Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Spirou im Lande des Klischees

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Einige mögen sich fragen, wieso in diesem Blog immer wieder von der belgischen Comicserie „Spirou“ die Rede ist, aber sehr selten nur von „Tintin“, also „Tim und Struppi“. Das liegt daran, dass die Figuren von „Tim und Struppi“ Eigentum ihres Erfinders Georges Rémi alias Hergé waren und nun der nach ihm benannten Stiftung gehören, während Robert Velter alias Rob-Vel, der erste „Spirou“-Zeichner, zwar auch im Auftrag eines Verlagshauses arbeitete, aber diesem die Rechte überließ. So konnten in der mittlerweile zweiundachtzigjährigen Laufzeit von „Spirou“ diverse andere Zeichner engagiert werden, um die Abenteuer des  Brüsseler Hotelpagen zu zeichnen, darunter André Franquin, Jean-Claude Fournier, Yves Chaland und Émile Bravo, um nur die Besten zu nennen, während Hergé nie jemand anderem zugestand, bei seine Schöpfung Hand anzulegen. Und testamentarisch verfügte er ein Verbot der Fortführung.

Deshalb gibt es dauernd neue „Spirou“-Comics und zu „Tim und Struppi“ nur ständig neu aufbereitete Werk- oder Sonderausgaben des längst Bekannten. Käme nicht mit schöner Regelmäßigkeit „Tim im Kongo“ ins politische Gerede, wäre Hergés Serie im makellosen Klassikerstatus erstarrt, während die jeweils aktuellen Macher von „Spirou“ sich bemühen, ihre Serie im Geist der Zeit fortzusetzen. Aber seit einiger Zeit hat man nach amerikanischem Superheldenvorbild eine weitere attraktive Einnahmequelle entdeckt: Sonderalben mit Geschichten, die außerhalb des regulären Handlungsverlaufs angesiedelt sind, aber trotzdem engen Bezug auf die Tradition nehmen.

Der jüngste davon trägt den Titel „Spirou bei den Sowjets“. Comic-Kenner werdne sofort hellhörig, denn das erste „Tim und Struppi“-Abenteuer von 1929 hieß „Tim im Lande der Sowjets“ und war Hergé später zeichnerisch und inhaltlich so peinlich, dass er jahrzehntelang keine Neuausgabe zuließ. Da er „Tintin“ zunächst für die Jugendbeilage einer katholischen Tageszeitung gezeichnet hatte, hatte man ihn für das Debüt der Serie auf einen kommunistenfresserischen Grundton festgelegt, und die Geschichte strotzt vor Klischees. Bevor der Antirassismus-Diskurs das „Kongo“-Album in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückte, galt der „Sowjet“-Band als politisch dubios. Das immerhin hat sich mit dem Kollaps der Sowjetunion geändert. Heute gilt das Ganze eher als skurril.

Was macht nun die Konkurrenz von „Spirou“ im kommunistischen Russland? Und wie kommt sie da im Jahre 2020 überhaupt hin? Nun, i den Sonderbänden stehen den Autoren alle Zeitebenen zu Spirous Lebenszeiten offen, und da er 1938 erstmals auftrat, siedelte der Szenarist Fred Neidhardt seine Geschichte in den frühen sechziger Jahren an, als der Ost-West-Konflikt mit der Kuba-Krise seine gefährlichste Zuspitzung erfuhr. Ganz wie Tim mehr als drei Jahrzehnte zuvor werden Spirou und sein Freund, der Reporter Fantasio, von ihrem Verlag nach Moskau entsandt, um einen Blick hinter den Eisernen Vorhang zu werfen (Fantasio hat sogar das Album „Tim im Lande der Sowjets“ dabei, um den Verlagschef vom Reiz der Reise zu überzeugen). Hintergrund ist allerdings, dass ein russisches Kommando den Grafen von Rummelsdorf, einen großen Pilzforscher und weiteren engen Freund Spirous, entführt hat, damit der an der Entwicklung einer biologischen Wunderwaffe mitarbeiten soll.

So weit, so abstrus. Und so schön anzusehen, denn Fabrice Tarrin, mit dem Neidhardt schon vor mehr als zehn Jahren den „Spirou“-Sonderband „Die Gruft derer von Rummelsdorf“ herausgebracht hat, begibt sich graphisch wieder auf die Spuren des virtuosesten alle seiner Vorgänger, André Franquins. Nicht nur trifft er genau den elektrisierenden Schwung des prägenden Zeichners des „style atome“ (wie man diese ästhetische Form nach dem 1958 errichteten Brüsseler Atomium nennt), der Band spielt auch noch genau in der Zeit der Entstehung dieses Stils. Der Band ist also eine reine Augenweide. Die fünfseitige Leseprobe des Carlsen Verlags gibt davon einen Eindruck: https://www.carlsen.de/softcover/spirou-und-fantasio-spezial-30-spirou-bei-den-sowjets/115686#.

Und eine Verstandesfolter. Denn derart sinn- und geistlos ist selten in „Spirou“ erzählt worden. Neidhardt verlässt sich ganz auf die historischen Anspielungen, etwa eine Nebenfigur wie Trofim Lyssenko, Stalins bevorzugten Agrarwissenschaftler, der die aberwitzigsten Theorien vertrat, oder zahllose Details aus dem Leben im sozialistischen Sowjetstaat unter Chruschtschow, aber er erzählt, als schriebe er für Kleinstkinder. Die Wendungen sind hanebüchen, die Figuren unglaubwürdig und inkonsequent, platter Humor geht über alles (vor allem auch über die düsteren Aspekte der Erzählung – wann wurde denn bei „Spirou“ zuvor je so nonchalant gestorben?), und alles mündet in einen alternativen Geschichtsverlauf, der die russische Gegenwart veralbern soll, aber die postsowjetische Entwicklung auf die Präsenz von Werbeflächen in Moskau beschränkt.

Dazu kommt eine Präsentation des deutschen Bandes, die es versäumt hat, die Insignien des belgischen Dupuis-Verlags (große „D“s als Türgriffe) durch „C“s für Carlsen, wie der Verlag in der deutschen Ausgabe heißt, zu ersetzen, es dafür aber als notwendig ansieht, vor der Äußerung einer Figur im Gespräch mit einem afrikanischen Lastenträger als „rassistisch“ zu warnen (das Gesagte solle man „aus dem Selbstverständnis der damaligen belgischen Kolonialisten“ lesen und verstehen). Für wie dumm halten eigentlich die Redakteure bei Carlsen ihr Publikum? Und haben sie schon einmal einen Gedanken daran verschwendet, wie sich Russen oder Frauen bei der Lektüre dieses von Klischees über beide Gruppen nur so strotzenden Bandes fühlen könnten? Wird davor auch gewarnt? Natürlich nicht, weil man ihnen zutraut, die wenig subtile Ironie anzuerkennen, mit der Neidhardt erzählt. Aber Schwarzen oder deren Unterstützern muss man paternalistisch erklären, das nicht so gemeint ist, was da steht. Die Herablassung, die daraus spricht, ist unerquicklich.

Im Begleitmaterial zur Geschichte hätte man auf all das gut eingehen können, aber dort bastelt man lieber am heilen Bild des „Spirou“-Zeichner-Kosmos als einer großen Familie von Humoristen. In „Spirou bei den Sowjets“ wird aber nur gealbert. Das hat nicht einmal das grässliche sowjetische System verdient. Und die große Tradition von „Spirou“ noch weniger.

 


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