Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Weltstadt Darmstadt

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Es war mir angekündigt worden, dass „Bei mir zuhause“ der dickste Band sei, den der Berliner Jaja Verlag je produziert hat. Aber dass der Comic dann 1,685 Kilogramm auf die Waage (eine grammgenaue aus meiner Küche!) bringen würde, das hatte ich nicht erwartet. Jaja hatte ich vor Jahren kennengelernt als Verlag der bitterbösen „Papa Diktator“-Serie von Michael Beyer, also von Heftchen im Pixi-Format, deren Gewicht ich jetzt des Vergleichs wegen auch bestimmt habe: 25 Gramm. Aber „Bei mir zuhause“ hat ja auch satte 616 Seiten, Hardcover, Vierfarbdruck – kurz: Er ist der bislang ambitionierteste Comic des Hauses. Und kostet trotzdem nur 35 Euro, während „Papa Diktator“ pro Heftchen mit 2,95 zu Buche schlägt.

Mehr als sechshundert Seiten, das gibt es nicht oft bei Comics außerhalb von Japan. Dabei erzählt die Zeichnerin Paulina Stulin nicht einmal von einem besonders langen Zeitraum. Man kann die Handlung auf etwas mehr als ein Jahr eingrenzen, denn alles beginnt mit der Trennung eines Paars, und es endet mit einem Wiedersehen der Getrennten. Dazwischen verfolgt der Comic den Alltag der Frau, der auch deren dreißigsten Geburtstag umfasst. Und es gibt eine Sequenz kurz vor Schluss, in der sie sich als Joggerin betätigt, die von Stulin grandios inszeniert wird, nämlich als Dauerlauf quer durch alle vier Jahreszeiten. Das lese ich als Hinweis auf die tatsächliche Handlungsdauer.

Paulina Stulin ist als Comicautorin bislang noch nicht sehr bekannt gewesen, aber das dürfte sich nun ändern. Vor sechs Jahren kamen – damals auch schon bei Jaja – zwei Comics heraus: „Mindestens eine Sekunde“ und „The Right Here Right Now Thing“. Ein fulminanter Start also mit zwei autobiographischen Bänden in einem Jahr, wobei sie denkbar unterschiedlich daherkamen: Ersterer war schwarzweiß gezeichnet, Letzterer farbig. Wer sehen will, wie die aussahen, der kann das auf der Website von Paulina Stulin tun, wo sich auch Anschauungsmaterial zum neuen Buch findet: http://www.paulinastulin.de/. Noch viel mehr aus und über den Band bietet aber die Verlagsseite https://www.jajaverlag.com/bei-mir-zuhause/.

Dann aber sechs Jahre Pause. Aus gutem Grund, der eben in sechshundert Seiten und 1,685 Kilogramm zu bemessen ist. „Bei mir zuhause“ setzt die Schilderung des Lebens der Paulina Stulin fort, wobei für einen Außenstehenden schwer zu sagen ist, wie authentisch das ist, was darin erzählt wird. Aber da Bezug auf die früheren Comics genommen wird, besteht zumindest Kontinuität im Erzählkosmos. Und glaubwürdig realistisch kommt eh alles daher. Auch deshalb, weil diese Studie in weiblicher Ermächtigung nicht als geradliniger Triumphzug, sondern als immer wieder von Selbstzweifeln geprägte Schlangenlinie erzählt wird.

Die Paulina Stulin des Comics lebt in Darmstadt wie ihre gleichnamige Zeichnerin. Äußere Ähnlichkeit besteht auch, der Brotberuf ist der gleiche, und Comiczeichnerinnen sind beide aus Leidenschaft nebenher, aber mit vollem Einsatz. Nach sechs Jahren geht die Beziehung zwischen der Protagonistin des Buchs und ihrem Freund Matthias in die Brüche – und in die Brüche geht noch etliches mehr, unter anderem auch der rechte Ellbogen der Zeichnerin.

