Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Innerstädtisches Road-Movie

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Heute ist der letzte Septembertag, und das Münchner Oktoberfest ist schon halb herum. Warum das größte Volksfest der Welt, wie es gerne betitelt wird, so selten Gegenstand literarischer Werke geworden ist, würde mich sehr interessieren. Womöglich fühlen die Münchner sich dort von Touristen verdrängt, während solche lokalen Festphänomene wie etwa der rund um Frankfurt begangene jährliche Wäldchestag oder der nur alle sieben Jahre ausgerichtete Grenzgang im mittelhessischen Biedenkopf durch ihre auf Einheimische beschränkte Bedeutung besseren Anlass zu Romanen bieten – siehe Andreas Maiers „Wäldchestag“ und Stefan Thomés „Grenzgang“, die beide großen Erfolg hatten und die jeweiligen Karrieren ihrer Autoren begründeten.

Wie wird es sich mit Frank Schmolkes „Nachts im Paradies“ verhalten, dem ersten Comic zum Oktoberfest – zumindest soweit ich sehe? Schmolkes Karriere wird damit nicht begründet werden; der 1967 in München geborene Zeichner ist schon lange dabei. Zum ersten Mal begegnete mir ein Werk von ihm vor mehr als anderthalb Jahrzehnten in Ulf K.s kleiner „Ubu Imperator“-Reihe. Dadurch entdeckte ich nachträglich die von ihm mitbegründete Anthologie „Tentakel“, doch dann war auch schon wieder Schluss bis zum bei der Edition Moderne erschienenen Band „Trabanten“. Die erste Publikation Schmolkes bei einem wichtigen Comicverlag, eine 2007 erschienene illustrierte Elvis-Biographie für Ehapa, habe ich offenbar übersehen. Und „Trabanten“ ist auch schon wieder sechs Jahre alt.

Nun aber „Nachts im Paradies“, wieder bei der Edition Moderne. Und der bisher mit Abstand stärkste Comic von Frank Schmolke, durchaus geeignet, eine ganz andere Karriere als bislang zu starten, nämlich als grandioser fiktionaler Chronist des Alltags. Zunächst aber etwas zur Graphik. Durch einen glücklichen Umstand habe ich Entwürfe zu diesem Band gesehen, eine atemlos hingeworfene Tour de Force in einem Notizbuch. Wie man nun im Nachwort des Autors zu „Nachts im Paradies“ lesen kann, hat er tatsächlich immer wieder als Taxifahrer gearbeitet und während seiner Fahrten ein Notizbuch mit gezeichneten Beobachtungen gefüllt. Aber das, was ich gesehen habe, enthielt schon den Beginn der jetzigen Geschichte, in die zwar etliche eigene Erlebnisse mit Fahrgästen Eingang gefunden haben, aber die eigentliche Handlung, die man getrost als Krimi auf zwei Ebenen beschreiben kann, ist natürlich fiktiv. Und sie war damals schon erkennbar, gezeichnet in einem phantastisch spontanen Stil, der mich so begeisterte, dass ich mit größtem Misstrauen hörte, dass nicht einfach diese Version publiziert werden würde.

Und jetzt kommt der 350 Seiten starke Band und begeistert mich tatsächlich noch mehr. Weil er das Gefühl der Spontaneität bewahrt hat und trotzdem ein in jedem Bild ausgefeiltes Werk geworden ist. Seit Barus „Autoroute de soleil“, mittlerweile mehr als zwanzig Jahre her, habe ich kein derartig perfektes Comic-Road-Movie mehr gelesen, obwohl die Handlung München nie verlässt. Und so sieht das Ganze aus, einfach großartig: https://www.editionmoderne.ch/de/80/leseprobe/336/nachts-im-paradies.html. Und ein schöner Arte-Beitrag über den Comic  (https://www.arte.tv/de/videos/091549-000-A/graphic-novel-nacht-im-paradies-von-frank-schmolke/) hat auch noch dafür gesorgt, dass der Band schon in die zweite Auflage gekommen ist. Was wünscht man sich mehr? Na gut, für Schmolke und die Comicleser noch eine dritte, vierte, fünfte Auflage und dann bitte noch ein paar Übersetzungen.

Denn dieser Band hat internationales Potential. Er knüpft an die von Reinhard Kleist als Markenzeichen gepflegte realistisch-expressive Schwarzweißoptik in der Tradition Will Eisners an, hat aber über die ständige Variation von Seitenarchitekturen, zwischengeschaltete Doppelseiten und eine hinreißende Dekor-Optik, die bisweilen die Linien von bekannten Münchner Gebäuden wackeln lässt, als wäre die ganze Wahrnehmung der Protagonisten im Rausch erfolgt, eine ganz eigene strukturelle Bildsprache. Natürlich ist der bereits genannte Baru ein klar erkennbares Vorbild – „natürlich“, weil auch er das Ungebärdige von Außenseitern zum Zentrum seiner Geschichten hat, und so normal ein Taxifahrer auch erst einmal wirken man – bei Schmolke bekommt man neben der Hauptfigur Vincent (der sich im Aussehen deutlich von seinem Schöpfer unterscheidet) noch mehrere andere Taxlerbiographien miterzählt, die ein soziales Spektrum deutlich machen, das die ganze Randgesellschaft umfasst. Und wer liefe nicht Gefahr, dorthin einmal abzurutschen?

Das Münchner Oktoberfest gibt den zeitlichen Rahmen für die Handlung vor. Es ist die Goldgräberzeit für das lokale Taxigeschäft, vergleichbar mit der Frankfurter Buchmesse für die Kollegen am Main, nur natürlich noch in ganz anderen Maßstäben – numerisch wie auch nervlich, denn ein Gutteil der beförderten Fahrgäste, die von der Wies`n kommen, ist jenseits der Zurechnungsfähigkeit. Man lernt einiges in diesem Band über die Psychologie von Betrunkenen und mehr noch über die von ihren Fahrern. Und man lernt auch, dass die Theresienwiese während der Oktoberfestzeit gar nicht direkt angesteuert werden darf. Mutmaßlich wäre sonst die Unfallquote der Veranstaltung zu groß.

Die beiden Krimihandlungsstränge sind andererseits gar nicht direkt mit dem Oktoberfest verknüpft. Zunächst gerät Vincent als kurzerhand angeheuerter Personenschützer ins Rotlichtmilieu und wird dort mit den Strukturen der Russenmafia konfrontiert, dann wird seine halbwüchsige Tochter Opfer eines Übergriffversuchs, als ein Begleiter sie in einem Club unter Drogen setzt, sie ihm aber entkommt, woran sich eine lange Verfolgungsjagd anschließt, die schließlich Vater und Tochter wieder zusammenführt. Und wie das bei Frank Schmolke aussieht, das muss man sich selbst anschauen. So etwa hat man nämlich noch nicht gesehen. Und es ist wunderbar organisch – in jedem Sinne – ins vorherige Geschehen eingepasst. Das „Paradies“ im Titel ist selbstverständlich reiner Hohn; diese Nacht ist so noir, wie man es sich nur denken kann.


1 Lesermeinung

  1. Oktoberfestcomics
    Hallo, Herr Platthaus,

    doch, es gab schon ein paar wenige Comics über das Oktoberfest

    https://novum.graphics/news/editorial-design/detail/das-oktoberfest-im-comic/?fbclid=IwAR1EpXaBAbO_E_rf97YdeCYVG_vqI2d0E5h8IYOtkhXBl5KRamqf1FWcUyo

    Herzliche Grüße
    Markus Galla

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