Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Der letzte Schuss im alten Jahr ist ein Volltreffer

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Man beschließt das alte Jahr nicht gerne mit einer offenen Frage. Auch nicht als Comicleser. Und trotzdem ist das letzte Buch, das 2019 an dieser Stelle vorgestellt werden soll, nur der Auftaktband zu einer größeren Geschichte. Aber was für ein Auftaktband!

Als Jean Giraud alias Moebius 2012 starb, schienen auch seine größte Serie mit ihm zu Grabe getragen zu werden: „Blueberry“. Mit diesem Western-Comic war der 1938 geborenen Franzose in den sechziger Jahren bekannt geworden; den Titelhelden hatte er nach dem damals im Kino unfassbar populären Jean-Paul Belmondo modelliert, und der Schauspieler hatte die Größe, sich nie darüber zu beklagen (was ihm, seit „Blueberry“ sich in den siebziger Jahren zur laufenden Legende entwickelte, leicht gefallen sein wird). Geschrieben hatte die Serie Jean-Michael Charlier, der neben René Goscinny höchstangesehene Szenarist des französischsprachigen Comics. Er starb schon 1989, aber das warf „Blueberry“ nicht einmal für zwei Jahre aus der Bahn, denn Giraud raffte sich auf, erst eine eher banale Fortsetzung, dann aber von 1995 an auch ein Meisterstück zu schaffen: einen fünfbändigen Alterszyklus in mehrerlei Hinsicht. Alt war Giraud selbst, als 2005 mit „Dust“ der letzte Band erschien, und alt war in diesem Buch-Quintett auch Mike Blueberry geworden, jener Titelheld der Serie, der 1965 als Leutnant in der US-Kavallerie begonnen und es nun bis in den Ruhestand geschafft hatte (der sich als alles andere als ruhig erweisen sollte). Es ist eines der größten Alterswerke des Comics überhaupt.

Seitdem gab es mit Ausnahme eines von Giraud eher aus altem Material zusammengebastelten Bandes, der die sichere Einnahmequelle „Blueberry“ noch einmal anzapfte, nichts Neues über den alten Marshall. Parallel war über Jahrzehnte schon eine von anderen Zeichnern erstellte Jugendserie erschienen, aber die muss man nicht ernst nehmen; sie lässt die erzählerischen Qualitäten des Hauptstrangs vermissen. Wer hätte den nun nach 2012 fortsetzen sollen? Giraud war als Autor seiner Erfolgsserie ja nicht in die Falle gegangen, in die der Kollege Albert Uderzo bei „Asterix“ getappt war: durch das Beharren auf die eigene Autorschaft den Nimbus des Werks zu beschädigen, so dass man die Ablösung durch Jüngere immer mehr herbeisehnte. Aber nach dem „Mister Blueberry“-Zyklus war wirklich ein Epos zu Ende erzählt. Als vor wenigen Wochen in Frankreich nun doch ein neuer „Blueberry“-Band angekündigt wurde, hatte ich Zweifel – um es gelinde zu sagen.

Allerdings waren da die beiden Autoren, die es wagten: Joann Sfar als Szenarist und Christophe Blain als Zeichner. Das ist, als wäre „Asterix“ von Zep und Riad Sattouf fortgesetzt worden – angesehener und erfolgreicher geht es kaum. Sfar hat mit „Die Katze des Rabbiners“ ebenso eine der einflussreichsten jüngeren französischen Comicserien publiziert wie Blain mit „Quay d’Orsay“, beides natürlich auch verfilmt, und zwar jeweils grandios (schweigen wir dagegen gnädig über die „Blueberry“-Verfilmung von 2004, die selbst Vincent Cassel als Hauptdarsteller nicht zu retten vermochte). Kurz: ein Traumpaar. Und mindestens miteinander so vertraut wie Giraud ehedem mit Charlier, als die beiden ein Jahrzehnt lang beim Comicmagazin „Pilote“ gearbeitet hatten. Sfar und Blain sind enge Freunde, seit sie in den neunziger Jahren als junge Zeichner im Pariser Atelier des Voges ihre Karrieren begannen. Bei der Serie „Donjon“ haben sie zudem bereits zusammengearbeitet, auch damals mit Sfar, dem schnellsten Zeichner Frankreichs, als Szenarist, und dem akribischen Blain am Zeichenbrett.

