Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Wie finanziert man Vielfalt?

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Immer noch sind Anthologien für junge Zeichner der Königsweg auf den Comicmarkt, und gerade in Deutschland haben sich die Hochschulen zu den eifrigsten Förderern von entsprechenden studentischen Projekten entwickelt. Es könnte einem ja auch wie ein publizistischer Traum vorkommen: Druckmöglichkeiten in den universitären Werkstätten, finanzielle Förderung durch die Institution, Nutzung der hochschuleigenen Infrastruktur beim Versand. Doch so mag es einmal gewesen sein – heute ist auch eine studentische Anthologie nicht nur ein ästhetisches Wagnis, sondern auch ein ökonomisches.

Man nehme etwa die neunte und neueste Ausgabe von „Triebwerk“, dem jährlich erscheinenden Comicmagazin der Kunsthochschule Kassel, konkret: der dortigen Illustrationsklasse von Hendrik Dorgathen. Es ist ein aufwendiges Produkt, an dem sich 36 Personen als Beiträger beteiligt haben, und dazu hat die bekannte Comicautorin Paula Bulling, die jüngst in Kassel gelehrt hat, noch ein dreiseitiges gezeichnetes Vorwort beigesteuert, eine private Klimawandel-Apokalypse in Feuerrot und Giftgelb, die in einen geschriebenen Dialog zwischen zwei Sprechern A und B übergeht, der in der Erkenntnis mündet: „Wir brauchen die Zeit, um alles nochmal neu anzufangen. Von vorne, aus der Asche, aus Sinnlosigkeit, aus Spaß.“ Und das passiert dann auch in den Arbeiten der sechsunddreißig jungen Künstler. Der Leseprobe sieht man es an: http://rotopolpress.de/produkte/triebwerk-9.

Aber um diese prachtvolle Publikation herzustellen, brauchte es Unterstützung von einem Förderkreis, eine Crowdfunding-Kampagne und eine billige Druckerei in Litauen. Dazu hat der aus ehemaligen Absolventen der Kasseler Comicschmiede hervorgegangene Rotopol-Verlag die Anthologie in sein Programm aufgenommen. Und weil das alles nicht reicht, haben die Mitwirkenden nach dem Vorbild des Schweizer Comicmagazins „Strapazin“ für Anzeigenkunden deren Werbeauftritte im Heft gestaltet – ein ebenso probates wie reizvolles Mittel, Zusatzeinnahmen zu generieren. Manchmal staunt man über den Einfallsreichtum bei den Anzeigen mehr als in den Geschichten. Aber wirklich nur manchmal.

Ähnlich finanziert sich die ebenfalls jährlich publizierte Anthologie „Spring“ aus Hamburg. Sie war allerdings nie an eine Hochschule gekoppelt, sondern entstand als Zeichnerinnen-Forum: Nur Frauen treten hier auf, viele leben in Hamburg, aber das Einzugsgebiet reicht weit darüber hinaus, und der Mitarbeiterinnenkreis wandelt sich ständig, auch wenn der Großteil wie etwa Birgit Weyhe, Stephanie Wunderlich, moki, Larissa Bertonaso, Almuth Ertl, marialuisa oder Kathrin Stangl zum wiederholten Mal mit dabei ist. Sogar Anke Feuchtenberger, die Doyenne der deutschsprachigen Comiczeichnerinnen, hat auch wieder mal für „Spring“ zum Kohlsteift gegriffen, und niemand Geringere als die Schriftstellerin Karin Köhler hat das Vorwort verfasst: „I Ain’t ‘Fraid of No Ghosts“, eine Hommage an den Kinofilm „Ghostbusters“. Das diesmalige Thema von „Spring“ – die Anthologie hat immer ein spezielles – lautet denn auch „Gespenster“.

Da hätte sich, wenn sich denn nicht das Geschlechterproblem gestellt hätte, eine Zusammenarbeit mit dem seit 2006 existierenden Literaturmagazin „Kultur & Gespenster“ angeboten, das Gustav Mechlenburg auch in Hamburg herausgibt (im Textem Verlag)  und mit Jan Frederik Bandel einen denkbar comicaffinen Mitarbeiter hat. Bei der Zahl der Ausgaben ist das unregelmäßig erscheinende Magazin mit zwanzig sogar weiter als „Spring“, das jetzt bei siebzehn angekommen ist. Und wie schon in den letzten Ausgaben zu bemerken, weichen die Comics mittlerweile zugunsten illustrativer Zyklen, die bisweilen nur übers Oberthema noch so etwas wie sequentielles Erzählen für sich in Anspruch nehmen können. Ausnahmen sind Birgit Weyhe und Larissa Bertonasco, die am klassischen Comicverständnis festhalten. Ansonsten wirkt „Spring“ im besten Sinne wie ein Bewerbungsportfolio für Illustrationsaufträge. Und natürlich ist auch die hier die zur Finanzierung notwendige Werbung von den Zeichnerinnen selbst gestaltet.

Diesmal ist ein dunkles Lila als Zusatzfarbe gewählt worden, wodurch eine adäquat gespenstische Nachtatmosphäre in den Geschichten entsteht (Lese- oder eher Bildprobe unter https://www.mairisch.de/programm/spring-17-gespenster/). Und was etwas Doris Freigofas oder Nina Pagalies veranstalten, ist ein wunderbares Albtraumspektakel – mal heroisch, mal hermetisch. „Spring“ ist immer noch das Maß der Dinge, wenn es um deutsche Comicanthologien geht, auch wenn (oder weil?) die Kunstform hier weit ausgelegt wird. Vertrieben wird das Heft seit einigen Jahren übrigens in einem der besten kleinen Literaturverlage, Mairisch in Hamburg. Und gedruckt erstaunlicherweise in Berlin. Wir das in dieser Qualität zu stemmen ist – diesmal sogar mit fluoreszierendem Cover! -, das wüssten gewiss viele Konkurrenten gerne. „Triebwerk“ hat aber offenbar auch die Witterung aufgenommen.


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