Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Selbstbildnis auf zweierlei Art

| 0 Lesermeinungen

Vor zweiundzwanzig Jahren schrieb ich meine erste Zeile über Baru: „Einer der innovativsten Zeichner der europäischen Szene ist in Deutschland so gut wie unbekannt.“ Daran hat sich nicht viel geändert, wenn auch seitdem einige wichtige Comics des 1947 in Lothringen geborenen Hervé Barulea hierzulande erschienen sind, darunter auch derjenige, dessen Fehlen ich 1998 am lautesten beklagt hatte: „L‘Autoroute de Soleil“, ein vielhundertseitiger Manga, tatsächlich für den japanischen Markt entstanden, aber in Frankreich angesiedelt und immer noch das schönste gezeichnete Road Movie überhaupt. Dank der Edition Moderne mittlerweile auch auf Deutsch zu lesen.

Danach machte sich vor allem die Wuppertaler Edition 52 um Barus Werk verdient, und das gab mir den Anlass, noch viel über ihn zu schreiben. Aber was nun erschienen ist, wird nie den Weg über die Grenzen zu uns finden. Trotzdem will es beschrieben sein. Dafür gibt es sogar private Gründe.

Zunächst jedoch die objektiven. Der Band hat 320 Seiten, und erschiene er in Japan, würde man ihn wohl Artbook nennen. In der französischen Kleinstadt Chaumont, wo der Verlag Le Pythagore Éditions seinen Sitz hat, hat man einen anderen Titel gewählt: „Catalogue déraisonnable pour une exposition fantasmée“ – ungefähr übersetzt: Werkverschreibung für eine erträumte Ausstellung. Wobei das Wortspiel mit dem französischen Begriff „Catalogue raisonné“ (für ein Werkverzeichnis) nicht wirklich zu retten ist.

Das ist der dicke Band auch nicht. Er ist eine Fundgrube, denn darin sind zahllose Illustrationen von Baru zu finden, die er für Plakate, Schallplattencover, Bücher oder Zeitschriften angefertigt hat, die man also nicht aus seinen Comics kennt. Dazu private Arbeiten und – besonders interessant – die kompletten Skizzen zum Band „Pauvre z’héros“ (auch auf Deutsch als „Elende Helden“ erschienen – so viel zur Übersetzbarkeit von Barus Titelwortspielen) und zu einer nie erschienenen Geschichte namens „Velléité – Arthur et Zoé“, die, 1991 konzipiert, ein Opfer der damals einsetzenden Herkulesarbeit an „L’Autoroute de Soleil“ wurde. In diesem Projekt steckt aber auch schon eine Vorarbeit – wenn man will eine „Anwandlung“, so die Übersetzung von „Velléité“ – zu dem Hauptwerk, und dass diese Geschichte nun in ihrem Frühstadium dokumentiert wird, macht den „Catalogue déraisonnable“ schon allein zum Muss für die Baru-Fans.

So wenige es davon in Deutschland gibt, so viele – nein, besser: so prominente – gibt es in Frankreich. Baru ist ein artist’s artist, ein Künstler, den anderen Künstler schätzen. In einem Foto, das ich kürzlich von André Juillard in dessen Atelier sah, hängen an den Wänden Originalseiten des Kollegen Baru, und das Vorwort zum „Catalogue déraisonnable“ stammt von Nicolas Mathieu, dem Schriftsteller, der 2018 den Prix Goncourt für seinen Roman „Les enfants aprés eux“ (auf deutsch „Wie später ihre Kinder“, bei Hanser Berlin) gewonnen hat. Mathieu gilt als die literarische Stimme des deindustrialisierten, verarmten Lothringens. Doch vor ihm war da schon Baru, in dessen Comics Mathieu alles das fand, worüber auch er erzählen wollte.

Der Prachtband bietet zwei große Interviews, ein älteres von 2011 und ein brandneues von 2019, in denen Baru auf sein Schaffen zurückblickt. Natürlich gibt es im Buch viele Ansichten von Hochöfen und wilde Rock-`n`-Roll-Szenen, zwei graphische wie erzählerische Konstanten im Werk, und es gibt die markanten Gruppenporträts, die sich in Barus Comics finden: Fotos nachempfunden und doch durch den unverkennbaren Stil Kunstwerke, die sich hier zu einer großen Serie ergänzen. Nicht umsonst schmückt eine dieser Zeichnungen auch den Umschlag (und das ist leider auch das einzige, was der Verlag im Netz von dem Buch preisgibt: http://www.lepythagore.com/bdpages/65BARU.html). Ach ja, Selbstporträts gibt es auch etliche. Baru pflegt einen ironisch-pathetischen Umgang mit der eigenen Person. In diesem Buch steckt wirklich alles, was er liebt.

Und deshalb bin ich so stolz, dass der erste Satz, den ich über Baru geschrieben habe, sich auch darin findet. Zusammen mit dem ganzen Aufsatz, den er 1998 einleitete und der ein Kapitel aus „Im Comic vereint“ ist, meinem ersten Buch. Baru, den ich nie zuvor getroffen hatte, schrieb mir irgendwann, dass er zwar nicht gut Deutsch lesen könne, aber sprachkundige Freunde hätten ihm geholfen und ihm gefalle, was ich da verfasst hätte. Dann trafen wir uns einmal in Hamburg im Literaturhaus zu einem öffentlichen Gespräch, aber das ist auch schon wieder Jahre her, und schließlich erreichte mich letzten Sommer seine Anfrage, ob er meinen alten Text für das neue Buch ins Französische übersetzen lassen könne. Da wusste ich gar nicht, was für ein Werk dieser „Catalogue déraisonnable“ werden würde; ich glaubte angesichts des Titels an eine kleine Scherzpublikation. Jetzt ist „Chronique de la marge – Baru et les routes francaises“ Teil dieses großen Buchs, dort sogar farbig bebildert (mit denselben Bildern, die als Schwarzweißillustrationen der deutschen Ausgabe beigegeben waren, plus einem ganz neuen Selbstporträt, passend am Straßenrand). Und auch wenn ich es mir gar nicht mehr schöner vorstellen kann, wird es nicht mein letztes Wort über Baru gewesen sein.


Hinterlasse eine Lesermeinung