Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Uns ist so wohltuend plümerant zumute

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Seit den seligen Tagen der Shadoks habe ich so etwas nicht mehr gesehen – so geistvoll und zugleich so (graphisch) schlicht. Die Shadoks liefen Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre im französischen Fernsehen und wurden in unserem Nachbarland ein Kultphänomen: seltsame außerirdische Vogelwesen (runde Leiber mit monochromem Federkleid auf filigranen Beinen), die ihren Tag vor allem damit zubrachten zu pumpen, zu pumpen, zu pumpen. Sinn- und endlos. Das wurde als Verspottung der kapitalistischen Gesellschaft gedeutet (man befand sich in den Tagen und Nachwehen der Achtundsechziger-Bewegung), aber in den Jahrzehnten seither sind die Shadoks zu einem Merchandising-Phänomen geworden, das sich gewaschen hat. Mit den irren Vögeln bedruckte Waren gibt es überall, die Fernsehserie läuft längst nicht mehr.

Natürlich haben wir Deutschen nichts Ähnliches hinbekommen. Wobei auch die Shadoks nicht ganz originell waren, sondern gewisse inhaltliche Anleihen bei Peyos Schlümpfen gemacht hatten (reduzierte Sprache, individuelle Unterscheidbarkeit nur durch lebensweltliche Attribute). Also gibt es keinen Grund zu klagen, dass nun doch ein Comic erscheint, der (mich) an die Shadoks erinnert: „Die letzten 23 Tage der Plüm“ von Katharina Greve. Über den Einfallsreichtum dieser Zeichnerin muss man keine großen Worte mehr verlieren; ihr „Hochhaus“-Fortsetzungscomic war eine der erstaunlichsten formalen Leistungen auf diesem Feld seit Jahren.

Auch der neue Band, wieder bei Greves mittlerweiligem Hausverlag Avant erschienen, wurde zuerst als Fortsetzungscomic publiziert: 2016 im Lokalteil der Berliner „tageszeitung“. Für die Buchveröffentlichung hat Katharina Greve den als Countdown konzipierten Handlungsverlauf aber erweitert, auf die titelgebenden 23 Tage plus einem Bonus-Tag, deren jeder Grundlage für ein meist (eine Ausgabe gibt es) vierseitiges Kapitel ist: ein lexikalischer Eintrag zum Dasein der Plüms vorneweg, dann ein Splashpanel, schließlich zwei Seiten mit der eigentlichen Episode, das Ganze als Querformat angelegt. Sehr schön anzusehen, vor allem aber sehr witzig.

 Wer sind die Plüm? Eine außerirdische Zivilisation, deren Planet durch die Kollision mit einem heranrasenden Himmelskörper ausgelöscht werden wird. Von Folge zu Folge wird der pinke Kreis am Firmament größer. So sehr panisch, wie das Titelbild des Buchs suggeriert (die Leseprobe zeigt es: https://www.avant-verlag.de/comics/die-letzten-23-tage-der-pl%C3%BCm/), reagieren die Plüm – drei lernen wir kennen: Pla, Schte und Rüm mit Namen – aber nicht. Vielmehr begleiten wir sie bei ihren ungeachtet aller Bedrohung beibehaltenen Idiosynkrasien und Konflikten, die zu slapstickartigen Situationen führen. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Alles lässt sich selbstverständlich leicht als ironischer Kommentar zu menschlichem Verhalten angesichts Klimakatastrophe und dergleichen deuten. Greve ist schließlich ausgewiesene Satirikerin.

Wie die Shadoks bestehen die Plüm aus einem dominanten Leib (hier allerdings in Form überdimensionierter grüner Köpfe) mit extrem dünnen Gliedmaßen. Die Individualisierung erfolgt über Frisuren, Körperproportionen und jeweils abgeschatteten Grüntönen. Die Lexikoneinträge liefern Mosaiksteine zu einem Gesamtgesellschaftsbild, beziehen sich inhaltlich aber jeweils auf die in den jeweiligen Episoden vorgestellten Ereignisse. Stilistisch sind die Zeichnungen so reduziert wie nur möglich. Man glaubt sich, ins Bühnenbild eines Beckett-Stücks versetzt, und ähnlich existenzialistische geht es denn auch zu. Die Komik dieses Comics ist eine tiefschwarze.

Warum es so lange gedauert hat, bis Katharina Greve ihre ursprüngliche Serie zum Buch erweitert hat, weiß ich nicht. Das Warten hat sich aber gelohnt. Nun müsste sie nur noch das Glück haben, dass irgendjemand das Vermarktungspotential ihrer skurrilen Kopfwesen erkennt. Auf Bettwäsche machten sie sich bestimmt gut. Und die Vorstellung, unter einem Plüm-Plumeau zu ruhen, ist eine höchst trostreiche angesichts all der Katastrophen um uns her. Da könnte man friedlich den Weltuntergang verdämmern.


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