Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Xes, das steht für …

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Viel Aufmerksamkeit ist garantiert, wenn sich ein Buch dem Thema Sexsucht widmet. Zudem als dezidiert autobiographischer Bericht. Und dann noch in Form eines Comics, also mit garantiertem Bilderreichtum. Bevor jedoch falsche voyeuristische Erwartungen geweckt werden, sei gesagt: Explizit wird hier gar nichts gezeigt, und der Verfasser hat seine Erfahrungen unter Pseudonym – Florian Winter – publiziert.

Nicht einmal einen aufreizenden Titel haben Autor und Verlag (Avant aus Berlin) dem Band gegeben: „Xes“ ist trotzdem ein Geniestreich, denn die drei Buchstaben liest man natürlich als „Sex“, und die Verdrehung ist eine subtile Anspielung auf die Invertiertheit (so nannte Proust eine/seine nicht der heterosexuellen Norm entsprechende Sexualität) der sexuellen Vorlieben der Hauptfigur Flo, deren Leben von Kindesbeinen an im Comic begleitet wird. Als Ursache für alles Folgende treten Hormonbehandlungen im vorpubertären Alter in Erscheinung, über deren Motivation man allerdings nichts Genaues erfährt – ein Arzt schaut dem kleinen Flo in den Schritt und sagt „So so“; sofort danach wird gespritzt. Das mag der Erinnerung des Verfassers entsprechen, aber ein wenig mehr dürfte er sich als Erwachsener dann sicher doch für diese frühe Erfahrung interessiert haben. Hier eine so konsequent kindliche Haltung einzunehmen, ist deshalb seltsam, weil die Rahmenhandlung des dreihundert Seiten starken Comics durch Sitzungen von psychologischen Selbsthilfegruppen gebildet wird, die Flo deutlich später besucht hat.

Wer also glaubt, etwas zum medizinischen Aspekt von Sexsucht zu erfahren, liegt genauso falsch wie etwaige Voyeure. Was „Xes“ leistet (und zwar fulminant) ist eine Psychologie des Exzesses, vorgeführt am steten Schwanken zwischen versuchter Eindämmung der Sexsucht und ihrer zwanghaften  Auslebung. Die großnasig gezeichnete Hauptfigur – etwa im Stil von Monsieur Jean von Dupuy & Berberian – hat durch ihre cartoonesken Züge etwas Unschuldiges an sich, das dann umso drastischer mit den Ausbrüchen kontrastiert, die „Florian Winter“ graphisch eindrucksvoll zu inszenieren versteht (eine Leseprobe findet sich hier: https://www.avant-verlag.de/comics/xes/). Schon der Einsatz der einzigen Zusatzfarbe Rot bei Objekten, die für die Hauptfigur sexuell konnotiert sind, ist sehr geschickt, und sich wiederholende Sequenzen wie etwa der Gang ins Stundenhotel oder Bordell lassen die Monotonie einer Sucht erkennen, die sich gerade aus der Erwartung eines exzeptionellen Erlebnisses speist – weshalb Flo auch  immer erwartet, dass es nach Befriedigung des Gelüstes sein Bewenden damit hätte. Das offene Ende der Geschichte ist deshalb kein glückliches im landläufigen Sinne, auch wenn es Flo gelungen ist, als Vater ein normales Familienleben zu führen.

„Florian Winter“ ist bei aller Zurückhaltung beim Expliziten ein Meister der Suggestion, gerade in den spärlichen Passagen, die Flos Familienleben schildern. Über all diesen Szenen liegt ein latentes Gefühl der Bedrohung, und man bangt um Flos kleine Tochter, wenn sich das Geschehen im Badezimmer abspielt – ungeachtet dessen, dass ein Übergriff weder ins psychologische Schema dieser Geschichte noch zu „Florian Winters“ Erzählweise passen würde. Gewalttätigkeit wird gleichwohl aggressiv ausgedrückt: etwa in einer Sequenz von doppelseitigen dunklen Bildern, und es gibt noch andere solcher Passagen, in denen das sonst nur sparsam eingesetzte Rot plötzlich die ästhetische Hauptrolle in großen Panels übernimmt – alles Erzählsegmente, die ins Innerste von Flos Sucht führen, in seine Fetischisierung von Frauenhaar oder in Phantasien, die sich auch an Titelseiten von Boulevardzeitungen entzünden können.

