehen von Sempés geradezu barocker Detailfreude an Pariser Straßenszenen.Der Fechtclub ist so simpel gezeichnet wie das Haus vom Nikolaus.

Die Zeichnung wird aus Sempés Anfängen stammen, als der 1932 in Bordeaux geborene Zeichner in Paris Fuß zu fassen begann, Mitte bis Ende der fünfziger Jahre. Ersten Ruhm erwarb er sich von 1959 an mit den illustrierten Geschichten von „Kleinen Nick“, die René Goscinny für ihn schrieb, der Mann also, der im selben Jahr auch „Asterix“ erfand. Die aus der Ich-Perspektive eines kleinen Jungen erzählten kurzen Texte wurden von Sempé um jeweils zwei oder drei größere Illustrationen und einzelne Vignetten ergänzt und in der Sonntagszeitung „Sud-Ouest Dimanche“ abgedruckt – fast fünf Jahre lang wöchentlich. Die meisten dieser Episoden wurden in Sammelbänden zusammengefasst, die dann als Übersetzungen auch internationalen Erfolg hatten, vor allem in Deutschland in der legendären Textversion von Hans Georg Lenzen. Ein paar Dutzend Geschichten, die noch nicht nachgedruckt worden waren, wurden vor wenigen Jahren als Buchausgabe nachgereicht – wieder mit Riesenresonanz.

Da lag es nahe, auch mal jene Geschichten von „Kleinen Nick“ auszugraben, die noch vor 1959 entstanden waren, genauer gesagt: 28 Folgen, die 1955/56 in der Jugendzeitschrift „Le Moustique“ erschienen, aber nicht als illustrierte Geschichten, sondern als klassische Comics erzählt wurden. Sie waren längst vergessen. Goscinny hatte zwar schon immer mehr für die Möglichkeiten des Comics als für die der Literatur übrig gehabt, aber Sempé zeigte sich in den jeweils eine Seite umfassenden frühen Geschichten formal wenig inspiriert: Jede hat ein festes Schema von vier Reihen à drei Bildern, und der Einfluss von damals den französischen Markt dominierenden belgischen Zeichnern wie André Franquin, Will oder Dino Attanasio ist überdeutlich. Und da sind auch wieder die Spitznasen und reduzierten Dekors – kurz: Es sieht alles ganz anders aus, als aus den späteren Geschichten vom „Kleinen Nick“ gewohnt. Hier haben wir bizarrerweise eine Art Karikatur eines alten Bekannten vor uns. Nur, dass es sich dabei um die Ursprungsform handelt, die aber wenig originell ausfiel.

An epigonalen Serien hatte Goscinny, der diese Comics unter dem Pseudonym Agostini geschrieben hatte, keinen Spaß, und die Leser offenbar auch nicht; die Abenteuer des Kleinen Nicks endeten nach einem halben Jahr, und wären die beiden Autoren nicht auf das neue Konzept verfallen (und hätte sich Sempé in den Jahren dazwischen nicht massiv als Zeichner verbessert), wären wir um eine hinreißenden Geschichtenzyklus ärmer.

Doch auch die frühen Nick-Comics haben ihren Reiz. Sie sind zunächst in Frankreich und nun auch ins Deutsche übersetzt beim „Kleinen Nick“-Stammverlag Diogeneserschienen, unter dem Titel „Wie alles begann“ als Comicalbum (Leseprobe unter https://www.diogenes.ch/leser/titel/rene-goscinny-jean-jacques-sempe/der-kleine-nick-wie-alles-begann-illustriert-von-jean-jacques-sempe-9783257012354.html), das den schmalen Umfang des wiederentdeckten Konvoluts dadurch kaschiert, dass zwei spätere Geschichten, die auf einzelnen Comic-Episoden von 1955 beruhten, komplett samt den Illustrationen mitabgedruckt werden, so dass dann doch insgesamt 48 Seiten zusammenkommen. Viel zu tun haben diese beiden Episoden mit den Comics allerdings nicht, sie enthalten jeweils verwandte Themen, aber ganz andere Handlungsverläufe. Daran sieht man auch, wie souverän sich Goscinny den neuen Gegebenheiten als Textautor anzupassen verstand.

Man liest daran aber auch die Unterschiede zwischen dem Ton des früheren, mittlerweile verstorbenen Übersetzers Lenzen und seiner nunmehrigen Nachfolgerin Anna von Planta ab. Nun hat sie auch kaum Gelegenheit für Glanzleistungen, denn die Sprechblasen schränken die Übersetzungsmöglichkeiten räumlich ein und der Wegfall der kindlichen Erzählperspektive erzwingt einen ganz anderen Tonfall (eigentlich ist Nicks Vater die Hauptperson der Comic-Seiten). Die auch textlich streng gewahrte Ansiedelung des Geschehens in den fünfziger Jahren macht die Handlungen allerdings geradezu behäbig, was die späteren Geschichten gerade nicht waren. Da rächt sich die dominante Rolle der Bilder bei der Rezeption von Comics.

Dennoch ist der Band ein hübsches Stück Comicgeschichte, und die Nostalgie der Zeichnungen und auch des darin porträtierten Familienbildes macht noch einmal klar, wie sehr sich die Welt im Laufe der fünfziger Jahre geändert hat. Und wie nahe Goscinny und Sempé dem jeweiligen Zeitgeist waren, ja, wie sehr sie ihn wohl auch mitgeprägt haben.


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