Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ballett des Blutvergießens

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Wer beklatscht derzeit die Paketboten, die immer noch täglich unterwegs sind und vielen das als Risiko empfundene Einkaufen ersparen? Oder uns die bestellten Bücher bringen, die in der erzwungenen Isolation Ablenkung von Radio und Bildschirm bereithalten? Ich tue es hier. Denn so kam vor ein paar Tagen ein Paket aus der Schweiz bei mir an, darin drei neue Comics. Aber keine Schweizer Comics, sondern chinesische, denn der immer rühriger werdende Versandservice Chinabooks in Uitikon-Waldegg (was weitaus exotischer klingt als Schanghai oder Chengdu, aber was scheint uns heute nicht mehr exotisch, sobald es außerhalb von Fußgängerentfernungen liegt?), übersetzt und verlegt seit einigen Jahren auch Manhua. Das ist das chinesische Äquivalent zu den japanischen Manga und von ihnen auch stilistisch oft sehr stark beeinflusst.

Die frisch angekommenen und gleich gelesenen Comics sind die ersten drei Bände der auf fünf Teile angelegten Serie „Die Klingen der Wächter“. Ihr Autor und Zeichner ist Xu Xianzhe, geboren 1984 im Nordosten Chinas, in der Nähe zur koreanischen Grenze und auch Angehöriger der koreanischen Minderheit im Lande. Das ist wichtig zu wissen fürs Verständnis seines Comics, der zwar um die Wende von sechsten zum siebten Jahrhundert spielt, aber trotzdem auch als Parabel aufs moderne China zu lesen ist.

Eines aber erst einmal vorweg: „Die Klingen der Wächter“ ist ein Comic von außergewöhnlicher Brutalität. In langen Kampfsequenzen wird äußerst blutig getötet und verstümmelt. Xu ist ein zeichnerischer Virtuose des Gemetzels, graphisch allemal dem Geschick ebenbürtig, über das seine Hauptfigur, der chinesische Kopfgeldjäger Daoma, im Umgang mit seiner beeindruckenden Kollektion an Hieb- und Stichwaffen verfügt. Daoma – und mit ihm seine fünf Mitstreiter: der geheimnisvolle Krieger Shu, dessen ehemalige Gefangene Yanziniang, die Klanchef-Tochter Ayuya, deren Beschützer Ani und der maskierte Rebell Zhishilang – entfalten eine veritable Choreographie des Abschlachtens, und es ist durchaus ein ästhetisches, aber leider keinesfalls ein ethisches Vergnügen, dem Wirbel von Xu Xianzhes Schwarzweißzeichnungen dabei zuzusehen (die beiden Leseproben zu den Bänden 1 und 2, http://www.chinabooks.ch/img_ex/9783905816945.pdf und  http://www.chinabooks.ch/img_ex/9783905816952.pdf, lassen Schönheit und Geschick seiner Graphik erkennen, die Grausamkeiten der Handlung dagegen kaum; vom dritten Band, der über 220 Seiten fast aus einem einzigen großen Gemetzel besteht, gibt es bezeichnenderweise keine Leseprobe). Verlagsweise empfohlen wird der Comic für Leser, die älter als fünfzehn sind. Ich würde eher sagen: für abgebrühte Leser, die älter als fünfzehn sind.

Wer indes Tarantino-Effekte schätzt, wird mit der Lektüre von „Die Klingen der Wächter“ ein vertrautes Feld betreten. Xu orientiert sich mehr noch als an japanischen Manga-Vorbildern an der Bildersprache des Kinos, und die Anspielungen gerade auf die Spaghetti-Western von Sergio Leone, vor allem dessen „Spiel mir das Lied vom Tod“, oder auf Bernardo Bertoluccis „Letzten Kaiser“ sind unübersehbar. Xu selbst nennt Coppolas „Paten“-Trilogie, Scorseses Mafia-Stoffe oder Johnnie Tos Hongkong-Gangsterfilme als wichtige Inspirationen. Und man kann in Daoma als Hauptfigur auch Einiges vom jungen Jean-Paul Belmondo wiederfinden, vor allem, was die physische Attraktivität der beiden schlechtrasierten Herren angeht.

„Die Klingen der Wächter“ arbeitet also höchst geschickt mit populären Versatzstücken aus allen fürs Unterhaltungsgeschäft wichtigen Kulturen, bleibt aber dabei doch eine urchinesische Angelegenheit. Nicht nur, weil die Handlung während der Sui-Dynastie spielt, die nach jahrhundertelangem Verfall der kaiserlichen Zentralregierung erstmals wieder ein großes chinesisches Staatsgebilde schuf, das danach nie wieder zerschlagen wurde. Sondern mehr noch, weil die damalige Politik der Reichseinigung und -bewahrung gewaltsam gegen interne wie externe Kräfte durchgesetzt wurde. Wer würde da nicht ans heutige China erinnert?

