Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Wie dieser Schiller schillert

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Bevor ich dieses Blog für vier Monate schließe, um in die Neue Welt zu reisen, soll noch einmal ein Blick auf die Alte Welt geworfen werden. Auf die wirklich alte, die vor dem Entstehen dessen, was Comics sind, auf das achtzehnte Jahrhundert. Nun gibt es genug Bildergeschichten-Historiker, die in so ziemlich jeder Menschheitsepoche, die überhaupt den Umgang mit Zeichenmaterialien kannte, Frühformen des Comics ausmachen, aber ich halte am Jahr 1895 fest, an der Serie „Yellow Kid“, die erstmals all die Elemente bot, die uns heute als comictypisch gelten und zudem auch noch vom Massenpublikum als revolutionäre Neuigkeit wahrgenommen wurde.

Massenpublikum – das ist das Stichwort. Vor der technischen Innovation des Rotationsdrucks im mittleren neunzehnten Jahrhundert gab es das für gedruckte Medien gar nicht, die Kosten der Presseerzeugnisse waren zu hoch. Stattdessen fertigte man Bildergeschichten fürs private Amüsement per Hand an, und diese Praxis zeigt immerhin, wie populär das graphische Erzählen damals schon war. Allerdings haben nur wenige Beispiele solcher Privaterzeugnisse überlebt, aber eines davon stammt von denkbar prominenter Hand: die „Avanturen des neuen Telemachs“, gezeichnet 1786 in Dresden von Friedrich Schiller als Parodie auf Fénelons damals europaweit berühmten „Telemach“-Roman und als Geburtstagsgeschenk für seinen Gastgeber, Freund und Gönner Christian Gottfried Körner, der in dieser Farce die Hauptrolle bekleidet..

Die Existenz dieser Bildergeschichte ist seit 1862 bekannt, als sie erstmals publiziert wurde. Seitdem wurde sie mehrfach neu aufgelegt, allerdings immer nur nach den Reproduktionen der Erstausgabe, weil das Originalmanuskript verschollen war. Ich bekam einen dieser Nachdrucke 1997 von meinem damaligen Kollegen Gerhard Stadelmaier geliehen (natürlich hat ein Musterschwabe alles vom schwäbischen Nationaldichter Schiller!), als ich an meinem Buch „Im Comic vereint“ schrieb. Und das sah wirklich sehr nach Comic aus, zumindest aber nach Bildergeschichten à la Wilhelm Busch – dank der feinen Konturlinie und der schönen flächigen Kolorierung.

Jetzt ist wieder eine Buchausgabe der Schillerschen „Avanturen“ erschienen, aber welch ein Unterschied! Die Konturlinien? Meistens weg. Die Farben verwaschene Aquarillierungen. Was ist da los? Nun, der Herausgeber und Kommentator dieser Edition, der bei Gießen lebende Literaturwissenschaftler und Bildergeschichtenexperte Dietrich Grünewald, eine der belesensten Koryphäen in Deutschland auf dem Feld der Comics, hat das Originalmanuskript aufgestöbert, im Bestand der amerikanischen Yale-University, und die Erlaubnis erlangt, eine Faksimileausgabe zu veranstalten. Und da erweist sich nun, dass die Schillersche Vorlage 1862 mächtig geschönt, sprich: für den Druck nachgezeichnet worden war, um ein Erscheinungsbild zu erhalten, dass dem damaligen Geschmack des Publikums – Wilhelm Busch eben! – entsprach. So gut gezeichnet hat dieser Schiller also gar nicht.

Das wäre schon interessant genug, aber Grünewalds Ausgabe hat auch noch ein Bild zu bieten, das in der gedruckten Erstausgabe aus Pietätgründen ausgelassen worden war. Auf dem zweiten Blatt der Geschichte wird die Geschichte eines Körnerschen Buchprojekts erzählt, dessen Manuskript bedauerlicherweise einem Malheur zum Opfer fällt, das darin besteht, dass es als Toilettenpapier benutzt wird. Den Übeltäter zeichnete Schiller mit heruntergelassenen Hosen beim Gang vom Klo, und diese anzüglich unangezogene Zeichnung mochte man 1862 dem Andenken des großen Klassikers nicht zumuten. Nun kann man endlich verstehen, was da überhaupt passierte auf Blatt 2.

Insgesamt gibt es nur vierzehn Blätter, die allesamt spöttisch-liebevoll auf Ereignisse in Körners Leben anspielen, die eher wenig ruhmvoll waren. Zu Schillers Zeichnungen – manchmal blattfüllend, manchmal als Bildfolgen auf einem Bogen angelegt – gibt es handschriftlich ergänzte Kommentare, die Ferdinand Huber, ein weiterer Freund Körners, verfasst hat. Sie geben im Stil der damals immens beliebten Lichtenbergschen Erläuterungen zu den Kupfersticherzählzyklen von William Hogarth an, was man auf den Zeichnungen sieht – allerdings selbst in ironischem Ton. Die Bildergeschichte ist eine Freundschaftsgabe, die von großem Spaß der Urheber ebenso zeugt wie von Körners Fähigkeit, über sich selbst lachen und lachen zu lassen.

Heute wirkt das alles recht altbacken erzählt und wenig souverän gezeichnet, aber für die Lektüre ist auch ein gerüttelt Maß an Wissen über die damalige Bildungsbeflissenheit des Bürgertums erforderlich. Wie gut also, dass der größte Teil des Buchs aus Grünewalds Erläuterungen besteht. Sie gehen zurück auf einen Aufsatz des Autors, der im Jahrbuch für Comicforschung 2016 erschienen ist, aber nochmals erweitert und aktualisiert wurde. Der auf Comicforschung spezialisierte Kleinverlag Christian A. Bachmann hat daraus eine mustergültige Ausgabe gemacht (wenn man von einigen kleinen orthographischen Mängeln absieht).

Und ist das nun ein Comic? Natürlich nicht, was die Technik angeht, wenn es auch bisweilen Sprechblasen und Bildsequenzen gibt. Aber sofern man „Comic“ einmal wörtlich nimmt, als komische Bildergeschichten, ist der Anspruch geradezu vorbildlich eingelöst. Vom skatologischen bis zum philosophischen Humor, von der sexuellen bis zur theologischen Anspielung wird alles geboten. Ob ich etwas so Gewagtes während meiner vier amerikanischen Monate in den Comicregalen jenseits des Atlantiks finden werde, darf man angesichts des auch im Comic um sich greifenden ideologisch motivierten Reinheitsfimmels bezweifeln. Wenn doch, wird es in vier Monaten an dieser Stelle etwas davon zu erzählen geben. Ansonsten würde ich einfach all das lesen, was ich in dem Dritteljahr verpasst haben werde. Etwas Geduld also erbitte ich, wenn mancher erwarteter Kommentar zu neuen Comics auf sich warten lässt. Allen, die das hier lesen, wünsche ich ein schönes Frühjahr und einen prachtvollen Sommer. Und gute Comics.


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