Und diese Vertrautheit merkt man dem neuen „Blueberry“-Abenteuer an (hier eine französische Leseprobe: https://www.dargaud.com/bd-en-ligne/une-aventure-du-lieutenant-blueberry-tome-1,37452-cdeed2c8c66c8e1919a81194720037c7). Es heißt „Amertume Apache“, nach dem Namen eines Indianerkriegers, der sich nach der Ermordung von Frau und Tochter durch weiße Siedler auf einen Rachefeldzug begibt, der zuverlässig den Armeeangehörigen Blueberry als treuen Freund der Ureinwohner auf den Plan ruft. Wir sind auf dem Zeitstrahl wieder zurück: im Jahr 1867, also kurz nach dem Bürgerkrieg, in einer Zeit, in der auch die ersten Giraud/Charlier-Alben angesiedelt sind. Und doch ist die Erzählhaltung eine andere.

Das liegt vor allem an den Frauenfiguren. Nicht, dass „Blueberry“ bisher bekannt für schwache Frauen gewesen wäre, aber bis die großen femmes fatales bei Charlier auftauchten, dauerte es doch ein Jahrzehnt. Und keine glich der jungen Bimhal Dahlstrom, die in „Amertume Apache“ als kalte Killerin die unheilvolle Ereigniskette in Gang setzt, die dann im fürs kommende Jahr angekündigten Fortsetzungsband „Les Hommes de non-justice“ (Die Gesetzlosen) ihren Abschluss finden soll.

Bimhal ist ihren beiden Mitverbrechern Siméon (ihr Bruder) und Arad (ein ungestüm-unglücklich in sie Verliebter) an Brutalität und Geschick um Meilen voraus. Nur ihr Vater, ein Prediger, der auf seiner einsamen Farm eine Art Sekte um sich geschart und diese mit harter Hand regiert, kommt ihr an Bosheit gleich. Man darf Sfar und Blain zutrauen, dass sie mit dieser religiösen Konstellation auch einen Kommentar zur biographischen Verstrickung von Jean Giraud in die Ufo-Sekte des selbsternannten Propheten Rael aus den siebziger und achtziger Jahren unterbringen wollten. Andererseits sind beide grenzenlose Bewunderer des Zeichners Giraud/Moebius, wie man aus Sfars publizierten gezeichneten Tagebüchern weiß.

Wie aber verhält es sich mit Blains Bildern? Die Nachfolge des virtuosesten französischen Comiczeichners anzutreten, ist selbst für diesen Könner eine Herausforderung. Er besteht sie, indem er sich dem Stil von Girauds Westernszenerien anschließt, auch die Belmondo-Züge des Helden stark betont, also am Bewährten festhält und nur bisweilen die eigene Handschrift erkennen lässt, etwa in einer kurzen Trunkenheitssequenz im Fort Navajo. Wie anders ist da etwa Blutch kürzlich mit Wills Klassikerserie „Tif et Tondu“ („Harry und Platte“ auf deutsch) umgegangen, die er ganz in seine Ästhetik überführte. Oder Mathieu Bonhomme mit „Lucky Luke“, ja selbst der deutsche Zeichner Mawil ebenfalls mit „Lucky Luke“.

Blain betrachtet sich erkennbar als vom Geist des Meisters geführte Zeichenhand, und auch von Sfars normalerweise extravagant-ausschweifender Erzählweise ist hier nichts geblieben. Die Geschichte ist klar strukturiert und geradlinig erzählt – etwas, das Giraud selten schaffte, was ihm aber bei „Mister Blueberry“ geglückt war. So ist die Fortsetzung der Serie nach vierzehn Jahren ein Wiederanknüpfen an alte Stärken. Und ein echter Hoffnungsschimmer auch fürs neue Jahr, wenn dann „Les Hommes de non-justice“ zeigen wird, ob die schönen Blueberry-Blütenträume auch reifen. Ein gutes 2020 wünsche ich allen Lesern aber auch so!

 

 

 


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