Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

So sieht Unendlichkeit aus

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Jedes Jahr stellt sich Marc-Antoine Mathieu einer neuen Aufgabe, und damit tritt er jedes Mal gegen sich selbst an. Denn er will Comics auf eine Weise erzählen, die es so noch nicht gegeben hat, nur verkleinert er damit auch jedes Jahr die eigenen Möglichkeiten, es zu tun. Trotzdem hat er es Jahr für Jahr geschafft, und 2020 ist keine Ausnahme. Diesmal heißt das Album „L’Hyperrêve“ – der Hypertraum. In Frankreich ist es im November erschienen.

Damit ist für Kenner klar, dass Mathieu nach langer Pause zu seiner bekanntesten Figur zurückgekehrt ist: Julius Corentin Acquefacques, dem „Gefangenen der Träume“, wie sein Beiname lautet. Vor dreißig Jahren hat der damals einunddreißigjährige französische Zeichner dessen erstes Abenteuer erzählt, und es war sofort klar, dass man so etwas noch nie gesehen hatte: schwarzweiße Klaustrophobie, Wiederholungsschleifen, Surrealismus – es war, als ob Kafka Comiczeichner geworden wäre, und sehr schnell hatten findige Interpreten herausgefunden, dass der Name Acquefacques, wenn man ihn phonetisch notierte, Akfak lautet – Kafka rückwärts geschrieben. Auch das ein typischer Mathieu-Trick, nur kannte man seine Spielweise damals noch gar nicht.

Das neueste ist nun das siebte Album um Acquefacques, und geändert hat sich alles und nichts. Wieder einmal beginnt alles in dem kleinen Verschlag, den der kleine Angestellte im Ministerium für Humor bewohnt. Wieder einmal sorgt der wenig skrupulöse Nachbar Hilarion zuverlässig für Belästigung, und vor allem sind alle Akteure – als Dritter stößt der Professor zu dem Duo – wieder in einer Traumwelt gefangen, die alle Gesetze der Physik und der Literatur außer Kraft setzt. Bis auf eines: das Mathieusche Gesetz „Du sollst dich nicht wiederholen“. Ein Paradox bei einer Serienfigur und dem ewiggleichen Schauplatz.

Aber Mathieu stellt sich eben jede Mal eine neue erzählerische Aufgabe. Er ist der wahre Comicautor im Geist des Oulipo, jenes „Ouvroir de la Littérature Potentielle“ (Werkstatt für mögliche Literatur), die französische Schriftsteller 1960 ins Leben gerufen haben. Ihr Ausgangspunkt waren selbstbestimmte Regeln, die die übliche Freiheit beim Schreiben einschränkten, um dadurch andere Texte zu erhalten als üblich. Das berühmteste Beispiel, umgesetzt von Georges Perec, war der Roman, der ohne den Buchstaben E auskommen musste. Als in den neunziger Jahren von einigen Comicautoren des Verlags l’Association der Oubapo (Ouvroir de la Bande dessinée Potentielle) ins Leben gerufen wurde, war Mathieu nicht mit dabei. Dabei ist er der Meister der Selbstbeschränkung im Comic.

Diesmal lautet die selbstgewählte Aufgabenstellung: Zeichne die Unendlichkeit. Das scheint erst einmal keine Selbstbeschränkung, sondern eine Überschreitung aller Grenzen des Erzählens. Aber Mathieu nimmt den Auftrag wörtlich und beginnt das zu variieren, was Unendlichkeit ausdrücken kann: das Wort selbst etwa (im Französischen „infini“), um das herum er auf fünfzig Seiten zahlreiche Wortspiele macht. Oder das mathematische Symbol für Unendlichkeit, die gekippte Acht. Die Mathieu als Moebiusband in seinen Comic einzeichnet, also jene geometrische Fläche, auf der man jeden Punkt erreichen kann, ohne jemals die Grenze zwischen Vorder- und Rückseite des Bandes zu überschreiten. Auch das eben ein unendliches Gefangensein im zweidimensionalen Raum – der Domäne des Comics. De Leseprobe des Verlags Delcourt bietet leider nur die ersten vier Seiten, gibt aber auch schon einen Ausblick in die Darstellung der Unendlichkeit mittels einer Mise en abyme: https://www.editions-delcourt.fr/bd/series/serie-julius-corentin-acquefacques/album-julius-corentin-acquefacques-t07-l-hyperreve.

Wem das alles bislang viel zu verrätselt ist, der sollte gar nicht erst auf die deutsche Übersetzung warten. Wer dagegen Mathieus Werk liebt – und wie könnte man das nicht, wenn man Comics liebt? –, der wird darauf nicht warten wollen. Nun ist leider das Reflexionsniveau dieser Geschichten so hoch, dass ich allemal mit dem französischen Original überfordert bin – zumindest, was den Text angeht. Aber da sind ja noch die Zeichnungen. Oder sagen wir besser: die Seitenarchitektur. Denn Mathieu denkt immer von der ganzen Seite her.

Eben sprach ich von fünfzig Seiten im Album. Das ist geschwindelt, auch wenn Matheiu sie durchnumeriert hat, aber hinter der Seitenzahl 45 steht zum Beispiel ein Fragezeichen. Zu Recht, denn die vorangegangene ist eine Ausklappseite, die man dreifach entfalten muss, wobei jeder noch zugeklappte Zustand für sich logisch zu lesen ist und eine Vorstufe zum jeweils nächsten aufgeklappten darstellt. Wie haben es auf Seite 44 somit eigentlich mit vier Seiten zu tun.

Und vorher gab es schon die Seite 41, die sogar aus einundzwanzig Seiten besteht, nämlich darauf eingeklebten zehn Blatt, die immer kleiner werden und wie ein eigenes Heft gelesen werden können. Dass Mathieu sie separat numeriert, nämlich von 41.1 bis 41.990, ist als mathematische Annäherung an Seite 42 zu verstehen: Je kleiner die Seiten, desto winziger die Zwischenschritte auf dem Weg zur 42. Dass sich auf den zwanzig Zwischenseiten eine Reise der drei Hauptfiguren durch ein schwarzes Loch abspielt, in dem bekanntermaßen Materie, Raum und Zeit auf höchste verdichtet werden, ist im Kontext von Mathieus „Hypertraum“ nur konsequent.

Genug davon, man könnte jeder Seite eine ausufernde, aber auch eine aufs Höchste verdichtete Analyse angedeihen lassen. Es würde sich lohnen, aber mutmaßlich auch abschrecken. Am besten nimmt man sich Mathieus Alben nach ein paar Monaten wieder vor, um dann festzustellen, dass die Erinnerung getrogen hat und man plötzlich ganz andere Kunstgriffe im Zentrum des Geschehens wahrnimmt. Es ist tatsächlich wie in einem Traum, der keiner gängigen Logik folgt. Traumhaft.


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