Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Sie sind wiederauferstanden

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Wir befinden uns im Jahr 22 nach dem Beginn der Serie, und mein Regal wird nun wohl doch noch voll. 1998 hatte ich etwa einen halben Meter freigeräumt, um dort Platz für ein französisches Comicprojekt zu haben, dessen Konzept so verrückt  klang, dass ich ihm treu bleiben wollte, komme, was da wolle. Das hatte auch damit zu tun, dass es von Lewis Trondheim und Joann Sfar erdacht worden war, zwei französischen Zeichnern, die ich damals gerade erst für mich entdeckt hatte – Ersterer Mitgründer des erst seit 1990 aktiven, aber damals schon legendären Autorenverlags L’Association und unfassbar produktiver Zeichner, Letzterer sogar noch etwas produktiver und mit seinen Comics im Programm von L’Association vertreten. Ihre gemeinsame Serie aber sollte bei einem Verlag laufen, den es auch noch nicht lange gab, der aber schon auf dem Weg zum ganz großen Player auf dem riesigen französischsprachigen Comicmarkt war: Delcourt, gegründet 1986.

Die Serie heißt „Donjon“ und entstand aus der gemeinsamen Begeisterung von Trondheim und Sfar für das amerikanische Fantasy-Rollenspiel „Dungeons & Dragons“. Das hatte ich 1980 als Austauschferiengast in den Vereinigten Staaten auch spielen und lieben gelernt, also gab es über die Prominenz der Schöpfer hinaus einen Anknüpfungspunkt. Vor allem jedoch erfreute mich die wahnwitzig anmutende Ankündigung, die Serie sei auf dreihundert Alben angelegt. Und wem außer diesen beiden offenbar rastlos zeichnenden Autoren sollte man das glauben?

Streng genommen glaubte ich es auch innen nicht. Sonst hätte ein halber Meter nicht ausgereicht. Es ging zwar flott los, jedes Jahr erschienen zunächst  mindestens vier Titel, bisweilen auch ein halbes Dutzend, aber selbst dann wäre das Ganze ja auf fünfzig Jahre hinausgelaufen, und Trondheim war damals schon fast vierzig. Dabeibleiben machte aber auch Spaß, wenn man sich vorstellte, dass es vielleicht hundert Bände werden würden, Und dafür würde ein halber Meter reichen. Die Erscheinungsfrequenz wurde nach 2005 auch geringer.

Dann vor elf Jahren der Schock: Nach bis dahin 34 Alben, die sich auf sechs Unterserien verteilten, stellten Trondheim und Sfar die Arbeit an „Donjon“ ein. Sie hatten alle Geschichten geschrieben, einige auch selbst gezeichnet und viele Freunde aus dem Association-Umfeld (aber nicht nur) als Zeichner derjenigen Abenteuer engagiert, die sie nicht selbst ins Bild setzen wollten. Zum Paradeplatz war die Unterserie „Donjon Monsters“ geworden, die auch als einzige keinen festgelegten Zeitabschnitt im Donjon-Gefüge zum Thema hatte. Ihre Alben konnten zu jedem beliebigen Zeitpunkt spielen, und da Trondheim und Sfar die Freiheit lieben, fühlten sie sich hier am wohlsten. Sie schrieben wie die Weltmeister, und unter den Monster-Zeichnern waren Andreas, Blutch, Patrice Killoffer, Jean-Christophe Menu, Stanislas und Yoann, um nur die Bekanntesten zu nennen. In anderen Unterserien tummelten sich unter anderen Manu Larcenet und Christophe Blain.

Man merkt schon, „Donjon“ ist ein Jungsding, keine einzige Frau unter den Mitwirkenden. Dafür hatten die Jungs umso mehr Spaß. Aber der war offenbar 2009 zu Ende, und mein halber Regalmeter war noch nicht voll. Sfar sprang zwar mit immer weiteren Comics in die Bresche, aber „Donjon“ habe ich vermisst. Und dann erschienen 2014 auch noch zwei Alben, die sich an einer Art Abschluss versuchten, so dass keine Hoffnung mehr zu bestehen schien, dass man auch nur vierzig Bände erreichen würde. Was für eine Enttäuschung!

