Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Der Wille zur Dokumentation des Bösen

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Neunzehn Jahre alt war Susanne Schuller, als sie aus Ungarn ins Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert wurde. Dort zeichnete sie für ihre Mutter ein Bildertagebuch, das jetzt reich kommentiert auf Deutsch erscheint. Kein Comic, und doch lässt sich einige Verwandtschaft erkennen.

Wie geht man als Kritiker mit einer Bildergeschichte um, die teilweise im Konzentrationslager Bergen-Belsen entstand, gezeichnet von einer jungen Frau, die glücklicherweise überlebte, aber deren Verwandte nicht? Der Bruder starb unter ungeklärten Umständen als Deportierter in deutschem Gewahrsam, die Mutter, für die die Geschichte angefertigt worden war, ist im Ghetto umgekommen – wegen fehlender medizinischer Versorgung. Dass die Autorin, Zusuza Merényi, nach der Räumung des KZ Bergen-Belsen, in das sie aus Budapest deportiert worden war, und der Befreiung durch die Rote Armee in einem brandenburgischen Dorf, noch eine Typhuserkrankung überstand, kann man ein Wunder nennen. Von all dem erzählt die Bildergeschichte.

Wie hat so etwas überhaupt zustande kommen können, und wie hat es sich erhalten? Aus dem südfranzösischen Deportationslager Gurs kennen wir den berühmtesten Fall eines solchen Comics: „Mickey au Camp de Gurs“, eine kurze Geschichte des dort als Siebenundzwanzigjähriger gefangengehaltenen deutschen Juden Horst Rosenthal, den die nationalsozialistischen Häscher im Exil ergriffen hatten und 1942 dann in Auschwitz umbrachten. Das war eine eskapistische Phantasie mit Walt Disneys Micky Maus als Hauptfigur und herzzerreißend. Da das winzige Heft in Gurs verblieb, zeugt es heute von seinem Zeichner.

Zsuzsa Merényi, geboren 1925, war Ungarin, allerdings in Deutschland geboren: als Susanne Schuller, Kind einer protestantischen Familie, deren jüdische Urgroßeltern sich hatten taufen lassen, schon im neunzehnten Jahrhundert. Um der Verfolgung im antisemitischen Wahnsystem der Nazis zu entgehen, reichte das nicht aus, doch die Familie Schuller (neben Susanne deren Eltern und die beiden älteren Geschwister Lea und Stefan) erkannte die Zeichen der Zeit früh und zog bereits 1934 nach Budapest, wo Lea zuvor eine Tanzausbildung begonnen hatte. Der Vater starb schon 1937, doch der Rest der Familie lebte bis 1944 einigermaßen unbehelligt. Dann begann auf deutschen Druck auch die Hetze auf Juden in Ungarn, und die Schullers wurden getrennt; Susanne kam gemeinsam mit der Schwester nach Bergen-Belsen. Ihr „Bildertagebuch“, wie der Verlag es nennt, zeichnete sie als Chronik für die in Budapest verbliebene Mutter, weshalb es inhaltlich auf Schonung bedacht ist. Die erzählten Episoden sind nie drastisch, lassen das Gewaltregime im Lager aber dennoch deutlich werden. Das Böse wird selbst in dieser bewussten Zurücknahme noch dokumentiert.

Von Dezember 1944, dem Monat der Deportation, bis zur Rückkehr nach Budapest im Sommer 1945 entstehen dreißig Seiten, zunächst meist als kleine Bilderblöcke, die dann ausgeschnitten und auf das größere Karopapier eines Notizblocks aufgeklebt und manchmal auf den Rändern durch zusätzliche Bilder erweitert werden. Für eine neunzehnjährige junge Frau ist die Darstellung stilistisch naiv ausgefallen, aber wenn man die Umstände der Entstehung bedenkt, ist die Leistung erstaunlich genug. Mit normalen Maßstäben ein solcher Comic nicht zu messen.

Comic im vertrauten Sinne aber ist die Geschichte schon deshalb nicht, weil weder in den wenigen Kinderjahren, die Susanne Schuller in Deutschland erlebte, noch in der darauffolgenden Jugendzeit in Ungarn viele Comics zu lesen gewesen wären. Nur im französischsprachigen und italienischen Raum war die amerikanische Erfindung bereits erfolgreich; das „Bildertagebuch“ orientiert sich also an anderen Vorbildern, die eher Bilderbuchtraditionen folgen, wenn es etwa ums Arrangement der Texte in den Panels geht. Andererseits ist ein Wille zur Seitenarchitektur zu erkennen, der über die Üblichkeiten europäischer Bildergeschichten weit hinausgeht (eine Leseprobe bietet der Verlag leider nicht an, aber eine Seite ist unter https://blog.befreiung1945.de/befreiung-von-haeftlingen-aus-dem-kz-bergen-belsen-in-troebitz/ zu besichtigen). Susanne Schuller war ein Naturtalent des Comics.

Ihre Geschichte brachte sie mit nach Budapest, doch die Mutter war tot. Später wurde die junge Frau Tänzerin, wie ihre Schwester, und unter ihrem 1946 hungarisierten Namen Zsuzsa Merényi sollte aus ihr eine der bedeutendsten Ballettlehrerinnen in Ungarn werden. Sie starb 1990. Dass nun bei Wallstein ihr gezeichnetes Tagebuch erschienen ist, unter dem Titel „Das Lager im Bild“ mustergültig faksimiliert, aus dem Ungarischen übersetzt und vor allem reich durch historische und biographische Texte eingeleitet, ist eine späte Großtat, die sich vor allem den Nachkommen verdankt und dem Engagement der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. Wallstein hat zwar gerade kürzlich seinen ersten Comic ins Verlagsprogramm genommen („Black Box Blues“ von Ambra Durante, einer Zeichnerin, die, wie’s der Zufall will, kaum älter ist, als es Susanne Schuller 1945 war; in diesem Blog auch schon gewürdigt: https://blogs.faz.net/comic/2020/12/14/freude-ist-ein-kleines-wort-mit-grosser-wirkung-1657/), doch die Publikation von Zsuzsa Merényis Geschichte verdankt sich nicht einem starken Willen zur Comic-Expansion, sondern der langen Reihe von Publikationen zur Schoa . Aber wenn nun beides zusammengekommen ist, darf man vielleicht noch auf weitere überraschende Funde hoffen. Die Kraft, auch noch in den schlimmsten Zwangslagen, in Bildern zu erzählen, ist offenbar eine universelle.


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