Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Emanzipation beginnt im Wohnzimmer, nicht im Parlament

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Vor drei Tagen ging es in diesem Blog schon einmal ums Jahr 1974: Der tragische Fall des Kriegsdienstverweigerers Hermann Brinkmann, den seine Nicht Hannah Brinkmann in ihrem Comic „Gegen das Gewissen“ erzählt, erwies sich im Nachhinein als Zäsur. Die erste Hälfte der Siebziger hatte aber noch ein anderes gesellschaftsrelevantes Ereignis in der Bundesrepublik zu bieten: die von der sozialliberalen Regierung 1973 verabschiedete Reform des Ehe- und Familienrechts. Zuvor waren verheiratete Frauen Bürger de facto zweiter Klasse, die vor allem bei beruflicher Betätigung auf die Zustimmung ihrer Ehemänner angewiesen waren. Das änderte sich am 1. Januar 1977, als die neuen Bestimmungen rechtsverbindlich wurden und der vom Grundgesetz garantierten Gleichheit aller Menschen endlich auch im Ehestand Wirkung verschafften. Aus der Zeit zwischen Beschluss und Inkrafttreten des neugefassten Gesetzes erzählt ein Comic, der als Titel die Jahreszahl 1974 trägt.

Autorin ist die Duisburger Illustratorin Silvia Dierkes, und gezeichnet hat sie ihren schmalen, aber äußerst hübschen Band (eine Leseprobe bietet der Jaja Verlag unter https://www.jajaverlag.com/1974-1/ an) mit raschen schwarzen Filzstiftlinien und unter Hinzufügung von rosaroter Zusatzfarbe für einzelne Bildelemente wie die Röcke der Protagonistin Rita, Tischdecken, Vorhänge, Tapeten, Vasen – mit einem Wort: für das Dekor, und mehr ist auch Rite nicht in der Ehe mit Günther. Beide haben eine vierjährige Tochter, und die Rollenverteilung scheint klar: Günther verdient das Geld und erwartet bei dem Heimkehr ein kühles Bier und warmes Essen auf dem Tisch, Rita kümmert sich um Kind und Haushalt. Doch ihr fällt die Decke auf den Kopf, und in der nahen Kneipe jobbt ihre Freundin Agnes – eine Art Rollenmodell, aber für Günther kommt Berufstätigkeit seiner Frau nicht in Frage: „Was sollen denn die Nachbarn denen? Meine Frau geht arbeiten … das haben wir nicht nötig!“

Diese Grundkonstellation ist so reißbrettartig angelegt wie nur denkbar, aber sie trifft die Verhältnisse jener Zeit. Im Hintergrund der Familienwohnung laufen permanent Radio udn Fernseher und berichten von den Reformanstrengungen der Regierung Brandt, aber im Wohnzimmer von Rita und Günther bleiben sie wirkungslos. Scheinbar. Denn Silvia Dirkes erzählt gar nicht die Geschichte eines Heimchens, sondern eine wortlose Emanzipationsgeschichte insofern, als dass Rita am Schluss als Schneiderin arbeitet, obwohl es niemals zum großen Krach mit Günther gekommen ist. Und einer Schlussbemerkung kann man entnehmen, dass der Mann nur sogar stolz ist auf seine Frau. Und zwar, bevor das reformierte Ehe- und Familienrecht in kraft tritt. Es ist also keine erzwungene, sondern eine eigenständige Einsicht in die gewandelten Verhältnisse.

Alles demnach Friede, Freude, Eierkuchen, Fortschritt ganz ohne Enttäuschung? So simpel macht es Silvia Dierkes auch nicht. Auslöser für Ritas Aufbegehren war Agnes, aber nicht durch deren Selbständigkeit, sondern aufgrund ihrer Kündigung, nachdem sie selbst geheiratet hat. All ihr Zuspruch, ihre Ermunterung Ritas, sich zu emanzipieren, war also nur Gerede, doch gerade deshalb geht Rita die Sache nun an. Wie gesagt: Nichts davon wird gezeigt. In diesem Comic muss man noch mehr als in der Erzählform generell zwischen den Bildern lesen.

Abgeschlossen werden die rund fünfzig Comicseiten mit einem kleinen zeitgeschichtlichen Rückblick. Über die eigene Motivation der jungen Illustratorin, sich dieses Themas anzunehmen, wird nichts gesagt. Neben der naheliegenden Erklärung, dass es ein wichtiges ist und die großen gesellschaftlichen Ereignisse immer noch am besten anhand von Einzelbeispielen erzählt werden, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass eine ähnliche Erfahrung wie bei Rita eine Rolle gespielt haben könnte. Aber das ist egal. Von solchen unspektakulär auftretenden, aber umso klüger ausgeführten Comics dürfte es gerne mehr geben.


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