Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Bunte Vergangenheit in der Zukunft

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Genre kann etwas Wunderbares sein. Gesetzt den Fall, man erfüllt die Grunderwartungen daran. So sollte es im Horror drastisch zugehen, im Krimi spannend, im Romantikfach gefühlig und so weiter. Doch ganz besonders schön wird ein Genrewerk, wenn auch noch etwas aus anderen Genres mit hineingemischt wird. Damit wird nämlich auch Leuten wie mir etwas gebeten, die gar kein einzelnes Lieblingsgenre haben und somit mit einem puren Horror-/Krimi-/Romantik-Comic wenig anfangen können. Aber ein Genre-Curry, das würzt mir den Tag.

Vor einer Woche packte ich einen Band aus, der mich erst einmal durch seine schreienden Cover-Farben verstörte. So ähnlich poppig-knallig in Blau, Rosa und Gelb hat einer der größten Comiczeichner aller Zeiten, der Franzose Yves Chaland, vor bald vierzig Jahren den ersten Band der „Incal“-Reihe seines Kollegen Moebius koloriert. Chaland war damals jung (alt ist er leider nicht geworden) und brauchte das Geld, und er bewunderte nicht nur Moebius, sondern war auch ein Riesen-Genre-Fan, wie sein Debütcomicband „Captivant“ (gemeinsam mit Luc Cornillon; natürlich nie ins Deutsche übersetzt) beweist – eine wilde Anthologie der Stile und eben Genres, als wäre ein frankobelgisches Comicmagazin der fünfziger Jahre wiederauferstanden. Aber ich schweife ab.

Chaland wusste genau, was er tat, als er die Geschichte von Moebius (und dessen Szenaristen Alejandro Jodorowsky) in diese futuristischen Farben setzte: Es war ja Science Fiction, und da konnte es nach den siebziger Jahren im Comic gar nicht psychedelisch genug aussehen. Also vermutete ich in dem Band, den ich ausgepackt hatte, eine Retro-SF-Geschichte. Irritierend waren daran zwei Dinge: Zugeschickt hatte mir den Band der Zwerchfell-Verlag, der nicht eben einschlägig ist, wenn es um Science Fiction geht (eher Horror, Gothic, Fantasy), und als Autoren war ein deutsches Duo ausgewiesen: Philipp Spreckels als Szenarist und Dave Sidney Tula Scheffel-Runte (solche Namen gibt es wirklich nur hierzulande). Auch Deutschland ist nicht eben einschlägig für dieses Genre, trotz den hinreißenden Parodien von Ralf König.

„Yellowstone“ heißt der Band, und er ist tatsächlich Science Fiction, allerdings angesiedelt in einer sehr nahen Zukunft: 2042. Zehn Jahre zuvor wird im titelgebenden Nationalpark der Vereinigten Staaten ein Vulkan ausgebrochen sein, dessen Detonation eine Evakuierung des gesamten amerikanischen Mittleren Westens erforderlich macht. Nur noch die Randzonen sind seitdem bewohnt, allerdings denkbar dicht, denn die vielen Ausgesiedelten müssen hier Aus- und Unterkommen finden. Konflikte sind programmiert, zumal die Heimatvertriebenen wieder zurückstreben – gegen den Willen der amerikanischen Regierung, die das aufgegebene Terrain längst an Konzerne verpachtet hat.

Das dahinter eine Verschwörung steckt, kann man sich denken. Dass gerade im Mittleren Westen auch  Leute leben, die nicht lange fackeln, wenn es gilt, ihr Recht in die eigene Hand zu nehmen, weiß man. Also wird einer der Evakuierten, Noah mit Namen, zum Helden im Kampf gegen KJeptokratie und Großkapital. Soweit erwartbar.

Nicht erwartbar war der Stil, in dem Scheffel-Rute das gezeichnet hat. Die Vorbilder sind erkennbar amerikanische Independent-Serien aus der Zeit um die Jahrtausendwende, vor allem, was die großflächige Kolorierung der Panels angeht, die in langen Sequenzen monochrom erfolgt (mit kleinen Effekt-Akzentuierungen), um die Stimmungen des jeweiligen Geschehens zu unterstützen. So sieht das aus: https://zwerchfellverlag.de/yellowstone-2/ (leider nicht mit Beispielen aufeinanderfolgender Seiten).  Erkennbar wird dabei auch, dass Dekors von Moebius tatsächlich ein wichtiger Einfluss waren. Und am Ende des zweiten Kapitels gibt es sogar den emblematischen Sturz in eine Stadtkulisse, die an Beginn und Ende des sechsbändigen „Incal“-Zyklus steht.

Leider geht der Handlung von „Yellowstone“ weitaus schneller die Luft aus. Nach 130 Seiten im Heftformat ist schon Schluss, und bereits weitaus früher, nach einem temporeichen Auftakt,  verliert die Geschichte ausgerechnet dann an Dynamik, wenn es in die geräumte Zone geht, wo zudem außer leeren Landschaften, die es aber auch heute dort schon überreichlich gibt, keine markanten Szenerien warten, die uns einen Vorgeschmack einer wenn auch nahen Zukunft verschaffen. Die Autos sehen aus wie SUVs, die Gebäude  orientieren sich am Betonbrutalismus, und der schönste Einfall ist schon die regenbogenfarbige Gestaltung des bösen Masterminds im Hintergrund beim – ja – genreüblichen Enthüllen der eigenen Perfidie vor den entgeisterten Gegenspielern.

Ein Klischee reiht sich ans andere, und leider wird auch aus anderen Sparten (Western, Öko-Thriller) nur jeweils die kleinste Münze entliehen. Daraus resultiert kein Gewinn. Eine gute Ausgangsidee ist da irgendwann im überehrgeizigen Konzept versandet. Trotzdem lohnen die ersten beiden Kapitel die Lektüre. Und der Rest mag dann Genrefanatiker nicht ganz so unzufrieden lassen wie mich.


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