Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Freude ist ein kleines Wort mit großer Wirkung

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Allmählich wird man literarische Verlage, die noch keinen Comic im Programm haben, mit der Lupe suchen müssen. Jetzt hat auch Wallstein in Göttingen einen verlegt, „Black Box Blues“ von Ambra Durante, und man darf wohl sagen, dass es Liebe auf den ersten Blick gewesen sein muss, denn der Verlag hat die Autorin in diesem Jahr geradezu zu seiner Hauszeichnerin gemacht: Erst fertigte sie Titelbild und einzelne Illustrationen zum neuen Roman von Thomas Brussig an, und dann sieht man jetzt auch gezeichnete Corona-Durchhaltemaximen, die Wallstein dem Buchhandel zur Verfügung gestellt hat, aus ihrer Feder.

Das alles wäre gar nicht überraschend, wenn es sich bei Ambra Durante bereits um eine etablierte Comiczeichnerin handelte. Aber ihr „Black Box Blues“ ist das Werk einer Debütantin, geboren 2000 in Genua, also gerade einmal zwanzig Jahre alt, und bereits seit 2007 in Berlin ansässig. Wie sehr ihr Comic den Verleger Thedel von Wallmoden beeindruckt haben muss, kann man einem eigens angefügten Nachwort entnehmen, das zu dem Fazit gelangt: „Dieses Buch hilft, Menschen in derartigen Situationen zu verstehen.“

Welcher Situationen? Depressionen. Das Wort fällt nie in „Black Box Blues“, aber Ambra Durante kennt diesen Zustand leider offenbar nur zu gut. Ihre Geschichte um eine junge Frau – eigentlich mehr eine Sammlung von Seelenzuständen als eine Erzählung – macht keinen Hehl aus dem existenziellen Anliegen, das man nicht einfach als Selbsttherapie abtun sollte. Vielmehr ist es Selbsterkundung. Und Selbstbewusstseinswerdung. Das Mädchen mit den kugelrunden riesigen Augen, die so staunend-skeptisch in die Welt blicken, spricht uns dabei direkt an. Ihren Namen nennt sie nicht, aber ihre Ich-Perspektive ist tief persönlich gefärbt.

Schwarzweiß ist der Band, und wir könnte es anders sein bei einer Perspektive, die nur Todessehnsucht oder Lebensbejahung kennt? Unter https://www.book2look.com/book/5UwyQ4PC1h&euid=132185105&ruid=0 kann man sich die ersten Seiten des Buchs ansehen, und natürlich fällt auf, wie kindlich der Strich ist. Aber zugleich besitzt Ambra Durante ein offenbar instinktives Verständnis für graphische Symbolsprache, ihre Visualisierungen von Enttäuschung und Tristesse sind unmittelbar einleuchtend und nicht an Vorbildern orientiert, die bei einer Comic-Kennerin nahegelegen hätten: David B. vor allem. Was der französische Meisterzeichner mit seiner weltkulturell grundierten Bildersprache an Virtuosität vorführt, ist bei Ambra Durante nicht zu finden: Ihre Ich-Erzählerin ist vor der Leserschaft ganz auf sich gestellt, ungeschönt und ungebärdig, keine kunstgeschichtliche Kompetenz schafft Entlastung oder gestattet die Flucht ins Ästhetische, die bei David B. als notwendiger Rettungsanker in einem Meer von Traurigkeit dient.

„Black Box Blues“ deutet im Titel an, was uns gezeigt wird: ein gezeichneter Trauergesang über die Unzugänglichkeit eines individuellen Gemüts, das Trost sucht, aber ihn nur bei sich finden kann. Für die Glücklichen unter uns, die noch nichts mit Depressionen zu tun hatten, ist dieser Einblick in eine derart nachtschwarze Welt in der Tat erhellend – und man möchte hoffen, dass das Interesse an dem Buch und auch schon die Arbeit daran für die Autorin etwas Ähnliches bedeutet hat.

Die quadratischen Seiten sind jeweils bis an die Ränder gefüllt mit einer dichten dunkel hinterfangenen Seitenarchitektur, die ein klaustrophobisches Gefühl vermittelt, und doch gibt es immer wieder fast strahlend weiße Seiten, die ein Gefühl von Freiheit suggerieren, aber meist ist es eine Leere, aus der sich die Protagonistin gerade lösen will. Erst ziemlich zum Schluss, als sich das Mädchen wieder einmal ins Musikhören flüchtet, zeichnet Ambra Durante ihr Alter Ego ganz klein an den unteren Rand einer Seite und setzt in die weite weiße Fläche darüber nur das Wort „Freude“. Und ganz am Ende packt sie die titelgebende Black Box in einen dunklen Schrank. Wir dürfen uns Ambra Durante in diesem Moment als einen glücklichen Menschen vorstellen.


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