Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Warum denn taub, Herr van Beethoven? Blind müssten Sie sein!

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Vor etwa zwei Jahrzehnten – ich kann mich nicht genau erinnern und will es auch gar nicht – entdeckten die Comicverlage eine neue Masche: die Jugenderlebnisse berühmter Comicfiguren. Losgegangen sein mag es mit dem „Kleinen Spirou“ oder „Lucky Junior“, vielleicht haben auch die „Disney-Babys“ den Trend gesetzt, oder es war doch der einfallslose Albert Uderzo, der uns unbedingt zeigen musste, wie Obelix als Kind in den Zaubertrank gefallen ist. Egal, es war alles furchtbar. Und das meiste sind wir erfreulicherweise auch schon wieder los. Denn mehr als Albernheit kam dabei jeweils nicht heraus, und wenn wir gute Comics mit Kindern in der Hauptrolle lesen wollen, dann greifen wir zu den „Peanuts“ oder „Calvin & Hobbes“.

Oder bald zu „Goldjunge“? So vermuteten wir zumindest, als wir einen Vorabdruck daraus in der dritten Ausgabe des Kindercomicmagazins „Polle“ lasen. In „Goldjunge“ geht es um niemand Geringeren als Beethoven, allerdings beginnend mit dessen achtem Lebensjahr. Da wir in diesem Dezember den zweihundertfünfzigsten Geburtstag des Komponisten begehen, aber das mutmaßlich nicht im Konzertsaal tun dürfen, ist ein biographischer Comic doch eine hübsche Idee. Und wenn der auch noch von Mikael Ross stammt, dem mit „Der Umfall“ einer der besten deutschen Comics der letzten Jahre zu verdanken ist, kann wenig schiefgehen. Sollte man meinen.

Die knapp zwanzig Seiten aus „Polle“ gaben denn auch zu den schönsten Hoffnungen Anlass, wenn man sich auch fragen durfte, was daran wohl für Kinder attraktiv sein sollte – außer womöglich der Identifikationsfigur eines achtjährigen Knirpses, dem das Talent aus jedem Knopfloch herausschaut, was ihn gegenüber den Erwachsenen drückend überlegen macht. Aber leider noch nicht erfolgreich, und das dürfte ein Kind genauso wenig verstehen wie der kleine Ludwig des Bandes selbst. Aber wie Mikael Ross Musik zu visualisieren versteht – als schwelgerisches Träumen –, das war so schön anzusehen, dass man vermuten durfte, endlich ein synästhetisches Buch über Beethoven lesen zu dürfen. Die Leseprobe unter https://www.avant-verlag.de/comics/goldjunge/ deutet es aufs Schönste an.

Doch dann kam der fertige Comic bei mir an, mehr als 180 Seiten im Umfang, sehr stark im Stil an Christophe Blain orientiert (macht nichts, von den Besten lernen ist das Beste) und quicklebendig gezeichnet, voller Energie und Farbkraft – eine Augenweide. Aber dann liest man, und plötzlich stellen sich Kopfschmerzen ein, so banal ist das geworden. Weil es gar nicht um Musik oder die Möglichkeit, ihr Erlebnis visuell zu vermitteln, geht, sondern ums Drama des begabten Kindes. Wie oft wir das gelesen haben? Ich mag nicht zählen. Das Großartige am „Umfall“ von Ross war ja auch, dass dessen Protagonist außergewöhnlich war, aber eben nicht wegen einer klassischen „Begabung“.

Diesmal hat Ross mit der Hilfe seines bewährten Skriptdoktors Jean-Baptiste Coursaud versucht, die Erwartungen dadurch zu unterlaufen, dass es möglichst derb zugeht. Der Spaß am Skatologischen muss groß gewesen sein in den Storykonferenzen, aber der vierte oder fünfte Furz- oder Defäkier-Gag ist nicht einmal mehr ein Viertel oder Fünftel so witzig wie der erste, der es auch schon nicht wirklich war. Glaubt Ross etwa tatsächlich, dass sich sein Comic an Kinder richtet, und hält er die alle für Vier- bis Achtjährige, die ihren Spaß nur an Tabuverletzungen haben? Er hätte wohl eher an der Geschichte selbst etwas feilen sollen, die sich über vierzehn Jahre hinzieht, bis Beethoven einundzwanzig ist.

„Jugendjahre“ verheißt der Untertitel, aber das Gros entfällt eindeutig auf den schon mehr als Halbwüchsigen, der in hilfloser Faszination für schöne Frauen entbrennt und dessen Gedärm permanent zu explodieren droht. Erwachsenenstoff das eine, Kinderkram das andere, weder Fisch noch Fleisch das Ganze. Dass dann irgendwann unmotiviert auch noch die notorischen Gehörschwierigkeiten dazukommen, fällt angesichts der bis dahin exzessiv ausgebreiteten Probleme mit dem Intestinaltrakt kaum auf. Es sei denn, Ross wollte andeuten, dass Beethoven aus Scham über seine fortwährenden Flatulenzen und die ähnlich peinlichen Lautäußerungen seiner beiden jüngeren Brüder taub geworden wäre. Weiß Gott, Grund hätte er gehabt. Aber angesichts des Comics, der davon erzählt, wäre er wohl eher erblindet.

P.S.: Von Mikael Ross ist gerade auch ein dünner Comic in kleinem Schwarzweißquerformat für das Museum Europäischer Kulturen in Berlin entstanden: „Will haben“, eine gerade mal zehn Halbseiten lange Geschichte über die Verführbarkeit zum Konsum. Auch da hat Ross gut geklaut: diesmal beim Pixar-Trickfilm „Inside Out“ (auf Deutsch: „Alles steht Kopf“). Oder, das der selbst schon Diebesgut war, noch früher: bei dessen Disney-Vorbild „Reason and Emotion“ von 1943. Sprich: Wir sind im Inneren eines Menschen und sehen dessen verschiedene Körperteile im Widerstreit um die Kontrolle über seine Handlungen. Sehr nett zu lesen. Aber die Vorstellung, wir hätten im Beethoven von Ross gesessen … ein Albtraum.


1 Lesermeinung

  1. 12dry sagt:

    Es ärgert mich immer
    wenn amüsant geschriebene Texte unkommentiert bleiben.
    Wieder so ein Fall…
    ‘Gar keine Reaktion’ wäre mir als Autor zu wenig, AP unterstelle ich einfach mal dasselbe.
    Auch schön, dass ein ‘Profi’ nach einem vielversprechenden Trailer vom eigentlichen Opus enttäuscht ist – erinnert an den Programmiererwitz, in dem sich ein Verblichener nach kurzer Besichtigung des Himmels (langweilige Harfenzupfer) und der Hölle (Hoch die Tassen – und geraucht werden darf auch) für letztere entscheidet, in der dann aber alles ganz anders abläuft und der auf seine Beschwerde hin beschieden wird mit “Das war doch nur die Demo…”

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