Aber dann das Jahr 22 nach Beginn: Gleich im Januar kamen zwei neue Bände, und Trondheim und Sfar erklärten, sie wollten sich endlich mal wieder bei ihrer Arbeit an Comics amüsieren. Was das über ihre vielen Alben und Hefte seit 2014 aussagt, möchte man nicht wissen. Zumindest Sfar wirkte auch immer uninspirierter, Trondheim hatte mit seiner Langzeitserie „Ralph Azam“ zwar ein „Donjon“-Surrogat geschaffen, das sich aber in Langatmigkeit erschöpfte. Sie schienen jedenfalls richtig Lust aufs alte Rezept zu haben: In diesem Jahr sind bereits fünf neue Bände herausgekommen. So viel wie in den besten Jahren.

Der jüngste ist vorletzte Woche in Frankreich erschienen, wieder in der Monster-Unterserie, gezeichnet von David B. Dass der, ein alter Kumpel von Trondheim bei L‘Association und ein  früherer Mitstreiter von Sfar beim Album „Urania“, noch nicht am „Donjon“-Kosmos mitgearbeitet hatte, war eigentlich unglaublich. Zumal ihm das Phantastische liegt wie keinem anderen französische Zeichner seit Moebius: David B. ist der große Meister der Traumschilderungen im Comic. Und „Donjon“ ist ja so etwas wie ein Knabentraum. Aber Trondheim und Sfar haben ihm dann doch eine Geschichte regelrecht auf den Leib geschrieben: „Réveille-toi et meurs“ – Wach auf und stirb, oder besser neutestamentlich gelesen: Wiederauferstehe und stirb.

Diese düstere Prognose gilt Hyacinthe de Cavallère, dem gardien, also Wächter des Donjon, einer der zentralen Figuren im Zyklus. Zu Beginn des neuen Albums ist er tot, verscharrt und bereits zum Skelett zersetzt. Dann gräbt er sich heraus und trifft an der Oberfläche auf einen ganzen Zug von Skeletten, einem, veritablen Totentanz in der Manier der alteuropäischen Kunst, dem er sich anschließt, und recht bald entbrennt ein wilder Kampf mit bösen Mächten, in dem weitere Hauptfiguren aus „Donjon“ eine wichtige Rolle spielen. Wollte man ins Detail gehen, müsste man die Handlung von bislang vierzig anderen Bänden zusammenfassen. Ich verzichte lieber darauf.

Dafür sage ich: Egal, ob man schon mal einen „Donjon“-Band gelesen hat oder nicht, man setze hier wieder ein oder beginne überhaupt. Denn  wie immer bei David B. ist das Resultat eine Augenweide, ein visuelles Fest des Unheimlichen. Die Delcourt-Leseprobe der ersten vier Seiten, die man unter https://www.editions-delcourt.fr/bd/series/serie-donjon-monsters/album-donjon-monsters-t13-reveille-toi-et-meurs findet, dürfte es zur Genüge belegen. Und die deutsche Übersetzung angesichts dieses Comic-Triumvirats wohl nicht lange auf sich warten lassen, zumal der Berliner Verlag Reprodukt gleich nach der Wiederbelebung der Serie seinerseits mit den Übersetzungen losgelegt hat; der Rückstand beträgt aktuell nur zwei Alben. Ich räume schon ein paar Zentimeter mehr im Regal frei als den bislang erhofften halben Meter. Denn es wird wohl wieder ein paar produktive Jahre geben, ehe auch für „Donjon“ als Ganzes das gelten wird, was der Titel des jüngsten proklamiert: Wiedererstehe und stirb.

 


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