Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Wundervoll schreibt sich hier nicht nur anders

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Die französische Comicautorin Camille Jourdy war gerade einmal dreißig Jahre alt, als sie 2010 ihre Trilogie „Rosalie Blum“ abschloss und dafür in Angoulême ausgezeichnet wurde. Zu Recht, denn diese Geschichte, die auf Deutsch als dicke Sammelausgabe bei Reprodukt erschien, war so lebensklug, dass man es einer so jungen Zeichnerin kaum zutrauen mochte. Fortan war Jourdy eine der großen Hoffnungen des französischen Comics.

Dann warteten wir fast zehn Jahre auf ein Nachfolgeprojekt, zumindest in Deutschland, wo ihr zweiter Comic, die sehr ambitionierte Geschichte „Juliette“, 2016 einfach ausgelassen wurde. Inzwischen durften wir auf Camille Jourdys Blog zahlreiche illustrative Projekte bewundern (http://camillejourdy.canalblog.com/), aber das war kein Trost. Bis dann 2019 in Frankreich ihr dritter Comic erschien: „Les Vermeilles“. Dieser Band ist nun in der ganz wundervollen Übersetzung als „Die Vunderwollen“ (Vermeilles ist ein buchstabenverdrehtes „merveilles“, eben die Wunderbaren) auch auf Deutsch, wieder bei Reprodukt, herausgekommen ist. Große Vorfreude – und große Enttäuschung.

Auch deshalb, weil man auf Jourdys Blog einige Proben aus der Geschichte hatte sehen können, die sehr gelungen wirkten. Aber als Ganzes, über 150 meist kleinteilige Seiten hinweg, erweist sich die Fantasygeschichte als Versammlung etlicher Klischees (sprechende Tiere, dunkler Wald, böse Herrscher, tiefe Verliese, herzige Hexen) einer Parallelwelt, in die das ungebärdige Mädchen Jo ganz zufällig gerät, als es einem zwergenhaften, aber arroganten Reiterpaar folgt, das zu einem Treffen multikulturellen Widerstandsgruppe gegen den üblen Kaiser Kater unterwegs ist. Man erkennt das Vorbild leicht: „Alice im Wunderland“. Nur leider macht Jourdy nichts aus dieser überoffensichtlichen Übernahme, so dass man das schale Gefühl bekommt, sie wolle eher kaschieren als honorieren, bei wem sie da geklaut hat.

Dabei hätte Lewis Carroll so viele Möglichkeiten für ironische oder auch ganz ernsthafte Bezüge geboten, aber die Grenzen von Camille Jourdys Erzähltalent werden hier  gnadenlos offengelegt. Sie liegen in der Fähigkeit, für Kinder zu schreiben. „Die Vunderwollen“ richten sich eindeutig an ein junges Publikum, aber die Qualität guter Jugend- oder Kinderbücher erkennt man daran, dass sie allen Generationen gefallen. Hier werden Erwachsene angesichts der Albernheit der Handlung und der banalen Schwarzweiß-Charakterisierung der ach so bunt wirken sollenden Figuren wenig Vergnügen finden. Und dass es Kindern wesentlich anders gehen wird, wage ich zu bezweifeln. Von den Längen des Geschehens, die den Band eher wie ein zweihundertfünfzigseitiges Buch wirken lassen, ganz zu schweigen.

Was ist der Autorin widerfahren? Nun, sie wollte ein neues Segment bedienen, aber reiner Wille begründet noch keine Fähigkeit. Schön sind Jourdys Zeichnungen nach wie vor, kaum jemand aquarelliert so gekonnt wie sie. Aber der Zauber dieser unwirklichen Farbtransparenz entafltet sich besser in Alltagsgeschichten wie „Rosalie Blum“ und „Juliette“. In einer Märchenwelt wie in „Die Vunderwollen“ wirft man damit dagegen mit der Wurst nach der Speckseite. Und erzählerisch? Ob Jourdy wohl dachte, dass gute Erwachsenenbücher auch fürs Kindergeschichtenerzählen prädestinieren? Dann wäre sie einem gängigen Irrtum aufgesessen. Aber das hätte ihr Verlag ja auch merken können.

Und warum hat Reprodukt den Vorgängercomic nicht übersetzt, diesen viel schlechteren aber schon? Weil der Verlag seit einigen Jahren eine attraktive Marktlücke erschlossen hat: Kindercomics. Großartige Bände sind da erscheinen, allen voraus Luke Pearsons „Hilda“-Reihe, aber auch die charmanten Bestseller um den kleinen Esel „Ariol“. Aber Erfolg macht offensichtlich auch Verleger blind. Schade fürs Profil des Reprodukt-Kinderprogramms.

 

 


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