Das ist kein Sachcomic, keine Autobiographie im gängigen Sinne, keine Fiktion – „Xes“ zeigt, was im Comic mittlerweile inhaltlich alles möglich ist, und weil ihr so viel möglich ist, wird diese Erzählform auch immer mehr der Komplexität unseres Lebens gerecht. Dass „Florian Winter“ viel von französischen Vorbildern gelernt hat (nicht nur „Monsieur Jean“ muss hier genannt werden, sondern mehr noch die anders abgründigen Bände von David B.), spricht nur für ihn, denn an solcher Bereitschaft zur Auslotung der Tiefen hat es deutschen Autoren lange Zeit gemangelt. In dem Maße, wie der Comic auch hierzulande erwachsen geworden ist, sind auch „erwachsene“ Stoffe gekommen. Dass sich niemand mehr hörbar daran stört, dass so etwas auch in der Welt des Comics angelangt ist, zeigt, wie erfolgreich dessen Emanzipationsprozess als Erzählform verlaufen ist.


1 Lesermeinung

  1. Burissa sagt:

    Ein "Geniestreich", na ja ...
    … mich hat der Band eher enttäuscht zurückgelassen.

    Wenigstens seine eigene Erklärung, *warum* Flo selbst zur Selbst-Diagnose kommt, sexsüchtig zu sein, hätte mich schon interessiert. Weil er einen Haar-Fetisch hat ?! Weil er sich Frauen, die er im Alltag sieht, nackt vorstellt ? Weil sich, wenn er Frauen sieht, in seinem Kopfkino sexuelle Phantasien abspielen ? Weil er viel (was immer das sein mag) masturbiert ?! Weil er oft und/oder mehrfach hintereinander Prostituierte aufsucht ?! Alles zusammen ?

    Oder ist er “süchtig”, weil er selbst feststellt, ein Problem zu haben? Weil er offenbar nicht “funktioniert” in dieser unserer Gesellschaft, z.B. die Erwartungen seines Arbeitgebers nicht erfüllt (erfüllen kann ?), und weil er die Ursache dafür im Sex sieht, genauer: in seinem Drang zum Höhepunkt, dem er alles andere unterordnet ? Und, wenn das seine (subjektive) Erklärung wäre (“ich funktioniere nicht wie alle anderen, weil: ich bin sexsüchtig”) – reicht das, um nicht bloß subjektiv, sondern objektiv von “Sucht” sprechen zu können ? Soll die Gesellschaft ihn als “krank” betrachten (müssen) ? Wodurch unterscheidet sich diese Sucht von einer schlechten Angewohnheit (deren “Heilungs”kosten keine Krankenkasse übernimmt), oder von einer Verhaltensauffälligkeit, einem “Tick” wie z.B. dem Waschzwang, die man ohne weiteres als krankhaft, aber wohl kaum als “Sucht” bezeichnen würde ? Ist Sexsucht gar keine Sucht, sondern ein Label, wie Fernsehsucht, Junk-Food-Sucht, Schuhe-kaufen-Sucht, Comic-lesen-Sucht … ?

    Die Gruppentherapie, vermutlich treffend gezeichnet als Selbstgespräch unter zumeist regungs- und teilnahmslosen weiteren Anwesenden, wird am Ende durch die unkommentierte Wiedergabe des religiös durchwirkten Glaubenbekenntnisses der Anonymen Alkoholiker/Sexsüchtigen als Heilsbringer dargestellt. Der liebe Gott, der ist die Rettung für die Sexsucht ?

    Keine Antworten im Comic. Gut, zugestanden, dass muss ein Künstler/Kunstwerk auch nicht.

    Es bleibt inhaltlich ein autobiographischer Bericht, der über das anekdotische (“So war/ist das für mich, den Flo…”) leider nicht hinausgeht. Wer über das Thema schon mal nachgedacht hatte, lernt nichts neues. Künstlerisch würde ich das Werk nicht als “Geniestreich” bezeichnen, so ungewöhnlich oder gar unerhört ist das Spiel mit den Farben wirklich nicht.

    Wie gesagt, insgesamt enttäuschend.

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