Das Bild, das Xu Xianzhe vom großen Bösewicht seines Comics, dem Sui-Kaiser Yangdi, zeichnet, ist das eines skrupellosen Despoten, der skeptische Stimmen sofort aus dem Weg räumt. Die Leseprobe aus dem zweiten Band zeigt den Kaiser bei genau diesem brutalen Tun als Formwandler, und es gibt häufig derartige phantastische Elemente in der ansonsten recht eng am historischen Geschehen entlang erzählten Geschichte. Im Gegensatz zur perfiden Sui-Herrschaftsklasse ist die bunte Truppe um Daoma (zu der auch dessen kleiner Sohn Xiaoqi zählt – eine Reminiszenz an den legendären Manga „Lone Wolf and Cup“ von Kozure Okami) eine multikulturelle Ansammlung politisch höchst unterschiedlicher Persönlichkeiten, die aber alle eines gemein haben: Sie werden von den Autoritäten verfolgt. Dass diese Autoritäten nicht nur staatlicher Natur sind, sondern auch korrupte Kaufleute oder machtgierige Klan-Chefs umfassen, zeigt den generell institutionenskeptischen Blick von Xu Xianzhe.

Als Ausdruck offener Opposition gegen das chinesische Regime darf man „Die Klingen der Wächter“ indes nicht missverstehen. Dafür sind die Schwarzweißzeichnungen in diesem Comic zu dominant – auch metaphorisch gesprochen. Gut und böse sind im Gegensatz zur Wirklichkeit in „Die Klingen der Wächter“ klar verteilt und auch simpel zu erkennen. Wie darin überhaupt alles recht einfach gestrickt ist: das erotisierte Frauenbild, das burleske Vater-Sohn-Verhältnis von Kopfjäger und Kind, die unrealistischen Größenverhältnisse zwischen den Figuren (böse Chinesen sind Riesen). Aber das alles nimmt etablierte Erzählschemata der Manga-Kultur auf, und es überrascht wenig, dass Xu zu den gegenwärtig größten Stars des seit den späten achtziger Jahren in China entstandenen Stils des Xinmanhua gezählt wird. Der orientiert sich besonders stark an japanischen Vorbildern, und dass „Die Klingen der Wächter“ einen japanischen Lektor hat, passt ins Bild.

Insgesamt wird die abgeschlossene Geschichte mehr als tausend Seiten umfassen, und weil Daoma ein vergleichsweise redseliger (um nicht zu sagen: geschwätziger) Schwertkämpfer ist, hat die Übersetzerin Elisabeth Wolf, die seit 2006 gemeinsam mit Echen Wu Chinabooks betreibt, einiges zu tun gehabt. Dass leider die in der deutschen Manga-Kultur übliche Übersetzung von asiatischen Lautmalereien durch Indikative à la „prall“, „schlag“ oder „schlitz“ exzessiv Verwendung findet, stört allerdings das Lesevergnügen empfindlich. Einmal gibt es sogar eine Fußnote zu einer Lautmalerei. Wieso um alles in der Welt findet man dann nicht eine, die sich selbst erklärt? Jeder derartige Bruch in der Erzählhaltung ist von Übel; Fußnoten oder Anmerkungen im Comic gehören zum Schlimmsten, wenn sie nicht narrativ begründet sind.

Interessant ist auch eine im dritten Band befindliche „Notiz des Autors“, die aber wenigstens am Kapitelende, also isoliert, steht: dass die Maske des Rebellen Zhishilang nach Vorbildern aus Sezhuan und Korea gestaltet worden sei. Mutmaßlich wird Xu zu häufig der Vermutung begegnet sein, dass ihm die Guy-Fawkes-Maske aus Alan Moores und David Lloyds Comic-Welterfolg „V wie Vendetta“ als Anregung gedient haben könnte, und da diese Maske über die westliche Protestkultur aus dem Comic längst in die Weltpolitik gelangt ist – als Symbol für Widerstand gegen die Staatsgewalt –, dürfte Xu sich zum Verweis auf die eigenen Quellen gezwungen gesehen haben, ob das nun zutrifft oder nicht. Noch sind Comics kein prominnter Ausdruck politischen Widerstands in China. „Die Klingen der Wächter“ sind erfolgreich und lassen immerhin aufscheinen, dass in der dortigen Unterhaltungsindustrie auch ein oppositionelles Potential liegen könnte. Schade, dass der für Juni geplante Comicsalon in Erlangen, zu dem Xu Xianzhes Besuch erwartet wurde, wohl kaum stattfinden wird. Und selbst wenn er durchgeführt würde, käme aus China derzeit wohl kaum ein Gast nach Deutschland.


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