Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Und unsere Leidenschaft ist ihnen rätselhaft

| 0 Lesermeinungen

Da sitzt man und kommt sich wunders wie originell vor. Jahrelang hatten mein Redaktionskollege Patrick Bahners und ich Artikel mit Überschriften und Bildtexten versehen, die auf Entenhausener Geschichten anspielten oder sie zitierten; schließlich war dieser Praxis, nachdem der „Spiegel“ darüber berichtet hatte, sogar von Frank Schirrmacher ein ausdrückliches Plazet erteilt worden, und plötzlich merkt man, dass das, was einem selbst so viel Vergnügen bereitet hat – Verweise in der Zeitung unterzubringen, die gar nicht allgemein als solche erkannt werden –, auch von anderen beherrscht wird. Denn irgendwann wies mich jemand darauf hin, dass sich im Feuilleton der F.A.Z. Überschriften häuften, die Formulierungen aus Tocotronic-Liedern benutzten. Ich hatte nie Platten von Tocotronic gehört, es also auch nicht bemerkt. So musste es also Lesern gegangen sein, die plötzlich mitbekamen, dass ihnen Donaldistisches untergejubelt worden war.

Wobei ja die Kunst solcher Reminiszenzen darin besteht, dass sie die Kenner erfreuen und die Ignoranten nicht ärgern. Das beherrschten die Tocotronic-affinen Kollegen mindestens so gut wie ich. Und sie machten mich neugierig auf das, was sie offenbar derart begeisterte. Nicht, dass ich zum Fan der Hamburger Band geworden wäre, aber den Reiz ihrer Texte konnte ich nachvollziehen. Und darum auch verstehen, dass auf deren Grundlage nun ein ganzer Comicband entstanden ist: „Sie wollen uns erzählen“ (einen schöneren Namen als diesen Liedtitel vom Album „Es ist egal, aber“ kann man sich nicht wünschen) , gerade erschienen in einem mir auch bislang unbekannten Mainzer Verlag namens Ventil (einen schöneren Namen kann ich mir für ein Haus, das auch Comics publiziert, gar nicht denken).

Umso vertrauter ist mir der Großteil der elf beteiligten Zeichner, genauer gesagt: Zehn von elf Zeichnern kannte ich, von Jim Avignon angefangen bis zu Philip Waechter. Nur vom letzten im Alphabet, Arne Zank, hatte ich noch nichts gelesen, und das erwies sich als wenig überraschend: Zank ist Bandmitglied von Tocotronic, wobei ich sein zeichnerisches Talent etwas unterhalb des musikalischen ansiedeln würde. Und recht weit unter dem Niveau der anderen im Buch. Aber lustig und informativ ist sein kleiner Einblick in die Bandgeschichte, als „Zugabe“ ganz ans Ende gestellt, trotzdem.

Die anderen zehn Beiträger haben sich jeweils einen Songtext ausgesucht und bebildert, vom inhaltlich visionären Titel „Digital ist besser“ aus dem Jahr 1995 bis zum 2018 veröffentlichten Lied „Electric Guitar“. Die Chronologie der Entstehung gibt auch die Reihenfolge im Buch vor. Ausgedacht und herausgegeben hat das der Popmusik-Journalist Michael Büsselberg, der auch die Mitwirkenden dafür gewann. Und unter denen ist, um das Dutzend vollzumachen, auch Dirk von Lotzow selbst, der als Sänger das Gesicht von Tocotronic ist. Zu jedem der ausgewählten Songs steuerte er einen Kommentar bei. Über die jeweiligen graphischen Interpretationen verliert er allerdings vorsichtshalber kein Wort.

Dabei sind sie alle lesenswert. Wie auch nicht, wenn Zeichnerinnen wie Moni Port, Anna Haifisch, Julia Bernhard, Katja Klengel, Eva Feuchtner oder Tine Fetz beteiligt sind? Man merkt schon: Die Frauen sind klar in der Überzahl, wobei Klengel nach einem Szenario von Christopher Tauber gezeichnet hat, so dass dann immerhin fünf Männer aus der Comicszene dabei sind: neben Tauber, Avignon und Waechter noch Sascha Hommer und Jan Schmelcher. Zank rechne ich kurzerhand nicht ein.

Leider verkneift sich der Verlag eine Leseprobe. Den umfangreichsten Einblick im Netz gewährt ein Beitrag des Bayrischen Rundfunks über den Band, bei dem man aber auch nur fünf Einzelseiten von fünf Zeichnern geboten bekommt: https://www.br.de/kultur/tocotronic-song-comic-sie-wollen-uns-erzaehlen-ventil-verlag-100.html. Das ist schade, denn aus den Geschichten spricht eine Liebe zu den jeweiligen Songs, die weit mehr über die Faszination durch Tocotronic aussagt als jeder Fan- oder Fachmann-Artikel. Und in die von dem Comic-Journalisten Jonas Engelmann (plötzlich sind dann doch wieder die Männer in der Überzahl) geschriebenen kleinen Porträts der Zeichner fließt jedes Mal auch eine kleine Bemerkung über das Verhältnis der jeweils Porträtierten zu Tocotronic ein.

Ein Band also, der aus Liebe entstanden ist. Und augenblicklich ein Lieblingsband von mir. Notabene: ein Lieblingsband. Damit Tocotronic eine Lieblingsband werden, muss noch etwas mehr passieren.

 


Hinterlasse eine Lesermeinung