Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Wie man mit Hopfen anbandelt

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Ein kleines Buch, das mir jüngst großen Spaß gemacht hat, ist Alexandra Hamanns und Julia Kluges „Hallertau“. Biertrinker unter uns werden bei diesem Titel aufhorchen: Es handelt sich bei der Hallertau um das weltweit größte Hopfenanbaugebiet, natürlich gelegen in Bayern. Ich bin kein Biertrinker, weshalb mich eher der Untertitel neugierig gemacht hatte: „Saisonarbeit in Zeiten von Covid-19“. Die hat auch Alexandra Hamann, ihres Zeichens sonst Verlegerin bei Mintwissen, einer Berliner Agentur für Wissensvermittlung mit besonderem Fokus auf Sachcomics, geleistet. Und was läge da näher, als dass sich eine Verlegerin in Zeiten, in denen auch bei Agenturen alles stillstand, einen Aushilfsjob sucht, der ihr gleich einen Sachcomic fürs künftige Programm einbringt. Gedacht, getan.

So heuerte Hamann Ende April für zwei Wochen als Hopfen-Anbinderin an und fand sich auf einem Hof in einer Gruppe wieder, die überwiegend aus polnischen Kleinkünstlern bestand, die mangels Engagements kein Geld mehr verdienten und deshalb ihr Glück in Deutschland suchten, und einheimischen Nothelfern, die meist aus Freundschaft zum Hopfenbauern bei der saisonal notwendigen Arbeit mittaten. Denn Hopfen, so viel habe ich nun aus „Hallertau“ gelernt, wächst zwar im Frühjahr rasend schnell, ist aber irre empfindlich. Weshalb er an den Hopfenstangen vorsichtig fixiert werden muss; bei der Erläuterung der richtigen Technik fühlt man sich an ein Webverfahren erinnert.

Dankenswerterweise sieht man in „Hallertau“, wie das aussieht, denn Hamann hat eine Zeichnerin, die auch sonst freischaffend für Mintwissen tätig ist, mit der Bebilderung betaut, und die Homepage der Leipziger Illustratorin (http://www.kluugel.de/portfolio/projekte/hopfen-tagebuch.html) bietet ein recht umfangreiche Leseprobe an, während die Verlegerin auf der Website von Mintwissen (https://mintwissen.com/hopfen), ihr eigenes Buch wohl aus Bescheidenheit so gut versteckt hat, dass ich es erst einmal gar nicht gefunden hatte. Der wie gesagt kleine Band (fünfzehn Zentimeter hoch, keine elf quer) bietet auf jeder Seite eine Illustration in einem zauberhaft buntnaiven Stil, der jedes Kinderbuch zieren würde. Wobei „Hallertau“ nicht als Kinderangelegenheit missverstanden werden darf. Obwohl man es auch Kindern in die Hand wünschte.

Comic ist es ebenfalls nicht, eher tatsächlich ein Bilderbuch; der Verlag vermarktet seine gezeichneten Buchprodukte denn auch unter dem Label „Graphic Science“ – als Analogie zur Graphic Novel. Und dieser Begriff ist ja eh mittlerweile dermaßen ausgehöhlt, dass man schon Glück haben muss, wenn man noch einen Comic bekommt, wenn Graphic Novel draufsteht. Immerhin behauptet „Hallertau“ gar nicht, mehr zu sein als ein Tagebuch, und gerade darum ist die Überraschung beim Lesen so erfreulich. Hier wird wirklich Graphic Science geboten. Zwar nimmt die biologische Komponente nicht viel Platz ein, aber der Erfahrungsbericht von Alexandra Hamann aus der Welt der Landarbeit hat großen soziologischen Reiz. Wer kennte denn heute noch Beschäftigung auf dem Feld aus eigener Anschauung? Oder wäre sich klar über deren Abhängigkeit vom Wetter? Die Binnendynamik zwischen den Beschäftigten spielt auch eine wichtige Rolle, und das Einzige, was man vermisst, ist eine Angabe zur Entlohnung. Man muss fürchten, dass sie nicht exorbitant hoch ausgefallen ist, auch wenn es sich um Knochenarbeit handelte.

Doch es gibt ja auch so etwas wie intrinsische Werte, und der dürfte für Alexandra Hamann groß gewesen sein. Entstanden ist „Hallertau“ parallel zu ihrer zweiwöchigen Tätigkeit: Immer abends schrieb sie grob ihre Eindrücke des Tages auf und schickte die per Mail an Kluge, die dann Illustrationsskizzen dazu anfertigte und wiederum zurücksandte, damit sie korrigiert werden konnten. Erst dann schrieb Hamann den eigentlichen Tagebuch-Eintrag und übersandte den ihrer Tochter nach Berlin zum Lektorat. Von dort zurückgekehrt, ging die Endfassung des Textes zusammen mit den Tag dokumentierenden Fotos wieder zu Kluge, die nun ihrerseits die Endfassung der Illustrationen anging. Das dauerte im Regelfall bis zum Abend des nächsten Tages, so dass ein fertiger Eintrag jeweils am Folgetag fertig war. Dann publizierte Hamann ihn auf Instagram, aber zum Glück hat sie das Ganze nun noch zu diesem Büchlein zusammengestellt. Da hat die Eile sich doch gelohnt – ein ganzes Buch in zwei Wochen.

Mit zwölf Euro ist „Hallertau“ nicht ganz billig, aber sein Geld wert – auch als Geschenkbuch, etwa für alle, die selbst in Corona-Zeiten ihre berufliche Kreativität beweisen mussten. Oder für Wissbegierige, die einen Einblick in die schwierige neue Arbeitswelt unter Pandemiebedingungen werfen wollen, von der sie selbst glücklicherweise noch nicht betroffen sind. Oder für Biertrinker. Am ehesten aber für all jene, die Freude an Spontaneität und Einfallsreichtum haben. So lässt man sich Corona-Bücher gefallen.


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