Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Je frigider, desto freizügiger

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Wie ist diese Geschichte bloß den etablierten deutschen Comicverlagen entgangen? Sie hat doch alles, was heute nicht nur im Comic en vogue ist: eine Protagonistin, ein Künstlerschicksal, eine Autorin, eine politische Botschaft, eine sexuelle Besonderheit und eine ebenso buchstäblich wie metaphorisch grenzüberschreitende Handlung. Der Reihe dieser Komponenten nach:  Yayoi Kusama Leben als Aktionskünstlerin im aufgewühlten New York der sechziger und siebziger Jahre wird nacherzählt und gezeichnet von Elisa Macellari, die den ästhetischen Protest gegen Krieg, Nationalismus und Prüderie ausgerechnet von einer Frau, die aus Ekel vor dem Sexualakt frigide ist, als ein japanisch-amerikanisches Drama zwischen Erfolg und Krankheit präsentiert. Macht zusammen den Comic „Kusama“, erschienen beim Berliner Laurence King Verlag, von dem ich zuvor noch nie etwas gehört hatte.

Mag sein, dass das Desinteresse größerer Häuser an diesem Band darin liegt, dass „Kusama“ in Italien veröffentlicht worden ist – einem trotz einzelnen Entdeckungen noch latent blinden Fleck beim Lizenzerwerb für Deutschland, zumal seit Hannes Ulrichs Avant-Verlag sich anderen Comic-Kulturen zugewandt hat. Mag auch sein, dass die elegante Oberflächlichkeit der Graphik nicht zum aktuell überall präsenten pseudoauthentisch Skizzenhaften passt (so sieht das übrigens in der – by the way: wunderschön simpel gehaltenen – Leseprobe aus: https://www.laurencekingverlag.de/produkt/kusama/). Oder – und das ist wohl am wahrscheinlichsten – niemand hat hierzulande etwas von Yayoi Kusama gehört. Aber Hand aufs Herz: Die letzten beiden Einwände träfen auch aus Asterios Polyp von David Mazzucchelli zu, und der Comic über dieses (fiktive) Künstlerschicksal landete seinerzeit beim Eichborn-Verlag und wurde von niemand Geringerem als dem Schriftsteller Thomas Pletzinger übersetzt. Wobei Juliane Lochner, die „Kusuma“ ins Deutsche gebracht hat, auch eine höchst vielseitige Publizistin ist und ihren Job hier sehr gut gemacht hat.

Vor allem angesichts der Tatsache, dass hier die Bilder klar dominieren. Gerade dann aber ist der Text (und eben auch die Übersetzung) besonders gefordert, denn sonst wäre er nicht nur spärlich, sondern gleich ganz überflüssig. Über Elisa Macellari weiß ich nur, was ihre Homepage verrät (https://www.elisamacellari.com/ABOUT), aber der kann man immerhin entnehmen, dass sie schon einige andere Comics publiziert hat (auch im namhaften italienischen Comicmagazin „Linus“), und diese Erfahrung macht sich erkennbar bezahlt. Denn wo die meisten gezeichneten Biographien bildender Künstler an einem illustrativen Überschwang leiden, nimmt sich Macellari durch ihre kühlen Linien und Farben zurück und setzt Sprechblasen und Off-Kommentare sparsam, aber effizient ein. So finden Text und Bild doch zur Einheit, und das auch in der deutschen Ausgabe.

Die einen deshalb nicht kühl lässt, weil die Geschichte erkennbar aus persönlicher Begeisterung entstanden ist. Dabei war „Kusama“ eine Auftragsarbeit, und Marcellari kannte die Künstlerin zuvor so wenig wie ich, aber das Werk der 1929 geborenen Japanerin traf einen Nerv. Vor allem durch seine Radikalität in der Oberflächlichkeit: Kusama, die Ende er fünfziger Jahre nach New York ging, nutzte vor allem nackte Haut als Leinwand und ließ die Akteure ihrer Performances auf der Straße in einer Offenherzigkeit agieren, die nicht in den Vereinigten Staaten jener Jahre verstören musste. Da sie sich selbst als asexuelles Wesen gerierte, war ihre offensive Kunst noch provokanter. Und womöglich hat dieser Zwiespalt sie auch in den siebziger Jahren nach der Rückkehr in die japanischen Heimat für einige Zeit in die Psychiatrie gebracht.

Wie alles, was vor einemhalben Jahrhundert als Gegenkultur galt, ist Kusuma mittelweile wiederentdeckt worden; die mittlerweile einundneunzigjährig Dame macht immer noch Kunst, vor allem aber adelt sie deren Ausstellungen durch persönliche Anwesenheit. Derzeit natürlich nicht, aber unter den Bedingungen einer distanzierten Corona-Gesellschaft ist das von der typisch japanischen Ambivalenz gegenüber westlichen Freizügigkeiten geprägte Kunstverständnis von Yayoi Kusama besonders interessant – gerade weil es diese Freizügigkeiten dann selbst auf die Spitze trieb und damit auf die Probe stellte. Das wird in Macellaris Comic sehr anschaulich, und womöglich hat die thailändische Abstammung der Autorin da für ein besonders feines Sensorium gesorgt.

Dass Kusamas Karriereweg den von Künstler wie Andy Warhol, Joseph Cornell und Giorgia O’Keefe kreuzte (in ersterem Fall nicht zu ihrer reinen Freude, weil Warhol sich offenbar großzügig für seine Arbeiten bei den ihren bedient hat), macht die Comicbiographie zusätzlich interessant. Und wie unerfreulich aktuell die Vereinigten Staaten zu den Zeiten der gesellschaftlichen Spaltung am Ende der sechziger Jahre derzeit wirken, macht auch einen Reiz von „Kusama“ aus. Neben der tatsächlich erstaunlichen Künstlerin selbst natürlich, deren heute meist rot gefärbten Haare die eine aggressive Leitfarbe der Geschichte angeregt haben – als Flammenzeichen einer Kunst, die selbst feuergefährlich ist, aber auch die Zuneigung von Elisa Macellari für Kusama hat auflodern lassen. Ich will nicht behaupten, dass ich jetzt sofort in die nächste Ausstellung mit Werke der porträtierten Künstlerin rennen würde. Aber Comics dieser Zeichnerin würde ich gerne mehr kennenlernen. Und diesen hier habe ich gewiss nicht zum letzten Mal gelesen.


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