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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Putin-Versteher, hier ist euer Manga

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Man würde gerne wissen, wie die englische Bezeichnung für Prussland ist. Prussia? Aber diese geographische Bezeichnung ist ja schon vergeben, wenn auch seit 1947 nicht mehr existent. Nein, die englische Übersetzung verfiel auf einen ganz ähnlichen Trick wie die deutsche und gab jenem fiktiven Land „in einem Winkel von Zentralasien“ die Bezeichnung Pursia – zwei Namen von nicht eben gut beleumundeten realen Staaten ergeben also jeweils den fiktiven. Und wie nennt der Zeichner Yasushi Baba selbst seine eigene Erfindung auf Japanisch, wo doch Russland dort „roshia“ ausgesprochen wird, Preußen „puroisen“ und Persien „perusha“? Ich tippe auf Peroshia, aber ich habe es nicht herausbekommen.

Dass ich hier erst einmal über die Übersetzungen eines der Handlungsorte von „Ride-on King“ schreibe, belegt eine gewisse Ratlosigkeit meinerseits, wie mit diesem Manga umzugehen ist, dessen erster deutscher Band jetzt beim Hamburger Verlag Altraverse erschienen ist. Wenn man sich auch nur ein Bild daraus ansieht (die Leseprobe ist hier einzusehen: https://altraverse.de/manga/ride-on-king-der-ewige-reiter/), merkt man sofort: Die Hauptfigur ist Wladimir Putin. Oder genauer gesagt: Sie sieht aus wie Wladimir Putin, heißt aber Alexander Prutinov (im Englischen Plutinov). Dieser muskulöse Herr regiert die Republik Prussland mit eiserner Hand. Oder wieder etwas genauer gesagt: mit eisernen Schenkeln, denn sein größtes Glück ist das Reiten. Deshalb der Titel „Ride-on King“: Was auch immer Prutinov sieht, wird darauf geprüft, ob und wie man es reiten kann. Tiere, Panzer, Flugzeuge – alles will gezähmt und gesteuert, also beherrscht sein. Nur bei Menschen ist der Präsident offenbar zurückhaltend: „Wenn etwas so nah am Menschen ist, macht es keinen Spaß, es zu reiten“, sagt er einmal auf dem Rücken eines Orks.

Orks? Die stammen doch aus Tolkiens „Herrn der Ringe“, was tun sie in einer japanischen Politsatire? Nun ja, „Ride-on King“ ist keine Politsatire. Der Manga des 1973 geborenen Baba nimmt Putin ziemlich ernst. Er übernimmt nämlich dessen Selbstinszenierungen als eine Art Supermann. Wir kennen ja alle die Bilder des russischen Präsidenten mit von ihm besiegten wilden Tieren oder Fotostrecken, die ihn als mit entblößtem Oberkörper auf Pferderücken zeigen. Das alles kennt natürlich auch Baba, und er hat aus diesem Propagandamaterial die Anregungen für seinen Manga gewonnen. Kaum hat Prutinov seinen zentralasiatischen Kleinstaat unfreiwillig verlassen und in einer Fantasy-Welt neue Herausforderungen und vor allem ein erstes Reittier gefunden, reißt er sich Jackett und Hemd vom Leib und bestreitet sein Abenteuer fortan barbrüstig.

Das ist Camp, keine Satire. Und mit solcher Art Camp hatte Baba auch schon seine bisherigen Erfolge erzielt, namentlich die Kampfsport-Serien „Karate Shoukoushi“ und „Colosseum“, die ebenfalls höchst virile Helden mit spektakulär definierten Oberkörpern boten. Zweifellos Lesestoff für Freunde des Shonen-Ai-Genres, aber auch für Liebhaber von Martial Arts. Beide Gruppen kommen cum grano salis nun auch bei „Ride-on King“ auf ihre Kosten.

Und Putin-Versteher. Denn die Manga-Parodie, wenn wir uns einmal auf diesen Begriff einigen wollen, ist viel mehr Hommage als humoristisch. Die Fantasy-Welt, in die es Prutinov verschlägt, braucht dringend einen starken Mann wie ihn, denn dort werden Rassen unterdrückt und Familien zerstört. Nicht mit Prutinov! Seine Körperkräfte und sein Reitgeschick lassen ihn zum Retter der Entrechteten werden.

Das von Baba gewählte Erzählschema ist vertraut, seit Mark Twain 1889 seinen Yankee an den Hof von König Artus schickte: Ein kleines Unglück in der Gegenwart mit der Folge leichten Dachschadens, und schon ist der Held in einer anderen, archaischeren Welt, wo er mit seinen Fähigkeiten und Kenntnissen Furore macht. Auch Prutinov bekommt einen mächtigen Schlag auf den Schädel, und als er aufwacht, kann er erst einmal zwei halbwüchsige Märchenmädchen im Kampf mit einem feuerspeienden Untier unterstützen.

Im Folgenden ist man dann zu dritt unterwegs, wobei es die beiden Begleiterinnen faustdick hinter den Ohren haben, während Prutinov als staunender Tor gezeichnet wird, der sich aber aus jedem Schlamassel herauskämpfen kann. Ein wie auch immer gearteter Spott über Putin ist in Babas Manga nicht zu bemerken, ernsthafte Kritik genauso wenig, die Figur des Prutinov ist reine Affirmation des Selbstbildes, das der russische Präsident von sich verbreiten lässt.

Interessant deshalb, dass es noch keine französische Übersetzung von „Ride-on King“ gibt, obwohl die Manga-Szene dort größer ist als hierzulande oder in Amerika und entsprechend noch mehr übersetzt und verlegt wird. Womöglich gibt es aber in Frankreich einfach zu wenige Fans des russischen Präsidenten, als dass man eine solche Extravaganz ins Verlagsprogramm nehmen wollte. In Spanien sind dagegen bereits zwei Bände zu „Ride-on King“ erschienen. Dort heißt Prutinovs Privatstaat übrigens höchst banal Persia – wie Persien auf Spanisch.


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    Im Japanischen wird es als プルジア (Purujia) bezeichnet. Entnommen aus der jap. Wikipedia

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