Heilungsprozesse sind dementsprechend das große Thema der Geschichte. Nicht nur emotionale und medizinische, auch gesellschaftliche. So wird der vorsichtig-optimistische Schluss eingeleitet durch Paulinas Teilnahme an einer Demonstration junger Menschen für Toleranz, nachdem sie hundert Seiten zuvor in einem Club eine erbitterte politische Diskussion mit einem jungen Mann geführt hat, der sich gleichgültig gegenüber Flüchtlingsschicksalen zeigte. Es gibt viele solche Erzählbögen in „Bei mir zuhause“, die den oberflächlichen Eindruck einer eher impressionistisch erzählten Geschichte konterkarieren. Der Aufbau des Ganzen ist sehr komplex; gegenüber den früheren beiden Comics hat sich Paulina Stulins Erzählgeschick extrem weiterentwickelt. Die Autorin lässt vieles unausgesprochen. Wenn ihre Hauptfigur am Ende das „Geburtstagsgeschenk“ einer Freundin umsetzt, geschieht das stumm. Und das ihr dabei verheißene Glück bleibt zweifelhaft.

Der Titel des Comics nimmt Bezug auf den Dreh- und Angelpunkt der Existenz ihrer Hauptfigur: deren Dachwohnung in der Darmstädter Alicenstraße. Wie akribisch Stulin das innenstadtnahe Viertel rund um diese Adresse – ihre eigene – in den Zeichnungen porträtiert ist eine Meisterleistung: eines der intensivsten Stadtporträts im deutschen Comic, ohne dass damit graphisch geprotzt würde. Wir durchstreifen mit der Paulina des Buchs ganz Darmstadt, aber bis der Name der Stadt überhaupt einmal fällt, ist fast schon alles vorbei – so selbstverständlich wird das Dekor genommen. Und so unmissverständlich wird eine tiefe Zuneigung von Figur und Zeichnerin zur Heimatstadt sichtbar. Die bietet den Rückhalt im Krisenjahr nach der Trennung, selbst noch im fernen Portugal, wohin Paulina mit ihrer besten Freundin reist – was in einem kurzen, aber grandiosen Stück Comic-Reportage über einen jungen Mann resultiert, der dort seine Wohnung an Touristen vermietet. Und eine beeindruckend-bedrückende Begegnung mit einem Exhibitionisten am Strand gibt es obendrauf.

Diese sechshundert Seiten sind überreich an Überraschungen. Klar, Paulina Stulin nimmt sich auch den nötigen Platz dafür, aber große Teile ihrer Geschichte bestehen aus Stimmungssequenzen, stummen Passagen, die der Hauptfigur durch ihre Verrichtungen folgen, und die einzelnen Kapitel werden abgegrenzt durch ganzseitige Blicke auf Details des Stadtrums oder nächtliche Himmelansichten, wie sie durch das Dachfenster von Paulinas Wohnung möglich sind. So wechseln die Bilder, die wir als Leser gewinnen, ständig zwischen subjektiven und objektiven Perspektiven. Erzählt wird auktorial, bis in die Gedanken von Paulina hinein. Aber nie über etwas, was sie selbst nicht wissen könnte. Alles fokussiert sich auf sie.

Dadurch entsteht ein Persönlichkeitsporträt, das in dieser Intensität wenig Konkurrenz im deutschsprachigen Comic hat. Natürlich kann man Ulli Lusts autobiographisches Werk anführen, aber durch dessen jahrzehntelangen Abstand von den wirklichen Ereignissen sind diese Geschichten schon historisch. Paulina Stulin dagegen ist mit ihrem Comic denkbar nahe an der Zeit, die er erzählt: 2017/18 ist er angesiedelt, und man erfährt aus ihm auch etwas über die Anfertigung. Dadurch entsteht der Eindruck eines Tagebuchs, und das ist womöglich der größte Kunstgriff dieses Großprojekts: dass man sich zwingen muss, nicht einfach alles für genau so geschehen zu halten, wie es hier gezeichnet wird. Der malerische Stil der Panels ist der einzige Warnhinweis, dass künstlerisch verfremdet wurde.

Der faszinierendste Aspekt von „Bei mir zuhause“ ist jedoch das Können, mit dem Paulina Stulin auf wenigen Seiten komplexe Personen zu erschaffen versteht. Ein junger Muslim mit radikalen Ansichten oder ein bindungsunwilliger Liebhaber werden genauso plastisch wie die Figur, die sechshundert Seiten lang im Mittelpunkt steht. Das spricht nicht gegen den Umfang dieses Buchs, sondern für die psychologische Erkenntniskraft seiner Autorin, die die Erzählweisen des Epos genauso beherrscht wie die der Episode.


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