Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Mittelmangameisters Spitzenwerk

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Der Datsun Sunny ist ein japanisches Äquivalent zum VW Golf: jahrzehntelang gebaut, millionenfach verkauft. Und also auch millionenfach verschrottet. Ein Wrack dieses Typs steht auf dem Nachbargrundstück des Kinderheims „Star Kids“, und wenn die Insassen des Heims sich wegträumen wollen aus ihrer Umwelt, dann setzen sie sich auf den Fahrersitz, und das Autor wird zum Flugkörper. Oder auch einfach nur wieder fahrtüchtig, und plötzlich ist man auf den tollsten Verfolgungsjagden. Natürlich alles in der Phantasie.

So ist das herrenlose Auto Treff- und Bezugspunkt für die Kinder, und deshalb gibt es auch einer ganzen Mangaserie seinen Namen: „Sunny“, geschrieben und gezeichnet in den Jahren 2010 bis 2015 von Taiyo Matsumoto, einem, sagen wir mal, Mittelmangameister, denn der 1967 geborene Zeichner ist zwar schon lange im Geschäft, aber seine Geschichten sind in Japan keine Renner. Das liegt daran, dass Matsumoto höchst anspruchsvoll erzähl und auf eine Weise zeichnet, die leicht europäisch beeinflusst ist. Immer wieder ist beschrieben worden, wie er noch als ganz junger Mangaka auf einer Europareise in den späten achtziger Jahren von Prado, Bilal und Moebius beeinflusst worden sein soll. Mag sein, aber den Moebius-Einfluss sieht man etwa bei Jiro Taniguchi viel deutlicher (von deren Kooperation bei „Ikarus“ ganz zu schweigen), Bilals Brutalismus in der Figurengestaltung seiner Achtzier-Jahre-Geschichten ist bei Matsumoto gar nicht vorhanden, und an Prado mögen manche Figurensilhouetten erinnern (in „Sunny“ vor allem die von Junsuke), aber genauso gut könnte man Egon Schieles Vorbild dahinter vermuten. Und Matsumoto erzählt bei aller Faszination für westliche Darstellungsweisen doch japanische Geschichten.

Es ist also ein bisschen wie mit dem Datsun Sunny darin. Seitlich am Heck hat dieses Autowrack einen Schriftzug mit dem Typennamen in westlicher Schreibweise, aber dort liest man „Suny“. Ob das ein Gag von Matsumoto ist oder tatsächlich ein realer Fehler des Nissan-Konzerns war, vermag ich nicht zu sagen, aber die Bemühung, dem Erscheinungsbild einer anderen Kultur zu entsprechen, kann nur immer in den Grenzen des eigenen kulturellen Hintergrunds erfolgen. Das macht ja auch den Reiz der Sache aus. Im europäisch angehauchten „Sunny“ (dem Comic, nicht dem Wagen) steckt eben immer noch viel mehr Japan drin. Gerade auch in den Verhaltensweisen der Akteure.

Im Mittelpunkt stehen der bereits erwähnte Junsuke, der Neuankömmling Sei und vor allem Haruo: ein vielleicht Zwölfjähriger mit schlohweiß gebleichten schulterlangen Haaren, dessen Konterfei auch das Titelbild der ersten deutschen Ausgabe von „Sunny“ ziert, die jetzt bei Carlsen gestartet ist (und wie so oft bietet Carlsen keine für mich auffindbare Leseprobe an, also einfach dies hier: https://www.bing.com/images/search?q=matsumoto+sunny+manga&qpvt=Matsumoto+Sunny+Manga&form=IGRE&first=1&tsc=ImageHoverTitle). Es mag mich täuschen, aber wenn man sich Bilder des Verfassers von „Sunny“ ansieht, dann gibt es da eine Ähnlichkeit. Äußerlich vor allem wegen der schon angegrauten Haare von Matsumoto, aber sie besteht auch biographisch, denn der Zeichner wuchs selbst in einem Kinderheim auf. Nicht weil er Waise gewesen wäre, sondern weil seine Eltern ihn dorthin gaben. Und so ist es auch mit dem Großteil der Kinder in „Sunny“. Was sie alle eint und was erklärtermaßen auch Matsumotos prägendstes Gefühl als Heimkind war, das ist die Enttäuschung darüber, von den eigenen Eltern abgeschoben worden zu sein. Wie „Star Kids“ fühlen sie sich jedenfalls nicht.

Es gibt rund ein Dutzend Insassen im gleichnamigen Heim, ein paar mehr Jungen als Mädchen. Dazu kommen als weitere wichtige Figuren die Betreuer, ausgesprochen geduldige und tolerante Menschen – eine Hölle auf Erden ist „Star Kids“ keinesfalls, aber dennoch wollen alle eigentlich weg. Erst mit der Zeit lernt man die einzelnen Protagonisten kennen, Matsumoto lässt sich Zeit, und ich zumindest bin hochgespannt, ob auch der Zeitverlauf eine Rolle in „Sunny“ spielen wird, die Kinder also größer werden.  Fünf weitere Bände werden jedenfalls noch folgen, dann ist die Serie mit weniger als 1500 Seiten abgeschlossen, also von der Länge her eher ein Mittelstreckenmanga, was ja gut zum Mittelmangameister passt. Aber in jeder anderen Kategorie ist „Sunny“ ganz vorne mit dabei.

Erzählerisch deshalb, weil Matsumoto in seinen jeweils etwa dreißig- bis vierzigseitigen Episoden abgeschlossene Episoden bietet, die dennoch Teile eines großen Panoramas sind. Zeichnerisch, weil hier karikatureske Elemente in einer ansonsten ganz realistisch ins Bild gesetzten Welt zum Zuge kommen, wenn es grotesk wird – und die blühende (manchmal auch trauernde) Phantasie der Kinder sorgt für einige Skurrilität. Und schließlich auch psychologisch, denn der Einblick in kindliche Gemüter, die zwar Teil einer verschworenen Gruppe sind, aber sich doch allein fühlen, ist tief und vor allem im Comic, soweit ich sehe, ohne Beispiel. „Oliver Twist“ wäre das literarische Äquivalent, allerdings in ungleich tragischerer und somit auch klischeebehafteter Gestalt.

Worauf ich besonders gespannt bin in den Folgebänden (der zweite ist gerade erschienen, aber mein Comicladen hat zu; in Sachsen dürfen nicht mal Buchbestellungen abgeholt werden): Ob sich Matsumotos Vorliebe für ganzseitige Auftaktbilder, die in den Anschnitten und ungewöhnlichen Perspektiven in die Tradition der Holzschnitte von Hiroshige stellen, fortsetzt oder gar noch verstärkt. Es hat jedenfalls lange keinen Manga mehr gegeben, der mich so berührt hat, inhaltlich und ästhetisch. Es ist, als säße ich zumindest auf dem Beifahrersitz des Datsun Sunny.

 

 


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