Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Guter Grusel

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Irgendwo muss der Reprodukt Verlag ein Nest mit exzellenten Kindercomics  aufgespürt haben. Wozu braucht er also viertelgeglückte Comic wie die unlängst an dieser Stelle bemängelten „Vunderwollen“, wenn er doch gleichzeitig „Die geheimnisvollen Akten von Margo Maloo“ ins Programm nimmt? Nun ja, Camille Joudry ist seit ihrer gefeierten „Rosalie Blum“ eine große Nummer im internationalen Comic, da muss Drew Weing erst einmal hin.

Aber das Zeug hätte der amerikanische Zeichner dazu. Nur ist der Weg über Kindercomics dorthin steinig. Das Genre ist noch immer jung, in Deutschland kümmert sich kaum jemand darum außer Reprodukt. Carlsen immerhin ein bisschen, Klett Kinderbuch auch. Aber wenn man sieht, was für eine Aufmerksamkeit etwa Anke Kuhl mit „Manno!“ gefunden hat oder Luke Pearsons „Hilda“-Serie, die mittlerweile auch animiert bei Netflix läuft, dann fragt man sich, warum nicht alle Talentsucher auf diesem Feld unterwegs sehen.

Und dann stießen sie auf Weings  „Margo Maloo“. Aber dafür hat es selbst bei Reprodukt vier Jahre gebraucht, denn solange gibt es den Band schon auf Englisch (der übrigens den hübscheren Titel „The Creepy Case Files of Margo Maloo“ trägt – gruselige Akten klingen noch besser als geheimnisvolle, finde ich). Und die Serie, die denselben Namen hat, noch etwas länger: seit 2014 als Webcomic. Da sage niemand, aus dem Netz käme nichts Vernünftiges!

Wobei „vernünftig“ ein Kategrorienfehler wäre, wenn es um Margo Maloo geht. Hier ist alles irrational,  denn die Handlung der jeweils knapp zwanzig Seiten langen Abenteuer, deren drei den Band bilden, führt ins Geisterreich. Das Ehepaar Thompson ist mit seinem etwa achtjährigen Sohn Charles von außerhalb nach Echo City umgezogen, in ein neues Appartement, das sich im riesigen Backsteinkomplex eines ehemaligen Hotels befindet. Außer den drei Neuankömmlingen wohnt da noch der mit Charles gleichalte Sonderling Kevin mit seiner Oma – und eine große Schar an Ungeheuern unterschiedlicher Duldsamkeit. Die meisten sind sehr unduldsam. Gemäß der amerikanischen Kindertradition der Furch vor Monstern unter dem Bett werden in dem Comic auch alle Ungeheuer als Monster bezeichnet.

Auftritt für Margo Maloo, Monster-Mediatorin. Durch Kevins Vermittlung lernt Charles das etwas ältere Mädchen kennen und schätzen: als furchtlose Kennerin von Ungeheuern, die zu diesen überdies beste Beziehungen unterhält – eine echte Mittlerin also zwischen Tag- und Nachtwelt. In jeder Episode wird ein neues unheimliche Geheimnis von Echo City gelüftet. Diese Stadt erinnert stark an New York erinnert, aber Viertel mit so schönen Namen wie Haberdash, Egbert Gardens oder The Wallet finden sich nur in Echo City.

Graphisch beschwört Weing mit seinen schönen runden Formen und den warmen Farben den frühen Robert Crumb herauf – natürlich ohne dessen Sarkasmen oder Anzüglichkeiten. Margo Maloo allerdings ist eine ganz moderne Mädchenfigur: stark, selbstbewusst, und dass sie Gesichtszüge hat, wie wir sie aus Vampircomics kennen (etwa Joann Sfars „Grand“ und „Petit Vampire“), macht sie nur noch interessanter. Wenn sie auf den Feuertreppen der alten Häuser herumturnt, wirkt sie in ihrem langen blauen Umhang wie Batman. Davon sieht man aber auf der Leseprobe des Verlags mit dem Anfang des Albums noch nichts: https://www.reprodukt.com/Produkt/margo-maloo/die-geheimnisvollen-akten-von-margo-maloo/, denn es dauert schon ein Weilchen, bis die Titelheldin endlich ins Geschehen eingreift.

Weing weiß also genau, was er tut, welche Klischees er bedienen muss, um allen Lesergenerationen etwas zu bieten. Wobei das Identifikationspotential bei Kindern schon am größten sein wird, und zwar beiderlei Geschlechts, denn Mädchen werden in Margo ebenso ein Vorbild finden wie Jungen in Charles, obwohl der einigermaßen tapsig daherkommt. Aber er hat das Herz auf dem rechten Fleck und ist abenteuerlustig, und wer möchte schon so siebengescheit sein wie Margo Maloo? Jungs ganz sicher nicht.

Die Mädchen bekommen dafür eine echte Protagonistin, die eben nicht nur siebengescheit, sondern auch schlau und gewitzt ist. In den Vereinigten Staaten sind schon zwei Bücher draußen (im zugegebenermaßen noch schöneren Querformat mit jeweils 120 statt wie nun im Deutschen sechzig Seiten Comics), und Drew Weing weiß nicht nur, was er tut, sondern auch, was er an Margo hat. Und an Charles, Kevin und den Monstern. Ein wunderbares Team an Außenseitern nämlich, und das passt toll in unsere Zeit. Kein Wunder, dass die Figuren gerade auf Weings Homepage https://www.drewweing.com/ zur Unterstützung von Black Lives Matter aufrufen. Ach ja, und noch ein Letztes: Die Ungeheuer sehen ungeheuer gut aus.


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