Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Kriegserklärung an die verlegerische Nachlässigkeit

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Die ersten Tage des neuen Jahres habe ich im Kriegszustand verbracht. Lesend, denn der neue Band des japanischen Manga-Altmeisters Shigeru Mizuki erzählt vom Zweiten Weltkrieg im Pazifik. Und vergleichend, denn vieles in diesem Band namens „Kriegsjahre“ kam mir sehr bekannt vor. Das ist einerseits simpel zu erklären, denn er ist identisch mit dem schon vor acht Jahren erschienenen zweiten Band der französischen Trilogie „Vie de Mizuki“ (man musste ja bis nach dem Tod Mizukis im Jahr 2015 warten, ehe der Reprodukt Verlag seine bereits lang zuvor angekündigte Serie von deutschen Übersetzungen endlich begann), und der Großteil der immerhin 470 Seiten von „Kriegsjahre“ findet sich auch noch in den Bänden 2 und 3 der vor sechs Jahren erschienenen englischsprachigen Tetralogie „Showa – A History of Japan“. Wer Mizuki liebte und kein Japanisch sprach, musste sich eben jahrzehntelang in anderen westlichen Sprachen als der deutschen herumtreiben.

Aber damit noch nicht genug. Einige Episoden der Handlung von „Kriegsjahre“ waren auch schon auf Deutsch zu lesen: in dem erst vor zwei Jahren auch bei Reprodukt herausgekommenen Manga „Auf in den Heldentod!“ Mizuki (oder sein Verlag) verwendete dabei sogar dieselben Seiten. Darum also der Eindruck, etwas schon längst Bekanntes zu lesen.

Das alles ist legitim, zumal wenn es sich um einen derart grandiosen Zeichner handelt und der Stoff so eindrucksvoll in seinem Schrecken ist wie die autobiographischen Kriegserlebnisse des 1922 geborenen Shigeru Mora, der in den Nachkriegszeit den Künstlernamen Mizuki annehmen sollte. Aber gehörte es sich nicht für seinen Verlag, auf solche Überschneidungen zumindest hinzuweisen? Bei „Auf in den Heldentod“ gab es eine Einführung und ein Nachwort, dazu Anmerkungen, alles jeweils übernommen aus anderssprachigen Ausgaben. Zur Zusammenstellung des Bandes aber fand sich kein Wort. Und in „Kriegsjahren“ hat man sich nun einfach jegliche Vor- oder Nachbemerkung gespart, und die kläglichen fünf Seiten mit Anmerkungen weisen ganz überwiegend falsche Seitenzahlen auf, einmal ist sogar ein Hinweis um rund hundert Seiten verfrüht eingerückt worden. Wer auch immer die Bände bei Reprodukt (immerhin ja der renommierteste deutsche Autorencomicverlag!) betreut, er gibt sich sehr wenig Mühe, und offenbar wird am Schluss noch nicht einmal Korrektur gelesen. Editorisch ist „Kriegsjahre“ ein Offenbarungseid.

Erzählerisch dagegen eine Offenbarung (eine Leseprobe ist unter https://www.reprodukt.com/Produkt/manga/shigeru-mizuki-kriegsjahre/ zu finden). Aber das macht den verlegerischen Umgang mit diesem Meilenstein doppelt kläglich, zumal in der deutschen Ausgabe auch der in der französischen noch zu findende Hinweis fehlt, dass rund fünfzig Seiten nicht mehr nach Mizukis Originalen reproduziert werden konnten, weil sie verloren sind, sondern – von wem auch immer – auf Grundlage der japanischen Heftabdrucke nachgezeichnet werden mussten – was man bisweilen überdeutlich sieht. Deutsche Leser dürften sich wundern, dass ein weltberühmter Zeichner qualitativ derart abfallen kann, aber der Verlag nimmt seinen Autor nicht durch Offenlegung der Überlieferungslage in Schutz. Es interessiert ihn offenbar gar nicht, wie es um den Status von „Kriegsjahre“ bestellt ist. Und dafür hat man sich dann jahrelang Zeit gelassen.

In der amerikanischen „Showa“-Serie (das Wort bezeichnet die Herrschaftszeit von Kaiser Hirohito, also die Jahre von 1926 bis 1989) ist noch genau die Kapiteleinteilung von Mizukis Fortsetzungserzählung erhalten, inklusive ganzseitiger Splashpanels, die zu Beginn einer neuen Episode die Aufmerksamkeit der Leser bannen sollten. Sie entfielen schon in der französischen und nun auch in der deutschen Ausgabe, wodurch manche Handlungsverläufe konfus wirken, weil Mizuki bisweilen in den Fluss der eigenen Erlebnisse als Soldat im Pazifik Parallelerzählungen übers Leben seiner Familie in Japan und über die großen politischen Entwicklungen der damaligen Zeit einflocht. Die sind für „Kriegsjahre“ zum Teil drastisch gekürzt worden, aber doch noch soweit erhalten geblieben, dass man als Leser extreme Sprünge bei Lokalitäten und Chronologie nachvollziehen muss. Durch die Beseitigung des vom Publikationsschema der Manga-Magazine, in denen Mizuki veröffentlichte, erzwungenen Episodencharakters ist die Lektüre nun ungleich komplizierter geworden, obwohl damit wohl eine möglichst homogene Handlung geboten werden sollte. Dass unter den gestrichenen Seiten viele höchst eindrucksvolle sind, sei nur nebenbei bemerkt. Wer also den wirklichen Mizuki kennenlernen will, der lese „Showa“.

Das grundlegende Versäumnis ist nicht Reprodukt anzulasten, denn der deutsche Verlag übernahm einfach die französische Vorarbeit, und angeblich beruht die wiederum auf einer noch älteren japanischen Ausgabe. Besser wird das Ergebnis aber dadurch nicht, und die Verschleierung geht soweit, dass als Original der übersetzten deutschen Ausgabe nun ein 2019 in Japan erschienener Band genannt wird, obwohl wie gesagt die französische Version schon 2013 erschienen ist, während die amerikanische „Showa“-Serie korrekt darauf verweist, dass die japanische Vorlage aus dem Jahr 2001 stammt (die Sammelbände zumindest, denn die einzelnen Kapitel erschienen noch früher). Was ein Chaos der Überlieferung bei einem der Großwerke des internationalen Comics! Und Reprodukt hat die Chance verschlafen, ein bisschen Klarheit hineinzubringen. Vor allem aber die eigenen Leser wenn schon nicht vor der Enttäuschung zu bewahren, dass man einzelne Teile des neuen Buchs erst vor kurzer Zeit anderswo gelesen hat, so ihnen denn doch wenigstens zu erläutern, warum das so ist. Mizuki hat sein eigenes Leben immer wieder neu arrangiert, so auch einzelne Handlungsstränge und Seiten. Das kann man doch einfach mal kurz sagen. Das neue Jahr fängt leider nicht gut an. Und dass bei einem derart atemraubenden Manga.


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