Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Asterix wie aus dem Bilderbuch

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Ein neuer Asterix-Band, so rasch nach der erst 2019 erschienenen „Tochter des Vercingetorix“? Das bekommt nicht einmal das aktuelle Autorenduo Jean-Yves Ferri und Didier Conrad hin, das konnten nur René Goscinny und Albert Uderzo zu ihren Glanzzeiten in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre, mit dem einsamen Höhepunkt des Jahres 1966, in dem auf Französisch gleich drei Alben erschienen: „Kampf der Häuptlinge“, „Asterix bei den Briten“ und „Asterix und die Normannen“. Letzteres verkaufte sich als erstes Asterix-Album mehr als eine Million Mal. Und von diesem Annus mirabilis zehrt auch noch das jetzt erschienene „neue“ Album „Der goldene Hinkelstein“, das vergangene Woche gleichzeitig in Frankreich und Deutschland herausgekommen ist.

Als der Comic-Erfolg von Asterix sich 1966 überschlug, kümmerten sich Goscinny und Uderzo bereits um weitere Verwertungsmöglichkeiten. Der erste Zeichentrickfilm, „Asterix der Gallier“, wurde produziert, und man gedachte auch die jüngste Zielgruppe ins Auge zu fassen: Kinder. Für die waren die Comics in der von Goscinny geleiteten Zeitschrift „Pilote“, die die Asterix-Abenteuer vorgedruckte, nicht gedacht; Zielpublikum von „Pilote“ waren Jugendliche, und die teuren Alben kauften vorwiegend Erwachsene. Der Film sollte die ganze Familie außer Haus ins Kino locken, aber für die Kinderzimmer gab es eine damals besonders populäre Erzählform: die Schallplatte. Und so schrieb Goscinny eigens für dieses Medium ein neues Abenteuer, eben „Der goldene Hinkelstein“ (Le menhir d’or), das 1967 kurz nach dem Film als französische Langspielplatte herauskam, eingesprochen von denselben Schauspielern, die den Figuren auch auf der Leinwand ihre Stimmen ließen.

Dazu zeichnete Uderzo vierzehn Illustrationen, eine für das Platten-Cover und den Rest für ein beiliegendes Textheft, das auf neun Seiten alle Dialoge des halbstündigen Hörspiels enthielt. Das ist nun die Grundlage des Albums, wobei es 56 Seiten hat, davon vierzig für den Nachdruck der Dialoge und der Illustrationen. Da hätten vierzehn Bilder etwas kleinlich ausgesehen, also hat man Uderzos personenreiche Actionszenen auseinandergenommen und einzelne  Figuren daraus isoliert und noch einmal abgedruckt. So hat man zumindest auf jede Doppelseite eine Illustration einbauen können, und fertig war ein schönes Asterix-Bilderbuch im klassischen Comicformat.

Schön vor allem, weil Uderzo nie besser gezeichnet hat als in jenen Jahren. Natürlich hat man es weder beim französischen Verlag Gallimard noch den deutschen Lizenznehmern von Egmont nicht nötig, eine Leseprobe bereitzustellen, also kann man sich noch am besten auf der offiziellen Asterix-Homepage einen winzigen Eindruck verschaffen: https://www.asterix.com/de/die-buecher/die-illustrierte-alben/der-goldene-hinkelstein/. Leider gar nicht eingestellt ist etwas aus Goscinnys Dialogen, die sehr witzig sind und vom etatmäßigen Übersetzer Klaus Jöken stilsicher ins Deutsche gebracht wurden – wobei es eine Rolle gespielt haben mag, dass mit Michael Groenewald und Matthias Wieland zwei grandiose Experten für Comicübersetzungen als Berater zu rate gezogen wurden. Gut so, denn man bietet im Netz auch erstmals eine deutsche Fassung des Hörspiels an.

Worum geht es? Der Barde Troubadix nimmt am großen gallischen Sängerwettstreit im Karnutenwald teil, wobei ihn Asterix und Obelix begleiten. Als er von den Römern entführt wird, machen sich seine beiden Freunde auf zur Befreiung. Mehr muss man gar nicht sagen, das Erzählschema ist altvertraut – Goscinny hat hier die Ausgangssituation von „Asterix bei den Goten“ mit der von „Asterix bei den Normannen“ gemischt.

Wie gesagt: Das Zielpublikum für den „Goldenen Hinkelstein“ waren Kinder, und das merkt man daran, dass Goscinny im Hörspiel keine gesellschaftspolitischen Anspielungen unterbrachte und vor allem auf bewährte Kloppereien und Frotzeleien setzte. Trotzdem liest man seine Texte mit Begeisterung, weil plötzlich der ironische Grundton von Asterix wieder da ist, der mit dem Tod des Szenaristen im Jahr 1977 ausgestorben war. Und dass etwa der römische General Eucalyptus als dekadenter Ästhet zeichnerisch der für die damalige Zeit typischen Klischeedarstellung eines Homosexuellen entspricht, trägt eher zum nostalgischen Wohlgefallen bei, als dass es verärgerte. Erstaunlich trotzdem, dass es keinen Warnhinweis im Heft gibt. Oder ein gutes Zeichen dafür, dass Schwule Humor haben.

Die größte Herausforderung war die Übersetzung der Lieder, die auf dem Bardenwettbewerb vorgetragen werden. Goscinny wählte lauter einheimische Gassenhauer als Vorlagen, angefangen mit Charles Trenets Evergreen „Ménilmontant“ (der zu „Menhir montant“ wurde) bis zur französischen Version von „If I Had a Hammer“. Im letzteren Fall konnte man die Sache leicht ins Deutschen bringen, weil der Hit von Trini Lopez auch bei uns bekannt ist, ansonsten aber mussten ähnlich populäre Entsprechungen gefunden werden. Kompliment an die Übersetzer für die Idee, aus Leonard Bernsteins  und Stephen Sondheims „I Like to Be in America“ ein Gallierlied namens „Ich wäre gern in Aremorica“ zu machen, und einen Barden namens Comedianharmonix „Wochenend und Hinkelstein“ trällern zu lassen. Das ist jeweils witziger als Goscinnys Original.

Und so könnte man „Der goldene Hinkelstein“ das beste Asterix-Album der letzten Jahre nennen, wenn es denn ein Comic wäre und nicht nur ein zauberhaftes Stück Nostalgie. Aber das ist mehr, als ich erhofft hatte, als ich vom Plan, aus dem Hörspiel ein Buch zu machen, hörte. Nun warten nur noch „Les Traveaux d’Astérix“ (auf Deutsch: „Zwölf Prüfungen für Asterix“) auf eine ordentliche Albenpublikation. Das ist ein Comicstrip, der die Handlung des Trickfilms „Asterix erobert Rom“ von 1977 erzählt, damals gezeichnet von Marcel Uderzo, Alberts jüngerem Bruder. Bitte nicht verwechseln mit dem aufgemotzten Album „Asterix erobert Rom“, das 2016 auf Deutsch erschien! Das war auch ein Bilderbuch. Die „Traveaux“ dagehen sind ein ganz ordentlicher Schwarzweiß-Comic, der endlich mal koloriert und gut ediert gehört

 


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