Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Auf weißem Karopapier sind alle Menschen gleich

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Albany, Upstate New York, 1997. Adrian Tomine ist auf seiner ersten Signiertour unterwegs und wird im lokalen Comicladen begrüßt. Hinter dem Signiertisch hängt ein Werbeplakat. Nicht für seine Comics, sondern für die aktuelle Ausgabe der damals immens erfolgreichen Hard-Boiled-Serie „Sin City“ von Frank Miller. Titel der Episode: „That Yellow Bastard“. Tomine stockt der Atem, als er das Plakat sieht. Warum, das kann man nicht sehen, das muss man wissen.

Tomine hat dieses Erlebnis selbst gezeichnet. Er ist Amerikaner, aber aus einer japanischen Familie. Seinen Schwarzweißzeichnungen kann man die Hautfarbe des Akteurs nicht ablesen, und seine Augen pflegt er hinter einer Brille zu verstecken, deren Gläser er weiß lässt. Er will nicht, dass man ihn auf seine Herkunft reduziert. Adrian Tomine dürfte der künstlerisch erfolgreichste Amerikaner japanischer Abstammung sein. Aber dafür zahlt er einen hohen Preis. Denn in ihm vereint sich auch japanischer Selbstzweifel mit amerikanischem Erfolgsdruck – eine per se höchst ungesunde Kombination, vor allem für den Betreffenden selbst. Nun hat Tomine daraus gerade ein Erfolgsrezept gemacht, denn in seinen Comics gibt der 1974 im kalifornischen Sacramento geborene Zeichner immer wieder autobiographisch Auskunft, und worüber ließe sich besser erzählen als über eigene Neurosen?

In seinem gerade erschienenen neuen Buch, in dem sich auch die Erinnerung an den Besuch in Albany findet, treibt er die Selbstbespiegelung auf die Spitze. Kein Wunder, ist es doch eine veritable Autobiographie, wie schon der Titel verrät: „The Loneliness of the Long-Distance Cartoonist“. Die literarische Anspielung auf den berühmten Erzählungsband „Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“ von Alan Sillitoe ist doppelt gewollt: einmal als originelle Benennung, dann aber auch, um die Form des Buchs anzudeuten. Auch Tomine erzählt sein Leben nämlich als Short Stories, von zwei Seiten Länge (mehrfach) bis zu fast vierzig Seiten (die Abschlusserzählung).

Das Geschehen setzt 1982 ein, mit der Erinnerung an eine demütigenden Erfahrung in der Schule und springt dann aber gleich ins Erwachsenenleben des nun schon professionellen Comiczeichners im Jahr 1995, als Tomine erstmals zur berühmten Comic Convention nach San Diego reist – auch das eine demütigende Erfahrung. Und es folgt noch eine ganze Kette weiterer Peinlichkeiten, Unglücke und Bosheiten, über die man herzlich lachen kann, obwohl sehr deutlich wird, dass Tomine selbst jeweils zum Heulen zumute war (und einmal lässt er auch wirklich seinen Tränen freien Lauf).

Deshalb eine Warnung: Adrian Tomine nimmt sein Leben bitterernst. So ernst wie seine Kunst, die ihn längst zu den höchsten Weihen seiner Zunft geführt hat, unter anderem zu zahlreichen Titelblättern für den „New Yorker“. Tomine ist der legitime Erbe von Hergé, was Brillanz und Klarheit von dessen Strich angeht, aber zeit seiner Karriere hat man ihn als Epigonen seines Freundes und Verlagskollegen Daniel Clowes abgetan. Dabei besitzt Tomine ein ungleich größeres Formgefühl. Man schaue sich nur die Gestaltung von „The Loneliness of the Long-Distance Cartoonist“ an: einem Notizbuch nachempfunden, mit aufgeklebter Titelzeichnungsvignette außen und Seiten aus kariertem Papier innen, so dass tatsächlich alles wie aus einem privaten Tagebuch entnommen erscheint. Nur dass wir vor uns die präzisesten Zeichnungen haben, die man sich vorstellen kann. Diese hier etwa: https://www.newyorker.com/culture/culture-desk/the-next-voice-youll-hear.

Das ist ein Kapitel aus Tomines Buch, allerdings hier vorabgedruckt im „New Yorker“, und deshalb farbig und nicht auf Karopapier. Der kanadische Verlag Drawn & Quarterly, Tomines Stammhaus seit Jahrzehnten, bietet leider keine Leseprobe an, genauso wenig wie Faber & Faber, die den Band in Großbritannien herausgebracht haben. Tomine dürfte überglücklich sein, in dem Verlag zu erscheinen, der „Finnegans Wake“ von James Joyce

publizierte, denn es gibt in der Lakonie seines Erzählstils gewisse Ähnlichkeiten zu Joyce (wenn auch eher zu den konzentrierten „Dubliners“ als zu dem barock-überbordenden Spätwerk). Das dürfte manche Demütigung der Vergangenheit wieder gut machen.

Das Gros der Handlung spielt sich in den letzten zwanzig Jahren ab, der Zeit des Erfolgs von Tomine also, vor allem aber auch des Kennenlernens seiner Frau, beider Heirat und der Geburt der beiden Töchter. Der Fokus verlagert sich vom Dasein als Comiczeichner auf das eines Vaters, der jedoch genauso hypersensibel ist wie der Künstler Tomine. Die letzte Geschichte, angesiedelt im jetzigen Wohnsitz der Familie, Philadelphia, treibt das auf die Spitze. Tomine porträtiert sich als Hypochonder, doch damit gelingt ihm zugleich eine genaue Studie des amerikanischen Krankenhaussystems. Wie überhaupt das Ganze dieses Comics viel mehr ist als die Summe seiner Teile. Denn Tomine verfügt auch über ein beeindruckendes literarisches Kompositionstalent, mit dem er die einzelnen scheinbar locker gefügten Glieder der Erzählung zu einer festen Kette schmiedet.

 

 

 


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